Den Narzissten loslassen – seine Träume leben statt sich selbst aufgeben

Den Narzissten loslassen können viele Betroffene nicht. Zu sehr hängen sie an der Hoffnung fest, dass der andere sich noch ändert und man an seinen idealisierten Wunschvorstellungen von einer Beziehung festhalten kann. Gleichzeitig wiederholt sich ein Muster, was viele Partner von Narzissten bereits aus ihrer Kindheit kennen. Der Narzisst macht ihnen Versprechungen (Future Faking), die sie nur allzu gerne glauben, die dann nicht eingehalten werden, bzw. nicht gehalten werden können. Viele Betroffene fragen nach dem Warum. Warum können sie sich nicht trennen, also den Narzissten loslassen, wenn sie doch wissen, dass der andere einem nicht gut tut, sich vermutlich rein gar nichts ändert, die Beziehung also hochgradig toxisch ist?

Die im Netz verbreitete Antwort lautet oft: Es liegt am Anderen. Denn es ist ja seit eh und je bekannt, dass Narzissten manipulieren oder Schuldumkehr betreiben, nur um einen in der Beziehung zu halten. Gleichzeitig betreiben sie das perfide Lovebombing oder spannen Flying Monkeys mit ein oder verschwinden immer mal wieder in purer Ignoranz von der Bildfläche und melden sich Tage lang nicht.

Doch ist das wirklich so? Beziehungsweise ist das wirklich nur so, wie es auf zahlreichen Internetseiten beschrieben wird? Und wenn das wirklich so wäre, wäre es doch super einfach loszulassen, wenn der Narzisst einen in Ruhe lässt, oder? In diesem Artikel gehe ich diesen Fragen auf den Grund und möchte dich gleichzeitig dazu einladen, bei dir selbst zu schauen ob es nicht auch noch andere Gründe gibt, warum es dir so schwer fällt den Narzissten loszulassen.

Die Frage nach dem Warum führt nicht zur Lösung

Wer, wie was, warum, warum ist die Banane krumm? Warum bin ich so dumm und kann den Narzissten nicht loslassen? Warum- Fragen sind nicht zielführend, weil diese stets dazu führen, dass jemand sich genötigt fühlt, sich zu rechtfertigen. Auch wenn wir als Kinder gelernt haben, dass es keine dummen Fragen gibt, ist bei Kommunikationspsychologen die Erkenntnis gereift, dass es “dumm-formulierte” Fragen gibt. Und eine Frage, die mit einem “Warum” beginnt, gehört zweifelsohne dazu. Denn entweder fühlt sich der angesprochene Teil überfordert und antwortet mit “Weiß ich nicht!” oder er fühlt sich angegriffen und antwortet aus Trotz mit dem allseits beliebten “Darum!”. Und auch der narzisstische Partner wird einem vermutlich nicht sagen können, wieso, weshalb und warum er sich so und so verhielt in der Beziehung.

Besser fragt man sich Wozu. Wozu war ich solange mit dem Narzissten zusammen? Welches Bedürfnis habe ich mir damit erfüllen wollen? Welcher Teil in mir war noch ungeheilt, so dass ich empfänglich war für die Schmeicheleien und Versprechungen (Future Faking) des Anderen?

Die rosarote Idealisierungsbrille behindert die Trennung

Nicht selten stellen gewisse Anteile von uns den narzisstischen Ex- Partner oder die Mutter/den Vater auf ein Podest. Viele Betroffene tragen die rosarote Idealisierungsbrille und setzen ihren Partner oder ihre Partner auf einen Thron. Idealisieren kann ein super effektiver Schutz sein, gegen negative Eingriffe von Außen die weitere Verletzungen des eigenen Weltbilds begünstigen. Jedoch ist das Idealisieren von Menschen, gleichzeitig auch eine Projektion. Das heißt, es werden Wünsche und Bedürfnisse auf den Partner projiziert, die dieser gar nicht erfüllen kann, an denen aber häufig bis zum Schluss fest gehalten wird. Und so ist es dann auch häufig mit Mängeln. Man nimmt einen Mangel am Anderen wahr, den man in sich selber trägt, jedoch nur beim Anderen als störend empfindet.

