Dissoziale Persönlichkeitsstörung

Für die dissoziale Persönlichkeitsstörung sind eine niedrige Schwelle für aggressives und gewalttätiges Verhalten (wiederholte Schlägereien, Überfälle etc.), eine sehr geringe Frustrationstoleranz, Verantwortungslosigkeit und Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen, ein fehlendes Schuldbewusstsein (Betroffene zeigen keine Reue nach ihren Taten), Impulsivität, mangelndes Lernen aus Erfahrung oder Bestrafung sowie mangelndes Einfühlen in andere typisch.

Beziehungen werden zwar eingegangen, jedoch selten im guten Sinne aufrechterhalten. Dissoziale Personen sind zudem in erhöhtem Maße reizbar. Sie neigen zu Falschheit, wiederholtem Lügen oder Betrügen und wirken dabei gewissenlos, da sie sich rechtfertigen oder gar andere beschuldigen. Aus diesen Gründen neigen Menschen mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung vermehrt zu Gewalttaten, Kriminalität und Drogenmissbrauch.

Bei der „schwersten“ Untergruppe würde man diese Personen als trickreiche und sprachgewandte Blender mit oberflächlichem Charme, als gnadenlose Ausnutzer mit krankhaftem Lügen, betrügerisch-manipulativem Verhalten und Gefühlskälte oder als Kriminelle mit Erlebnishunger sowie unkontrolliertem und gewissenlosem Handeln bezeichnen.

Früher wurde in der Literatur der nun veraltete Begriff „Psychopath“ für diese Störung verwendet.

Die folgenden ICD-10-Kriterien beschreiben neben sozialer Abweichung charakterologische Besonderheiten, insbesondere Egozentrik sowie mangelndes Einfühlungsvermögen und defizitäre Gewissensbildung. Kriminelle Handlungen sind also nicht zwingend erforderlich, können aber vorkommen.

  1. Mangelnde Empathie und Gefühlskälte gegenüber anderen
  2. Missachtung sozialer Normen
  3. Beziehungsschwäche und Bindungsstörung
  4. Geringe Frustrationstoleranz und impulsiv-aggressives Verhalten
  5. Mangelndes Schulderleben und Unfähigkeit zu sozialem Lernen
  6. Vordergründige Erklärung für das eigene Verhalten und unberechtigte Beschuldigung anderer
  7. Anhaltende Reizbarkeit

Drei dieser Kriterien müssen erfüllt sein, um von einer antisozialen bzw. dissozialen Persönlichkeitsstörung sprechen zu können.

Laut DSM-5 besteht ein tiefgreifendes Muster von Missachtung und Verletzung der Rechte anderer, das seit dem 15. Lebensjahr auftritt. Man unterscheidet dabei „instrumentell-dissoziales Verhalten“, „impulsiv-feindseliges Verhalten“ und „ängstlich-aggressives Verhalten“. Auch hier müssen drei Kriterien erfüllt sein, um davon ausgehen zu können, dass eine antisoziale Störung im Sinne des DSM-5 vorliegt.

  1. Versagen, sich in Bezug auf gesetzmäßiges Verhalten gesellschaftlichen Normen anzupassen, was sich in wiederholtem Begehen von Handlungen äußert, die einen Grund für eine Festnahme darstellen
  2. Falschheit, die sich in wiederholtem Lügen, dem Gebrauch von Decknamen oder dem Betrügen anderer zum persönlichen Vorteil oder Vergnügen äußert
  3. Impulsivität oder Versagen, vorausschauend zu planen
  4. Reizbarkeit und Aggressivität, die sich in wiederholten Schlägereien oder Überfällen äußert
  5. Rücksichtslose Missachtung der eigenen Sicherheit bzw. der Sicherheit anderer
  6. Durchgängige Verantwortungslosigkeit, die sich im wiederholten Versagen zeigt, eine dauerhafte Tätigkeit auszuüben oder finanziellen Verpflichtungen nachzukommen
  7. Fehlende Reue, die sich in Gleichgültigkeit oder Rationalisierungen äußert, wenn die Person andere Menschen gekränkt, misshandelt oder bestohlen hat

Entstehung und Entwicklung der antisozialen Persönlichkeitsstörung

Wie bei den anderen Persönlichkeitsstörungen geht man davon aus, dass auch die antisoziale Persönlichkeitsstörung durch das Zusammenwirken von biologischen, psychischen und umweltbezogenen Faktoren entsteht. So tritt sie häufiger auf, wenn bereits ein oder beide Elternteile die Störung hatten, was auf eine genetische Ursache hindeutet. Auf der anderen Seite kommen die Betroffenen häufig aus zerrütteten Elternhäusern und haben in ihrer Kindheit Gewalt, Vernachlässigung und wenig Zuwendung erlebt.

Das auffällige Verhalten lässt sich meist schon in der Kindheit und Jugend beobachten: Die Betroffenen missachten Regeln, schwänzen wiederholt die Schule, stehlen, zerstören mutwillig Dinge oder lügen ständig. Im Erwachsenenalter neigen viele zu kriminellem und gewalttätigem Verhalten, übertreten Gesetze und haben eine hohe Risikobereitschaft. Sie können mit Frustrationen schwer umgehen und neigen dann zu aggressivem und gewalttätigem Verhalten. Dabei führen in der Regel auch Strafen oder negative Erfahrungen nicht dazu, dass sie ihr Verhalten ändern.

Bei einer antisozialen Persönlichkeitsstörung stehen psychotherapeutische Behandlungsansätze im Vordergrund. Das Ziel ist dabei vor allem, Eigenschaften des Patienten zu verändern, die zu Aggressivität, Gewalttätigkeit und kriminellen Handlungen führen können. Entsprechend ist es ein wichtiges Ziel der Therapie, die zwischenmenschlichen und sozialen Kompetenzen zu verbessern und eine bessere Kontrolle über Impulse zu erreichen, die zu strafbaren Handlungen geführt haben. Außerdem soll das Einfühlungsvermögen der Betroffenen gefördert werden – insbesondere in die Auswirkungen ihrer Handlungen für ihre Opfer. Darüber hinaus lernen die Patienten Strategien, mit denen sie Rückfälle in alte Verhaltensmuster vermeiden können.

Eine Besonderheit der psychotherapeutischen Behandlung einer antisozialen Persönlichkeitsstörung ist, dass die Betroffenen meist nicht freiwillig, sondern infolge einer gerichtliche Anordnung oder auf Druck ihres Arbeitgebers in die Therapie kommen. Viele nehmen auch zwangsweise an Therapieangeboten in Gefängnissen teil. Zudem wird in vielen Therapiekonzepten vor allem eine Veränderung des kriminellen und gewalttätigen Verhaltens angestrebt – weniger eine Veränderung der typischen Persönlichkeitsmerkmale. Deshalb ist die Motivation der Patienten anders als bei der narzisstischen Störung (wenn diese diagnostiziert ist), in der Therapie mitzuarbeiten und ihr Verhalten zu verändern, oft nicht besonders hoch.