Hypervigilanz

Hypervigilanz ist ein Begriff aus der Psychologie und bedeutet erhöhte Wachsamkeit oder Wachheit.

Die Hypervigilanz (auch Übererregung genannt) trifft häufig in Folge von traumatischen Belastungen auf. Sie gilt als Leitsymptom der posttraumatischen Belastungsstörung. Sie tritt auch bei der Zwangsstörung auf. Insbesondere Menschen die in gestörten Familiensystemen aufwuchsen, entwickeln Co- Abhängiges Verhalten, bei der die Hypervigilanz ebenso einer der Hauptmerkmale ist.

Gerald Hüther bezeichnete die Hypervigilanz auch als stressbedingte Veränderungen der Persönlichkeit nach Mobbing und Missbrauch.

Die Hypervigilanz gilt oft als Leitsymptom der Posttraumatischen Belastungsstörung

Leider wird die Hypervigilanz (erhöhte Wachsamkeit) in der Schulmedizin oft übersehen und gleichgestellt mit einer Dependenten, einer Selbstunsicheren oder Paranoiden Persönlichkeitsstörung. Manchmal wird sogar fälschlicherweise eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vermutet. Zahlreiche Narzissmustest im Internet, die im kleingedruckten darauf hinweisen, dass so ein Test keine Diagnose ersetzt, stellen Fragen, deren Antworten sowohl auf eine NPS, als auch auf eine Hypervigilanz hinweisen – jedoch wird nur auf eine eventuelle Narzisstische Störung hingewiesen – aber nicht auf die Hypervigilanz – also die Folge eines möglichen emotionalen Missbrauchs.

Menschen die emotional missbraucht wurden, neigen dazu, die Verhaltensmuster der Missbraucher zu kopieren (wenn es die Eltern waren). D.h. auch sie missbrauchen andere, oftmals allerdings ohne es zu merken und vor allem auch ohne es zu wollen. Gleichzeitig entwickeln sie aber auch Ängste vor einer Wiederholung. Sie machen sich unbewusst abhängig von den Launen des Agressors.

Eine Betroffene mit Hypervigilanz.

Ein Symptom macht noch keine Störung

Was auch nicht erwähnt wird im Internet aber sowohl in der ICD steht, als auch auf klassischen Therapieschulen gelehrt wird: Ein Symptom macht noch keine Störung aus. D.h. die Hypervigilanz alleine ist keine psychische Störung.

Die Symptome der Hypervigilanz können folgende sein:

  • Denkmuster und Glaubenssätze bestimmen das Wahrnehmen: Ich sehe, was ich denke
  • Verlust der Besonnenheit
  • Verallgemeinerungen, Pauschalisierungen
  • Vorurteile und fixierte Bilder von sich, von den Feinden und von der Situation
  • Dichotomes Denken (Selbstbild Engel – Feindbild Teufel)
  • Zuschreibungen, Verdächtigungen
  • Kurzschlüsse, willkürliche Schlussfolgerungen
  • Missverständnisse durch Fehlinterpretationen des Verhaltens anderer
  • Das eigene Denken wird verabsolutiert (So wie ich es sehe, ist es richtig!!!)
  • Bedrohungserlebnis: Angst als Basisemotion, Erleben von Ohnmacht
  • Empfindlichkeit, Hochsensibilität, Unsicherheit, Misstrauen,
  • Desensiblisierung, Schutzpanzer der Unempfindlichkeit (emotionale Kälte)
  • Abspaltung von Gefühlsbereichen wie Empathie (erschwerend kommen Wutausbrüche hinzu)
  • Verlust der Empathiefähigkeit
  • Abkapseln der Gefühle im eigenen Inneren
  • sozialer Autismus
  • Instinktive Willenssteuerung durch den Überlebenskampf
  • Absolute Ego-Zentrierung: Ich will…!!!
  • Sturheit, Versteifung des Willens
  • Zwanghaftigkeit
  • Radikalisierung und Fanatismus
  • Regression: Pubertät, Kleinkind, nichtmenschliche Triebe
  • Ziele werden mit den Mitteln zur Zielerreichung eng verknüpft
  • Reiz-Reaktionspausen: keine Besinnungspausen
  • Angriffe, Forderungen, Vorwürfe
  • Stereotype Verhaltensweisen und typische Rollen
  • Verknüpfte Verhaltensmuster (Verstrickungen)
  • Frühkindliche Bewältigungsstrategien steuern das Verhalten (Schreien, Erkranken, verkrampftes Bemühen, Kontaktabbruch, Verstummen)

Abgerundet wird das Bild mit psychosomatischen Begleiterscheinungen, wie Herzrasen, Hitzewallung, Zittern oder Beklemmung in der Brust sowie Druckgefühl im Solarplexus.

Ausblick auf die ICD 11

In der neuen ICD 11 wird von der komplex- Posttraumatischen Belastungsstörung gesprochen, Auch fallen in der neuen ICD- 11 die narzisstische Persönlichkeitsstörung, wie auch zahlreiche andere Persönlichkeitsstörungen weg. Man spricht dann von Strukturen und dysfunktionalen Bewältigungsmustern. Noch besser ist der Begriff Morbus Kummer.

© Daniel Brodersen