Auch werden Beweise mitunter gesucht, warum es nicht an der Zeit ist, den ersten Schritt zu gehen. Die Handlungen des anderen werden beschönigt und die Schuld wird bei einem selbst gesucht. Und so halten viele Betroffene an ihren toxischen Beziehungen fest, statt sich zu befreien und dem Leiden ein Ende zu setzen. Denn das, was viele eben auch befürchten ist, dass wenn sie sich befreien, dass sie gleichzeitig auch ihre Träume aufgeben müssen, weswegen sie sich auf diese Beziehung erst eingelassen haben – nämlich den Traum von einer idealen Beziehung mit dem Idealen Partner, der Ihnen all ihre Bedürfnisse erfüllt. Gleichzeitig wurde auch der Partner selbst idealisiert. Man fühlt sich an der Seite dieser besonderen Person selbst ganz besonders, die den eigenen Wert vermutlich mit aufwertet. Und das soll jetzt auf einmal vorbei sein? Was sollen bloß die anderen denken?

Lieber in schlechter Gesellschaft als allein

Hinzu kommt, dass viele Betroffene ihren eigenen Wert über eine Beziehung definieren. Sie glauben, als Single wären sie wertlos, oder ihr Leben wäre nur halb so spannend. Aus diesem Grunde halten viele am Narzissten fest, mag er noch so schlecht Ihnen im Verhalten gegenüber sein. Sie fühlen sich alleine teilweise so leer, ohnmächtig und minderwertig, dass sie bereit sind, jede Gemeinheit des Partners auszuhalten, wenn dieser sie bloß nicht alleine lässt. Lieber verharrt man also in schlecher Gesellschaft, einer Person die eine unheimliche Macht der Anziehung auf einen ausübt, die einem aber überhaupt nicht gut tut. Außenstehende haben es absolut nicht einfach, sich in die Gefühls- und Erlebniswelt ihres Gegenübers einzufühlen, und können daher oft nicht das nötige Verständnis aufbringen, was man als Betroffener jedoch braucht.

Manch einer , der in solch einer destruktiven Beziehung lebt, ist sogar der Überzeugung, er habe nichts Besseres verdient und bleibt deswegen in dieser unglücklichmachenden Konstellation. Das könnte natürlich auch daran liegen, dass man als Kind zu einem seiner Bezugspersonen ein ähnliches Verhältnis aufgebaut hat und sich aus dieser emotional lähmenden Verstrickung nie gelöst hat, weswegen sich dieses Momentum immer wieder und stets wiederholt. Es ist eine gewisse Akzeptanz nötig, welche häufig nur durch eine innere Distanz geschaffen wird. Dies ist erforderlich um inneren Frieden zu finden. Hat man diese Harmionie in sich verankert, ist man bereit für eine Beziehung auf Augenhöhe. Den Narzissten loslassen ist also häufig Alternativlos. Denn erst wenn man allein ist, kann man Abstand zu den Ereignissen gewinnen und sich selbst reflektieren. Innerhalb einer solchen Beziehung ist man häufig zu sehr Harmoniesuche im Außen beschäftigt oder der Frage , wie man es dem Narzissten recht machen kann

Das Leben als Spiegel sehen

Nichts geschieht ohne Grund. Alles was passiert hat einen Sinn, selbst wenn man diesen erst Jahre später erkennt. Das Außen spiegelt das innere. Wir sehen die Welt nicht so, wie die Welt ist (objektiv), sondern so, wie wir selber sind (subjektiv). Man geht also mit den Dingen in Resonanz, die einen innerlich berühren. Es gibt also keinen Zufall. Und der Narzisst hat einen nicht bewusst ausgesucht. Sondern beide Seiten haben den richtigen Menschen zum rechten Zeitpunkt kennen gelernt um sich weiter zu entwickeln. Das kann aber auch heißen, dass nur einer oder keiner sich weiter entwickeln möchte.

Das was du denkst, wird auch passieren. Denn dein Verstand wird alles dafür tun, um eine Bestätigung zu erfahren. Es gibt nicht wenige Menschen, deren Ego von der “ich will Recht haben” – Krankheit befallen ist. Das bedeutet also auch, dass dein Innerestes immer wieder unbewusst nach Situationen sucht, wo deine Glaubenssätze und Überzeugungen unhintergfragt als Wahrheit angenommen werden.

In diesem Sinne, wird also auch dein Verstand immer wieder eine Ausrede finden, warum es für dich besser ist mit dem Narzissten in einer Beziehung zu bleiben, statt diese toxische Verbindung aufzulösen.

Liebe vs. Abhängigkeit – was du fühlst ist eine Sucht die ihresgleichen sucht

Der Anfang einer Beziehung mit einem Narzissten ist extrem und intensiv und versperrt häufig die Sicht auf den wahren inneren Kern Menschen. Jeder zeigt sich nur von seiner besten Seite. Beide Parteien erleben einen Rausch auf höchster Stufe. Nur zu gern lässt man sich blenden und schwebt auf Wolke Sieben. Und man will an eine gemeinsame Zukunft glauben.

