Wie es gelingt empathisch zu sein

Über Narzissten wird gesagt, dass sie einen Empathiemangel haben, d.h. es fällt Ihnen schwer anderen absichtslos zuzuhören. Gleichzeitig zeigen Sie mitunter kaum oder keinerlei Bereitschaft sich in andere einzufühlen. Der Empath(iker) dagegen soll zuviel fühlen und stets empathisch sein, weil er gar nicht anders kann. Jetzt stellt sich dabei eine Frage – trifft der Mangel an Empathie wirklich nur auf Narzissten zu, und sind Empathiker wirklich das Gegenteil davon und überhaupt: was heißt es wirklich empathisch zu sein?

Bevor du jetzt den Artikel liest, stelle bitte sicher, dass du wirklich interessiert bist an dem, was hier steht und nicht bloß einen Grund suchst, mir hier Schuldumkehr zu unterstellen. Mir ist bewusst, dass ich mit diesem Artikel vermutlich einige Menschen triggern werde. Ich habe mich jedoch sehr lange mit der Frage auseinander gesetzt, was es heißt empathisch zu sein. Also stelle bitte sicher, dass du offen und wertfrei diesen Artikel lesen kannst.

Was Empathie bedeutet

Was ist eigentlich Empathie?

Empathisch zu sein heißt die Bereitschaft zu haben, absichtslos einer anderen Person zuzuhören, denjenigen mit seiner Persönlichkeit zu erkennen, anzunehmen und zu verstehen. Es heißt außerdem, aufrichtig interessiert am Gegenüber zu sein und das vollkommen wertneutral. Darüber hinaus gehört auch die Fähigkeit dazu, achtsam und wertschätzend auf Gefühle wie Trauer, Ärger, Wut oder Frust zu reagieren und es eben nicht auf sich zu beziehen oder es als seinen Job zu sehen, den anderen jetzt zu retten.

Echtheit, also einfach nur da sein, präsent sein, und offen zuhören ohne das Gesagte zu bewerten, ist bereits Empathie und wird oft vom Gegenüber als sehr wohltuend und heilsam wahrgenommen. Gelebte Empathie zeugt von Achtsamkeit, Echtheit, Neutralität, Wertfreiheit (Bewertungslosigkeit) und aufrichtigem interessierten Zuhören.

Grundlage um empathisch zu sein ist innere Stärke, Ausgeglichenheit und Selbstregulation

Um sich empathisch verhalten zu können, ist es unerlässlich in seiner Mitte zu sein. Dazu gehört eine gewisse innere Stärke und vor allem die Fähigkeit selbst die Ruhe zu bewahren in angespannten Situationen (d.h. eine gute Selbstregulation zu besitzen). Auch sind eine realistische Selbstwahrnehmung und Selbstbewusstsein wichtige Stützpfeiler um empathisch zu sein, da man sich sonst in seiner Wahrnehmung zu schnell angegriffen fühlt, wenn das Gegenüber eine andere Meinung hat, als man selbst. Empathie bedeutet nämlich nicht, dass man zu allem Ja und Amen sagt, schon gar nicht der Harmonie wegen.

Sich selbst wahrzunehmen bedeutet, dass man sich seiner eigenen Gefühle und Bedürfnisse bewusst ist. Je besser der Kontakt zu sich selbst, desto besser ist man auch dazu in der Lage die Gefühle und Ansichten anderer nachzuvollziehen und vor allem zu akzeptieren, schon gar wenn man selbst komplett andere Gefühle und Ansichten hat. Man sagt auch, dass man sich dann in einem entspannten Zustand befindet, in dem man einen guten Zugang zu seinen Ressourcen hat.

