Co- Abhängigkeit vs. unsicheres Bindungsverhalten und was das mit Narzissmus zu tun hat…

in Zusammenarbeit mit Kati Körner

Viele Menschen verwirrt die Vielfalt von Begriffen, die im Zusammenhang mit dem Bindungsverhalten verwendet werden. Man spricht im allgemeinen von Borderlinern, Narzissten, Co- Narzissten, Co- Abhängigen, Dependenten, Schizoiden, Selbstunsicheren, Echoisten, von Beziehungsunfähigen Heuchlern und Blendern und schlimmstenfalls sogar von Psychopathen. Die Diagnosen dazu wurden oft von Hobbypsychologen oder einem selbst gestellt, weil die Beschreibungen und/oder Zuschreibungen, die man in zahlreichen Internetforen gefunden hat, gut auf die jeweilige Person zu passen scheinen.

VORSICHT!!!

Alle Kategorisierungen können wahr sein, sie können aber auch komplett falsch sein, vor allem aber können diese Kategorisierungen und Zuschreibungen lediglich probate Hilfsmittel sein, um bestimmte typische Verhaltensmuster und Zusammenhänge besser zu erklären und zu erfassen. Sie können aber nur sehr selten oder auch gar nicht „Die Erklärung“ sein für das Problem, vor dem man steht. Auch was die Boulevard- Medien und die Revolverblätter dazu schreiben oder einer Person des öffentlichen Lebens „andichten“ ist mit großer Vorsicht zu genießen. Die Dunkelziffer der Fehldiagnosen und Kunstfehler ist immens. Ein professionell arbeitender Psychotherapeut und Diagnostiker würde sich niemals öffentlich (außer vor Gericht) zu einer Diagnose einer Person äußern.

Jeder Fall bleibt einzigartig. Es gibt nicht „den Narzissten“ oder „die Co- Abhängige“. Es gibt aber auch nicht „die Narzisstin“ und auch nicht „den Co- Abhängigen“.

Es gibt sehr viele Überschneidungen, also auch Gemeinsamkeiten und die Stärke der Ausprägung ( und demzufolge der Pathologie) von ungesundem Bindungsverhalten bewegt sich auf einem Spektrum. Das gilt sowohl für die ängstlich überinvolvierten Bindungsmuster, als auch für die (ängstlich) vermeidenden.

Das heißt man kann einerseits co-abhängig sein, andererseits aber auch total narzisstisch. Da der Narzissmus jedoch sehr negativ konnotiert ist und oft in einem Atemzug mit dem Psychopathen genannt wird (was oftmals falsch ist), findet selbst bei Menschen, die sich selbst als Co- Narzissten betiteln oder als Opfer eines Narzissten sehen, die Innenschau aus, während der Schuldige im Außen gesucht wird. Wer in diesem Begriffswirrwarr noch den Überblick bewahren will, sollte vielleicht von den diagnostischen Fachbegriffen wechseln zu beschreibenden und erklärenden Begrifflichkeiten die das Bindungsverhalten des Einzelnen erklären.

Denn wie ich schon schrieb, können Ferndiagnosen oder Selbst vermutete Diagnosen, die aufgrund von Internetrecherche zustande gekommen sind, auch komplett falsch sein oder nur teilweise richtig, weil man sich nur die eine Seite der Medaille angeschaut hat, nämlich die auf der „Narzissmus“ steht.

Wie sich der Narzissmus äußert, wird in vielen Blogs (auch auf dieser Seite) beschrieben. Hier wollen wir uns ausschließlich der Co- Abhängigkeit widmen.

Co-Abhängigkeit, was ein typisches Merkmal von unsicherem Bindungsverhalten ist, äußert sich auf unterschiedliche Weise.

Es gibt die passiven, friedlichen Co-abhängigen, die den Kampf um Liebe und Anerkennung vom Partner aufgegeben haben. Diese passen sich an oder unterwerfen sich gerne. Sie führen dann nach Außen hin eine glückliche Ehe, während es im Inneren brodelt. Sie schaffen es aber nicht über ihre Probleme zu reden und reden sich ein nichts daran ändern zu können.

Im Gegensatz dazu versuchen die aktiven Typen – oft auf subtile manipulative Art – von ihren vermeidenden Partnern unaufhörlich das zu bekommen, was sie sich wünschen. Sie schrecken nicht vor Diskussionen und heftigen Auseinandersetzungen zurück. Gleichzeitig idealisieren sie wie der Narzisst die ideale Liebe, vergleichen ihre Beziehung mit anderen und versuchen ihren Partner davon zu überzeugen, dass er Hilfe bräuchte oder man nur gemeinsam in einer Paartherapie etwas verändern könnte.

Es treten häufig auch co-abhängige Verleugner in Erscheinung, die die Vogel Strauß Methode als Bewältigungsstrategie wählen. Sie rationalisieren ihre Beziehungssituation und leben nach dem Motto: „Wenn ich über das Problem nicht nachdenke, dann existiert es nicht.“

Und dazu kommt noch die große Gruppe der nicht weniger Therapie resistenten intellektuellen Co-abhängigen, die extrem kopfgesteuert an die Sache herangehen. Ihr Abwehrmechanismus besteht aus der Hyper-Analyse des Themas. Sie kennen zwar irgendwann jedes Buch und Video über Narzissmus und Bindungsangst, sind aber weiter auf der Suche nach so etwas wie dem „Heiligen Gral“, nach dem Puzzle-Teil, was ihnen scheinbar noch fehlt, um die Beziehung zu ihren vermeidenden Seelenpartnern zu retten. Auch schaffen Sie es nicht sich zu trennen. Die Verantwortung für ihre Unfähigkeit sich zu trennen, wird auch dem Narzissten gern in die Schuhe geschoben, denn der soll sie ja manipulieren oder irgendwelche Tricks anwenden, um sie noch fester an sich zu binden. Man spricht dann gerne von Love- Bombing, Hoovering oder Gaslighting, als Erklärung, warum man bleibt und scheinbar keine andere Wahl habe, als zu bleiben. Gleichzeitig werden Verhaltensweisen an Tag gelegt, die man sonst nur Narzissten zuschreibt.

Die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Thematik ist gut. Nur löst sie allein das Problem nicht.

Liebe Betroffenen,

Wenn ihr euch wiedererkennt, dann hört auf weiter Bücher zu lesen und richtet stattdessen den Fokus ins eigene Innere. Es stellen sich für jeden unsicheren Bindungstyp, der gerade in einer unglücklichen Beziehung steckt zwei wichtige Fragen:

„Was sind die Gründe dafür, dass ich in dieser Beziehung gelandet bin?“ und „Warum kann ich sie trotz meines Schmerzes nicht beenden?“ Die Antworten darauf findet ihr nur in euch selbst.

© Daniel Brodersen