Echoismus – Die Angst narzisstisch zu sein

Der Begriff Echoismus wurde von dem amerikanischen Psychoanalytiker David Dean geprägt und später von Craig Malkin, Autor von „Rethinking Narcissism“, in den Kontext des Narzissmus gebracht. Laut Malkin ist Echoismus die intensive Angst, narzisstisch zu wirken. Somit möchte ein Echoist niemandem zur Last fallen, hat Angst vor Aufmerksamkeit, kann seine Vorlieben und Bedürfnisse nicht äußern, sondern übernimmt die seines meist narzisstischen Partners.

Das bedeutet, das es sich bei einem Echoisten alles um andere dreht anstatt um sich selbst. Das geht soweit, dass in der Welt des Echoisten kein Platz für sich selbst ist und er stets nur an andere denkt- also Egoismus in die falsche Richtung könnte man sagen. – Gefallsucht und Unsicherheit sind seine steten Begleiter.

Weitere Merkmale eines Echoisten können sein:

  • Angst davor anderen zur Last zu fallen
  • Unfähigkeit Lob anzunehmen
  • Erträgt Aufmerksamkeit kaum (steht nicht gern im Mittelpunkt)
  • Schwierigkeiten eigene Entscheidungen zu treffen
  • Machen Sorgen und Kummer mit sich alleine aus

Narziss und Echo – das Komm her und Geh weg – Spiel

Übrigens verbirgt sich in dem Begriff Echoismus natürlich auch das Wort Echo und damit die Geschichte von Narziss und der Nymphe Echo. Diese verliebt sich in ihn und ist dazu verdammt, immer die letzten Worte dessen zu wiederholen, was sie hört.

Echo war eine wunderschöne Bergnymphe und hat im Auftrag von Zeus seine Gattin Hera durch das Erzählen von Geschichten abgelenkt, damit Zeus sich ungestört mit anderen göttlichen Damen vergnügen konnte. Hera bestrafte Echo, indem sie ihr die Sprache raubte und ihr nur die Fähigkeit ließ, die letzten an sie gerichteten Worte zu wiederholen. Echo verliebte sich in Narziss.

Als der einmal während einer Hirschjagd von seinen Freunden getrennt wurde und alleine durch den Wald stolzierte, folgte Echo ihm leise und vorsichtig. Narziss bemerkte ihre Anwesenheit und rief:

Narziss: Ist jemand hier?

Echo: „Hier,hier!

Narziss: Komm!

Echo: Komm, komm!

Nach einigen Echos trat Echo aus dem Unterholz und wollte Narziss umarmen. Der aber wich zurück und wollte von Echo nichts wissen. Echo fühlte sich über diese Ablehnung und Zurückweisung so elend, dass sie sich in eine Höhle zurückzog und schließlich soweit verkümmerte, dass nur noch ihre Stimme übrig blieb. Ihre Knochen sind zu Felsen geworden.

Echoisten führen ein anstrengendes Leben.

Echoismus gleichzusetzen mit verdecktem Narzissmus?

Eine teilweise Bedeutungsgleichheit besteht zu den Begriffen Co-Narzissmus, verdeckter Narzisst und dem von Dr. Jochen Peichl geprägten Ausdruck „Mutter Theresa Narzissmus“.

Es gibt aber auch Stimmen, die das Gegenteil behaupten. Also dass ein Echoist immen große Angst davor hat, selbst narzisstisch zu sein. Auch wird der Narzisst vom Echoisten gern als das komplette Gegenteil bezeichnet. Dennoch hat auch der Echoist narzisstische Anteile.

Das Kind versucht laut Peichl die narzisstische Wunde zu heilen und seinen verletzten Selbstwert zu regulieren, in dem es sich selbst zurücknimmt, alles für andere tut, altruistisch handelt und auf die Erfüllung seiner Bedürfnisse verzichtet. In einem gleicht es aber dem grandiosen Narzissten, der die narzisstische Wunde durch Konfrontation zu heilen versucht, nämlich in der Erwartung von Aufmerksamkeit, Anerkennung und Bestätigung. Es möchte in seiner Kleinheit gesehen werden und erwartet Anerkennung dafür. Alle sollen es toll finden, dass der Echoist nur für andere da ist und nicht an sich denkt.

Man könnte also auch meinen, der Echoist habe Gefallen an der Opferrolle.

© Arne Salisch