Vorteile die Empathie mit sich bringt:

  • Empathische Menschen leben in guten und harmonischen Beziehungen
  • Menschen mit großen Einfühlungsvermögen, können sich selbst und ihr Umfeld besser motivieren
  • Empathische Menschen leben in einer guten Eigenverantwortung
  • Menschen die empathisch sind, führen keine Kriege und haben insgesamt weniger Stress
  • Empathische Menschen sind in der Regel angesehen und beliebt
  • Empathische Menschen können sich gut abgrenzen, es fällt Ihnen leichter bei sich selbst zu bleiben

Stress und zuviel aufgestaute Energie dagegen fördern den Mangel an Empathie

Gerade, wenn man gestresst ist, der Akku fast leer ist, man unter Zeitdruck steht, genervt von der Arbeit ist, dann haben viele Menschen oft die Wunschvorstellung, dass die anderen nur funktionieren oder wissen, was sie jetzt brauchen, getreu dem Motto „Du musst doch sehen, dass ich gestresst bin“. Man erwartet oft eine vorteilhafte Behandlung oder besonders viel Einfühlungsvermögen und ist schnell enttäuscht, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden.

Oft vergessen wir aber, dass unser Gegenüber womöglich die selben Bedürfnisse hat, also auch bedürftig ist und momentan nicht in der Lage ist, so zu kommunizieren, wie wir uns das wünschen.

Gestresstheit und Müdigkeit erfordert, dass man seine Verantwortung wahrnimmt um sich selbst wieder in eine Balance zu bringen um in die Lage versetzt zu werden dem anderen zuzuhören. Dieses in Balance bringen nennt man auch Selbstregulation.

Die Polyvagaltheorie

Stephen Porgers der Vater und Begründer der Polyvagaltheorie beschrieb drei verschiedene Reaktionsmuster des Vagus Nervs, auch Entspannungsnerv genannt, dem vegetativen Nervensystem (VNS), bestehend aus Sympathikus und Parasympathikus und deren Auswirkung auf die Empathiefähigkeit. Bekannt waren bisher die Zustände Anspannung (Sympathikus) und Entspannung (Parasympathikus).

  • Wenn wir uns sicher und wohl fühlen, bestimmt das Social-Engagement-System (SES) unser Verhalten. Wir sind dann in der Lage zu anderen Menschen in Beziehung zu gehen und Zuzuhören. Der Parasympathikus kann die Herzfrequenz schneller regeln als der Sympathikus, was zu einer höheren Herzratenvariabilität (HRV) führt. Dies ist sehr förderlich für die Gesundheit und unser Wohlbefinden.
  • Der Wechsel in das nächste Reaktionsmuster geschieht, wenn wir großen Stress empfinden. Der Sympathikus übernimmt das Kommando. Unser Verhalten verändert sich, wir fühlen uns gefordert bis angespannt. Es fällt uns schwer in guten Kontakt mit uns selbst und anderen zu sein.
  • Steigert sich die Bedrohung oder Herausforderung soweit, dass sie vom VNS als lebensbedrohlich eingeschätzt wird, wie beispielsweise bei einem traumatischen Erlebnis, legt der dorsale (alte) parasympathische Ast des Vagus-Nervs als letzten Ausweg zur Rettung alles lahm. Dies führt zum Sich-Totstellen, Erstarren, in Ohnmacht fallen und auch zur Abspaltung von Emotionen oder der Empathie. Das System läuft im Energiesparmodus. Diese Symptome nennt man auch Hypervigilanz.

Wer in einer Beziehung mit einem narzisstischen Partner, sich selbst als Opfer wahrgenommen hat, weil der Narzisst sich nicht um ihre Bedürfnisse kümmern wollte, der darf gerne im Folgenden überprüfen, ob er wirklich so empathisch kommuniziert hat, wie er immer behauptet. Der Partner könnte nämlich in Wahrheit einfach nur gestresst sein, extremst überfordert, ängstlich oder im beschriebenen Energiesparmodus sich befinden und daher nicht im Stande sein einem zuzuhören oder auf die Bedürfnisse einzugehen.