Dami Charf beschrieb den Beginn einer gesunden Beziehung so: Man lernt sich kennen, verbringt ein wenig Zeit miteinander, lernt sich gegenseitig zu Vertrauen, erlebt emotionale Nähe und dann bindet man sich. Erst wenn die ersten Schritte gegangen wurden, beginnt man miteinander intim zu werden. Im Film “Hitch – der Date- Doktor” wird von der ominösen 3 er Regel gesprochen. Das heißt in der Realität, dass man frühstens beim dritten Date in der Kiste landet.

Menschen, die unsichere und emotional abhängige Bindungen erlebt haben, (z.B. im Elternhaus oder in einer vorangegangen Beziehung) und unter einem geringen Selbstwert leiden, gehen oft umgekehrt vor. Man lernt jemanden kennen, verbringt einen netten Abend miteinander und geht mit jemandem ins Bett, begleitet von Liebesschwüren und Zukunftsträumen. Wir wissen ja, wenn man geil ist, ist der Verstand häufig im Ruhemodus. Die Bindung findet statt, bevor man sich kennen gelernt hat. Und wenn man dann feststellt, dass der Partner doch nicht so toll ist, wie man anfänglich dachte, ist man enttäuscht – kann sich aber nicht so schnell trennen, weil der Anfang eben so schön war und in gewisser Weise süchtig gemacht hat. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Narzisst bewusst oder unbewusst sich verführerisch in Szene gesetzt hat. Denn man selbst hat bereitwillig mitgemacht.

Liebe hält Alles aus, Unsicherheit Nichts

Die ständige Ausschüttung der Glücks- und Kuschelhormone Dopamin und Oxytocin sind von der Natur gewollt. Sie stärken die Bindung und sollen für Nachwuchs sorgen. Jedoch lässt auch die größte Verliebtheit nach und der Alltag kehrt ein. Und hier zeigt sich oft das wahre Dilemma. Denn im Beziehungsalltag kommt es nicht bloß zu spritzigem Sex und Momeenten voller Leichtigkeit, sondern eben auch zum alltäglichen Zusammenleben, was mitunter auch Arbeit und Tiefgang bedeutet. Innerhalb einer Beziehung geht man Kompromisse ein und gibt ein Stück seiner Freiheit auf. Beziehung kommt von beziehen, das heißt man nimmt Bezug zum Partner. Man hält es aus, wenn der Partner eine andere Meinung hat. Man fühlt sich auch nicht entwertet dadurch. Vor allem aber hört man dem anderen zu ohne dabei etwas in das Gehörte hinein zu interpretieren. Dafür ist einerseits ein stabiles Selbstwertgefühl erforderlich, als auch eben Empathie und Vertrauen.

Liebe ist eine Haltung.

Jens Corssen

Bevor man seine Hausaufgaben im Inneren nicht gemacht hat, wird man im Außen weiterhin auf diese unlösbaren Herausforderungen treffen und sich an seinem Partner abarbeiten. Das heißt es darf in sich hinein geschaut und hinterfagt werden, welche narzisstischen Bedürftigkeiten selbst in einem schlummern, die befriedigt werden wollen. Oder wie es Stefanie Stahl in ihrem Weltbesteller beschrieben hat: Das innere Kind muss eine Heimat finden. Vorher jedoch geht der stetige Selbstbetrug in die nächste Runde – der nächste Narzisst wartet schon.

Zu Deutsch: Man muss lernen, sich selbst zu halten.

Den Narzissten losgelassen und das wundervolle Leben danach

Menschen streben nach größtmöglicher Sicherheit und Vorhersehbarkeit. Das bedeutet, dass Menschen auch grundlegende Veränderungen scheuen. Diese werden aber nötig sein, wenn man sich trennen, sprich den Narzissten loslassen möchte. Zum einen sollte man die Schuldfrage aufgeben, denn damit klammert man sich nur an sein Leid. Entweder ist der Narzisst schuld, was die Selbsthinterfragung verhindert, oder man selbst ist schuldig, was oft dazu führt, dass man über irgendeine Form der Wiedergutmachung sich zu entlasten versucht. Weder der eine, noch der andere Weg, führt zu einer Weiterentwicklung der Persönlichkeit.

Demzufolge kommen wir wieder zur Ursprungfrage: Wozu hast du den Narzissten in dein Leben gelassen? Finde den Grund und du hast die Lösung, die dazu führen wird, dass du endlich loslassen kannst und dir selbst ein wundervolles Leben kreiieren kannst.

Autor: Daniel Brodersen