Mein emotionaler Ferrari in mir

Wenn man sieht, was für ein wunderschönes Auto ich besitze, könnte man neidisch werden.
Das Auto ist rot, es ist erstklassig ausgestattet, mit allem drum und dran. Allerdings hat es schon einige Beulen und Dellen bekommen. Ich bin einfach viel zu schnell, wie auf einer permanenten Überholspur. Und damit brettere ich durch die Ortschaft. 200kmh und mehr, bringe ich auf. Manchmal überfahre ich dabei ein oder zwei Stoppschilder, manchmal übersehe ich aber auch jemanden, der mitfahren möchte, der nur einen Fiat fährt oder einen BMW. Ich mache kaum Pausen, wenn ich aber Pausen einlege, dann bleibe ich selten auf der Stelle stehen. Ich bin im stetigen Unruhestand. Ich suche immer das nächsthöhere Level, gebe mich selten mit weniger zufrieden und erwarte dabei dennoch, dass auch ein Fiat oder ein BMW mit mir mithalten kann. Wenn ich mit jemandem unterwegs bin, vorne der Ferrari, hinter mir der Fiat, dann bin ich schneller und danach auch frustriert, weil ich immer warten muss, immer Rücksicht nehmen muss und schließlich zu der Erkenntnis kommen muss, dass mir mein Ferrari, auch wenn er noch so schön ist und erstklassik in den Kurven liegt, nichts bringt. Denn ich habe nie gelernt ihn richtig zu fahren. Wie denn auch? Es wurde mir nie gezeigt. Es wurde einfach davon ausgegangen, dass ich in der Lage sein muss, so ein schönes Auto durch die Gegend zu fahren. Bloß bin ich nie wirklich gefragt worden, ob ich das kann oder will. Wäre ich einmal gefragt worden, hätte ich doch zumindest eine leichter zu tretende Bremse eingebaut oder mir einbauen lassen, aber wie ich schon sagte, ich wurde nicht danach gefragt. Und jetzt haben wir den Salat. Ich fahre einen emotional lädierten Ferrari, der zwar schön aussieht, aber innen drin nie richtig bedient wurde. Ich bin Narzisst, leider. Ich fahre einen emotionalen Ferrari, ebenso leider. Ich hab mir beides nicht ausgesucht, aber ich muss damit leben und ich glaube, auf kurz oder lang kann es mir gelingen, damit fahren zu lernen. Ich gebe die Hoffnung zumindest nicht auf. Und dank den Mechanikern in Mainz habe ich wenigstens nun eine Bedienungsanleitung samt Fahranweisung in der Hand. Ich werde das schaffen, weil ich es mir wert bin und weil ich es leid bin, andauernd Stoppschilder zu überfahren um dann zwar vorne zu sein, aber eben auch allein zu sein, denn allein, glaubt mir, allein will keiner sein!

