Co- Abhängigkeit und unsicheres Bindungsverhalten

Viele Menschen verwirrt die Vielfalt von Begriffen, die im Zusammenhang mit dem Bindungsverhalten verwendet werden. Man spricht im allgemeinen von Borderlinern, Narzissten, Co- Narzissten, Co- Abhängigen, Dependenten, Schizoiden, Selbstunsicheren, und Echoisten, gar von Psychopathen. Die Diagnosen dazu wurden oft von Hobbypsychologen oder einem selbst gestellt, weil die Beschreibungen, die man in zahlreichen Internetforen gefunden hat, gut auf die jeweilige Person zu passen scheinen. Co-Abhängigkeit und unsicheres Bindungsverhalten sind aber auch häufig der Grund für die Ausprägung von narzisstischen Verhaltensweisen.

Vorsicht bei Ferndiagnosen!

Alle Kategorisierungen können wahr sein, sie können aber auch komplett falsch sein. Vor allem aber können diese Kategorisierungen und Zuschreibungen lediglich probate Hilfsmittel sein, um bestimmte typische Verhaltensmuster und Zusammenhänge besser zu erklären und zu erfassen. Sie sind aber nur sehr selten oder auch gar nicht „Die Erklärung“ für das Problem, vor dem man steht.

Auch was die Boulevard- Medien und die Revolverblätter dazu schreiben oder einer Person des öffentlichen Lebens „andichten“ ist mit großer Vorsicht zu genießen. Die Dunkelziffer der Fehldiagnosen und Kunstfehler ist immens. Ein professionell arbeitender Psychotherapeut und Diagnostiker würde sich niemals öffentlich (außer vor Gericht) zu einer Diagnose einer Person äußern.

Denn wie ich schon schrieb, können Ferndiagnosen oder selbst vermutete Diagnosen, die aufgrund von Internetrecherche zustande gekommen sind, auch falsch sein. Oft hat man sich nur die eine Seite der Medaille angeschaut, nämlich die auf der „Narzissmus“ steht.

Co-Abhängigkeit und unsicheres Bindungsverhalten begünstigen die Ausbildung narzisstischer Verhaltensweisen.

Es gibt sehr viele Überschneidungen, also auch Gemeinsamkeiten. Die Stärke der Ausprägung von Co-Abhängigkeit und ungesundem Bindungsverhalten bewegt sich auf einem Spektrum. Das gilt sowohl für die ängstlich über involvierten Bindungsmuster, als auch für die ängstlich vermeidenden.

Das heißt man kann einerseits co-abhängig sein, gleichzeitig aber auch total narzisstisch. Denn Co-Abhängigkeit und unsicheres Bindungsverhalten begünstigen die Ausbildung narzisstischer Verhaltensweisen.

Der Terminus Narzissmus ist jedoch sehr negativ konnotiert ist und wird fälschlicherweise oft in einem Atemzug mit dem Psychopathen genannt. Selbst bei Menschen, die sich selbst als Co- Narzissten betiteln oder als Opfer eines Narzissten sehen, fällt die Innenschau aus, während der Schuldige im Außen gesucht wird.

Wer in diesem Begriffswirrwarr noch den Überblick bewahren will, sollte von den diagnostischen Fachbegriffen zu beschreibenden und erklärenden Begrifflichkeiten wechseln, die Co-Abhängigkeit und unsicheres Bindungsverhalten des Einzelnen erklären.

Co-Abhängigkeit und unsicheres Bindungsverhalten äußern sich auf unterschiedliche Weise.

Es gibt die passiven, friedlichen Co-abhängigen, die den Kampf um Liebe und Anerkennung vom Partner aufgegeben haben. Diese passen sich an oder unterwerfen sich gerne. Sie führen dann nach Außen hin eine glückliche Ehe, während es im Inneren brodelt. Sie schaffen es aber nicht über ihre Probleme zu reden und reden sich ein nichts daran ändern zu können.

Im Gegensatz dazu versuchen die aktiven Typen – oft auf subtile manipulative Art – von ihren vermeidenden Partnern unaufhörlich das zu bekommen, was sie sich wünschen. Sie schrecken nicht vor Diskussionen und heftigen Auseinandersetzungen zurück. Gleichzeitig idealisieren sie wie der Narzisst die ideale Liebe. Sie vergleichen ihre Beziehung mit anderen und versuchen ihren Partner davon zu überzeugen, dass er Hilfe bräuchte oder man nur gemeinsam in einer Paartherapie etwas verändern könnte.

Es treten häufig auch Co-abhängige Verleugner in Erscheinung, die die Vogel Strauß Methode als Bewältigungsstrategie wählen. Sie rationalisieren ihre Beziehungssituation und leben nach dem Motto: „Wenn ich über das Problem nicht nachdenke, dann existiert es nicht.“

Intellektuelle Besserwisser

Und dazu kommt noch die große Gruppe der nicht weniger Therapie resistenten intellektuellen Co-abhängigen, die extrem kopfgesteuert an die Sache herangehen. Ihr Abwehrmechanismus besteht aus der Hyper-Analyse des Themas. Sie kennen irgendwann jedes Buch und Video über Narzissmus und Bindungsangst, Aber sie sind aber weiter auf der Suche nach so etwas wie dem „Heiligen Gral“, nach dem Puzzle-Teil, was ihnen scheinbar noch fehlt. Sie wollen die Beziehung zu ihren vermeintlichen Seelenpartnern retten. Auch sie können sich nicht trennen.

,Die Verantwortung für ihre Unfähigkeit, sich zu trennen, schieben sie gern dem Narzissten in die Schuhe. Dabei sind sie es, die Co-Abhängigkeit und unsicheres Bindungsverhalten zeigen. Denn der soll sie ja manipulieren oder irgendwelche Tricks anwenden, um sie noch fester an sich zu binden. Man spricht dann gerne von Love- Bombing, Hoovering oder Gaslighting. Das dient als Erklärung, warum man bleibt und scheinbar keine andere Wahl habe, als zu bleiben. Gleichzeitig werden Verhaltensweisen an Tag gelegt, die man sonst nur Narzissten zuschreibt.

Die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Thematik ist gut. Nur löst sie allein das Problem nicht.

© Daniel Brodersen