Die Bedrohung namens Angst von Lukas Keller

Ich fühlte mich immer bedroht. Wirklich immer.

Die Intensität des Sich-Bedroht-Fühlens kann ab- und zunehmen. Die Angst war immer da, selbst in Situationen in denen ich in meiner vermeintlichen Grandiosität aufging war sie latent vorhanden.

In Momenten liebevoller Intimität, die sehr selten waren und oft von Rauschmittelkonsum begleitet waren, in denen mit jemand so viel Vertrauen da war dass ich für einen Moment loslassen konnte, war die Angst (die Bedrohung) für Momente fort. Für Momente. Ein ganz anderes fremdes Gefühl für mich. Manchmal ein Schimmer der Hoffnung. Der schnell verflog.

Es ist schwer verständlich zu machen, aber ich versuche es. Da war einerseits dieses große, scheinbar kugelsichere, glänzende, stets überlegene Ego. Und andererseits, tief in mir vor mir selbst und allen anderen das verborgene verletzte, traurige, ängstliche, schambesetzte (Ur-)Selbst, dass nicht berührt werden durfte, nicht von mir und schon gar nicht von jemand anders.

Aber eine Ahnung, eine bedrohliche Ahnung dessen was da schlummert war immer da. Die Trauer war noch hinnehmbar, alles andere nicht.

Wenn das, was da so weggesperrt war, berührt wurde, war mir das meist nicht bewusst, aber es löste etwas aus: Abwehr. Die NPS ist ein Abwehrmechanismus an sich, ihre Ausdrucksformen sind Abwehr, ihr Ursprung sind Traumata und Angst so wie Schutz vor neuen Verletzungen. Vor noch mehr Angst, Scham, und Wut. Vor noch mehr Ohnmacht. Hätte mir das jemand vor Jahren gesagt wäre ich zusammengebrochen. In dem Prozess der Erkenntnis und des Fühlens solcher Gefühle brach ich zusammen. Wie ein kleines Kind.

Die NPS ist eine Überlebens- Strategie diesen Zusammenbruch zu verhindern.

Nein, der narzisstische Missbrauch war keine geplante Strategie. Ich wollte nie jemanden bewusst zum Opfer machen. Es passierte einfach. Es war meine Abwehr, mein Selbstschutz der mich dazu zwang. Mal war mir in Sequenzen bewusst was ich tat, auf rein analytisch-kognitiver Ebene. Meistens war mir nicht bewusst was ich tat. Manchmal wurde es mir hinterher, nach den vielen vielen Momenten in denen ich Menschen verletzte, leider, hinterher bewusst. Dann kam wieder die Scham, die Angst, nein, die Gewissheit nicht gut genug zu sein.

Wohin damit? Abspalten, betäuben, Zufuhr sichern. Bloß nicht mit der Ohnmacht konfrontiert werden. Alles tun um daran glauben zu können, dass das große Ego ich selbst bin.

Das verdammte Biest füttern, damit es Ruhe gibt.

Alles tun um das Sich-Bedroht-Fühlen nicht fühlen zu müssen. Aber es war da. Fast immer. Wie ein scheiß Affe der dir im Nacken sitzt und dich zwingt Dinge zu tun die du nicht tun willst. Aber du musst einfach.

Es gibt keine Strategie des Missbrauchs, wie so mancher hier meint. Es gibt einzelne Strategien die durch Trigger ausgelöst werden, wie Abwertung, Ego-Aufwertung, Ghosting, etc. Manche der Methoden die den Narzissten zugeschrieben werden gehören zu der antisozialen Persönlichkeitsstörung, von denen manche Narzissten (einschließlich meiner Wenigkeit) Anteile, sprich Komorbiditäten haben. Alle Antisozialen sind auch Narzissten, aber die wenigsten Narzissten sind auch antisozial. Ein antisozial gestörter plant emotionalen Missbrauch (er fühlt sich auch nicht wirklich bedroht), einem Narzissten passiert das einfach. Mir passierte das einfach. Nur in Sequenzen konnte ich planen, d.h. in Zeit- und Handlungsrahmen von Stunden oder wenigen Tagen.

In engen Beziehungen habe ich niemals Missbrauch geplant, sondern hätte mir gewünscht ich könnte anders. Mal gelang das, mal nicht. Wenn es gelang waren das die Momente in denen z.B. meine Partnerinnen sehr glücklich mit mir waren, bevor das Biest wieder die Führung übernahm. Echte Liebe war für mich auch bedrohlich, weil sich meine verletzten Anteile so sehr danach sehnten, aber dann wurden eben auch die Verletzungen, die Verzerrungen, die geradezu lebensbedrohlichen Gefühle getriggert. Und dann übernahm die Abwehr wieder die Regie. Diese Momente in denen es gelang nicht missbräuchlich, sondern in so etwas wie Liebe zu sein, werden uns Narzissten oft als Missbrauchsstrategie (kurz Hoffnung geben um jemanden zu binden) vorgeworfen. Das ist keine Strategie. Ich hoffte selbst, und war dann selbst enttäuscht von mir dass ich keine liebevolle Haltung aufrecht halten konnte. Diese Hoffnung und Enttäuschung projizierte ich wiederum auf meine Partnerin. Nicht noch mehr Schuld, nicht noch mehr Scham. Besser sie fühlt sich schuldig. Das alles passierte mir.

Das alles war keine Strategie.

Es gibt Trigger, und du tust das wozu deine Abwehr, deine NPS dich zwingt.

God help the beast in me.

Lasst mich noch eine Bemerkung zum Schluss machen, nicht um mich freizusprechen, sondern um es einfach mal klarzustellen: Es sind immer zwei Menschen mit ihren Anteilen die eine Beziehung gestalten. Das mildert nicht die Schwere des Missbrauchs.

Jedoch: Wer heilen will muss sich den eigenen Anteilen stellen.

Ich wurde schuldig an meinen Partnerinnen. Sie wurden schuldig an sich selbst, denn sie haben es mit sich machen lassen, und meine Schuld (und Scham, welche die Steigerung und die Ansammlung von Schuld ist) auf sich genommen.

Ich bin im Reinen mit ihnen, und sie mit mir. Es war genug Zuneigung übrig um nach längeren No-Contact-Phasen unsere Beziehungen in zahllosen bewegenden Gesprächen aufzuarbeiten.

Ich hatte Gelegenheit um Verzeihung zu bitten, und sie vergaben mir. Ich bin sehr dankbar dafür. Und sehr froh darüber dass es ihnen inzwischen wieder gut geht. Sie brauchten lange dafür. Ich weiß inzwischen verdammt gut was ich ihnen antat. Und sie was sie sich selbst antaten. Und wir alle wissen warum all dies geschah.

Wir waren schwer verletzte Kinder. Jeder von uns kam auf unterschiedliche Art und Weise an den Punkt an dem wir Verantwortung für unser Da-Sein übernehmen mussten und konnten.