Ich will nicht alles in meinem Leben anklagen, was so war, denn nicht alles war schlecht. Nur vieles hab ich mir selber schlecht gemacht, auch wenn ich es nach außen hin oft schöner geredet habe, als es in Wahrheit war. Ich wollte nicht, dass mein Umfeld merkt, wie es tatsächlich für mich ist, auch wenn die, die mich kannten es bemerkt haben. Ich hatte Angst vor der Reaktion, weil doch so manches Gefühl auch für mich verquer und unerklärlich war. Immerhin konnte ich denen, die mich nicht kannten und wahrscheinlich auch mir selber, damit immer wieder etwas vormachen. „Es geht mir gut, auch wenn es mir in Wahrheit beschissen ging. Ich habe am Ende selber geglaubt, dass es besser so ist, als anders, denn oft wollte ich den ganzen Schlamassel in meinem Leben nicht wahrhaben. Und wenn es mir dann doch irgendwann zuviel wurde, habe ich angefangen mit dem Leben zu spielen, als wäre es ein verbotenes Glücksspiel. Ich war süchtig nach Glück oder zumindest nach dem Gefühl etwas zu empfinden, was ich eigentlich nicht empfunden habe. Ich trieb es oft bis an die Spitze, bis es nicht mehr weiter ging und ich dem Ganzen dann oft ein Ende setzen wollte.
Von außen betrachtet fragt man sich, denkt so ein Narzisst? Kann ein Narzisst wirklich klar und deutlich sagen, was er wirklich denkt, was er wirklich fühlt oder was er empfindet? Ich kann… seit ich weiß wie es geht. Ich war in Mainz, bin 613 Km gefahren um Antworten zu finden, auch weil ich mit den Klischees des Narzissmuss für mich ins Reine kommen wollte. In der heutigen Gesellschaft werden Menschen mit einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung genauso wie Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung kategorisiert, in Schubladen verbracht und pauschalisiert. In unserer Gesellschaft gilt „Narzisst“ sogar als Beleidigung und Menschen lehnen den Narzissmus allgemein ab. Sie verbinden mit Menschen wie mir „Nichts Gutes“, ohne zu merken, dass sie mich damit abwerten und sich selber damit erhöhen, welches ein klassisches Symptom der narzisstischen Persönlichkeit ist, die Selbsterhöhung. Narzissten sind nicht alle gleich. Ich bin ein Narzisst mit eher benignen Ausprägungen, nur kennt kaum einer den Unterschied zwischen maligne und benigne und das obwohl es viele prominente Beispiele des Narzissmus in unserer Gesellschaft gibt. Manchmal wird sogar gesagt, dass in jedem von uns ein bisschen ein kleiner Narzisst wütet, weil jeder von uns nach Anerkennung strebt. Niemand wird als Narzisst geboren. Und niemand hat das Recht über Narzissten zu urteilen, ohne auch nur einen Bruchteil über diesen Menschen zu wissen.

Narzissten haben Schwierigkeiten sich emotional zu regulierten, so das die wahren Bedürfnisse und Gefühle unerfüllt/ versteckt bleiben. Sie kompensieren z.B. Traurigkeit mit Wut. Was gesehen wird ist die Wut. Was nicht gesehen wird, ist die Traurigkeit. Was bleibt, ist das Unverständnis darüber, das der Narzisst wütend ist.


Nicht selten erscheinen die Wutausbrüche als Abrechnungsszenarien oder Schuldzuweisungskämpfe. Dass dahinter ein kleines Kind steht, welches eigentlich nur getröstet werden möchte, wird nicht erkannt. Und es wird wieder gesagt, „Er mal wieder“ oder „Typisch Narzisst“. Ich versuche damit zu leben, und ich lerne gerade damit umzugehen, sozusagen meinen emotionalen Ferrari in mir zu fahren. Mir ist klar geworden, dass nur Ich meine Gedanken und entsprechend auch meine Handlungsimpulse steuern kann. Natürlich bin ich nicht von Rückschlägen befreit, durch mein ADHS und einhergehender Impulskontrollstörung forciere ich mein impulsives, verärgertes Kind, welches gleichzeitig auch ein Überkompensierer in Form des aggressiven Beschützers darstellt. Dank neuartiger Medikation kann ich aber viele meiner Wutausbrüche unterdrücken und durch Mitgefühl für meine Mitmenschen ersetzen.
Die Gedanken meiner Mitmenschen kann ich nicht ändern, ebenso wenig deren Verhaltensweisen. Wenn ich wütend bin, ist es in der Regel nicht die Schuld der anderen. Sie lösen nur etwas in mir aus. Wenn ich es schaffe, mich 100% kennen zu lernen, zu verstehen und auch zu akzeptieren, dann kann ich mit Sicherheit auch einen Ferrari fahren.

(Aus dem Jahre 2016 – der erste Text von Leonard Anders, als er sich auf den Weg begab, seinen Narzissmus zu heilen)