Selbiges gilt im Übrigen auch für die Partner von Narzisst:innen oder sogenannte Empathen bzw. Empathiker. Auch sie könnten aufgrund ihres Stresses nicht im Stande sein empathisch zu sein oder wertschätzend zu kommunizieren.

So kommuniziert man empathisch

Um mit einer anderen Person in einen guten Kontakt zu kommen und um empathisch zu kommunizieren sind folgende Punkte in einer Unterhaltung zu beachten:

  • Augen bzw. Blickkontakt
  • achtsames und aufmerksames zuhören
  • gezieltes, interessiertes nachfragen
  • Wertfreiheit (Neutralität) – radikale Akzeptanz dessen, was der andere gesagt hat
  • spiegeln (ggf. wiederholen, was der andere gesagt hat)
  • offene, wertschätzende Haltung (wie man dem anderen gegenüber tritt)
  • Gefühle verbalisieren und ggf. auch zum Ausdruck bringen
  • Kongruenz bzw. Authentität (Echtheit im Kontakt)
  • innerer Frieden, mit sich selbst im Reinen sein

Was ist Empathie nicht?

Im Gegensatz zur Empathie stehen folgende Attribute, welche übrigens auch als Kommunikationssperren bekannt sind. Gerade wenn man selbst angespannt ist greift man zu Mitteln, die dazu führen, dass sich unser Gegenüber nicht verstanden fühlt und teilweise mit Ablehnung oder Abwehr reagiert.

  • Ratschläge (Ich finde, du solltest)
  • Vorwürfe, Vorhaltungen (Warum hast du nicht?)
  • Ablenken, Verharmlosen, (Das ist rein gar nichts, hör mal, was mir passiert ist)
  • Belehren (Das kann sich nur ändern, wenn du…)
  • Ermutigung (Komm lass den Kopf nicht hängen)
  • Trösten oder Beschwichtigen (Das war doch kein Fehler, du hast dein Bestes getan)
  • Mitleid (Du armer, Du hast es aber auch schwer)
  • Sympathie (Ich weiß, was du fühlst, das kenne ich auch)
  • Verhören, analysieren (Wann hat das angefangen?)
  • Argumentieren, In Frage stellen (So ist es nicht gewesen)
Empathie verbindet

Kurz empathisch sein, kurz zusammen fassen, kurz präsent sein – ohne Bewertung sorgt für ein empathisches Miteinander

Viele Menschen denken, dass Narzissten nur zu kognitiver Empathie im Stande sind, d.h. sie können sich vorstellen, was jemand denkt, sich jedoch nicht hineinversetzten in das, was jemand fühlt. Jedoch ist es in der Tat so, dass es vielen Menschen nur gelingt sich etwas vorzustellen, was sie selbst so, oder so ähnlich erlebt haben. Was man selbst nicht erlebt hat, kann man wahrscheinlich nicht 1:1 nachempfinden. Sind das jetzt alles Narzissten deswegen?

Um Empathisch zu sein, muss man nicht alles verstehen, was der andere sagt. Manchmal kann man einen Sachverhalt nur hören, jedoch nicht verstehen. Das muss man aber auch nicht. Auch muss man den Inhalt, den uns eine Person mitteilt nicht teilen, geschweige denn gut finden.

Für einen empathischen Umgang miteinander hilft es oft, exakt dieselben Worte des Sprechenden zu nutzen. Wenn jemand zum Beispiel sagt, dass er traurig ist, dann könnte man sagen: Ach du bist traurig? Damit würde man das Gegenüber spiegeln ohne seinen Zustand zu bewerten.

Dieses doch sehr schlichte Spiegeln, löst eine Verbindung aus, die Verständnisvolles und Vorurteilfreies Zuhören signalisiert. Dadurch fühlt sich das Gegenüber oft verstanden und angenommen und ist ebenso bereit einem selbst zuzuhören.

© Daniel Brodersen