Wie WhatsApp den pathologischen Narzissmus fördert

Liebe Mausi,

weißt du, was ich am Briefe schreiben so gut finde? Ich bin gezwungen mir Zeit zu nehmen, effizient darüber nachzudenken, was ich dir schreibe. Ich kann nicht wie bei Whatsapp die Löschentaste bedienen, sondern ich muss mir Gedanken machen.

Die Rechte Gehirnhälfte wird durch das Schreiben aktiviert. Das ist die Region, die für das Denken, das Fühlen, aber auch die Kreativität verantwortlich ist. Auch wird durch das Schreiben mit der Hand das Erinnerungszentrum sowie die Feinmotorik in Gang gesetzt. Diese Gehirnfunktionen sind nämlich weitestgehend lahmgelegt, wenn man z.B. eine E-Mail oder WhatsApp tippt.

Du kennst doch sicherlich den Spruch: „Wer schreibt der bleibt“ – oder? Ich würde den Spruch gerne ergänzen mit: „Wer tippt, der kippt“. Und dieses „kippt“ ist mehrdeutig gemeint. Ein jemand, der Nachrichten tippt, kippt leichter um, ist nicht standhaft, wechselt sehr schnell seine Meinung, während handschriftlich geschriebenes länger haften bleibt. So empfinde ich das zumindest. Aus diesem Grund u.a. schreibe ich dir diesen Brief.

Per Hand geschriebenes sitzt, während man Getipptes öfters nachschlagen muss.

Zudem ist es meiner Meinung nach so, dass sowohl Du, als auch ich sich leichter an diesen Brief erinnern. Du liest einen individuellen Brief mit individueller Schrift. Jede Handschrift meine liebe ist einzigartig und beinahe unverfälschlich. Eine Whatsapp dagegen ist austauschbar.

Forscher der Universität Stanford haben einst heraus gefunden, dass sich das Hirn Dinge leichter merken kann, wenn diese per Hand aufgeschrieben wurden. Dies gilt gleichermaßen für den Leser, als auch für den Schreiber. Für mich der es aufschreibt, ist es eine Gedankenstütze. Ich kann mir übers Schreiben mit der Hand viel leichter merken, was daran liegt, dass sich jedes ins Papier geritzte Wort auch in die Gehirnwindung ritzt. Per Hand geschriebenes sitzt also, während man Getipptes öfters nachschlagen muss. Und vermutlich wirst du dich zumindest an diesen Wortinhalt viel leichter erinnern, wenn du dies gelesen hast, geschrieben mit einer individuellen Schrift, was meine Handschrift ja ganz unweigerlich ist.

Schreiben mit der Hand befreit.

Was ich aber durch das Schreiben mit der Hand auch besser kann ist: Loslassen. Ja ich lasse los, dadurch dass ich mir so viele Gedanken mache, passiert es oft, dass ich unmerklich dabei fühle, wenn ich was von mir gebe. Mir werden meine Emotionen durchs Aufschreiben bewusster. Geschriebene Worte sind also nicht nur Gedanken, sondern auch Gefühle. Durch das Schreiben mit der Hand, werden körperliche Empfindungen ausgelöst, die sich auch auf meine Art zu Fühlen auswirken. Ich komme somit viel leichter ins Gefühl und kann dieses verbalisieren – ganz einfach indem ich es mir notiere. Manchmal spreche ich es sogar vor dem Aufschreiben laut aus, nur um zu hören, wie es sich anfühlt, wenn ich es ausspreche. Danach entscheide ich dann auch, ob ich es und vor allem wie ich es aufschreibe.

Viele Therapieschulen und auch Krankenhäuser haben es in ihren Lehr- und Therapieplan übernommen. Sie laden dazu ein, Tagebuch zu schreiben und sich somit mit sich selbst uns seinen Gedanken und Gefühlen auseinander zu setzen. Es gibt das sogenannte Gefühlstagebuch oder einfach nur ein Therapietagebuch, denn auch das wurde von Forschern mehrfach bewiesen: „Schreiben mit der Hand befreit“. Viele Therapiemethoden wurden übrigens durch Tagebuch schreiben entwickelt u.a. auch Emotional Unlinking – die Methode, die du am liebsten magst.

Wenn du deine Gedanken und Gefühle aufschreibst, machst du diese Sichtbar. Dadurch kannst du sie verändern. Nichts anderes passiert über Emotional Unlinking. Durchs Visualisieren werden deine Emotionen und Glaubenssätze veränderbar.

Übrigens seit ich einen Kalender habe, auf dem ich handschriftlich meine Termine eintrage, vergesse ich sie nicht mehr. Das ist gerade in meiner Arbeit wichtig. Meine Klienten brauchen einen verlässlichen Partner, der sich die Dinge merken kann, die man mit ihm bespricht. Deswegen schreibe ich oft mit, bzw. die Dinge auf und das mit der Hand.

Handgeschriebenes kommt oft von Herzen, während getipptes oft im Kopf entsteht.

Ich schreibe dir aber auch via Hand, weil du mir am Herzen liegst. Du bist was Besonderes. Du bist meine liebste Freundin. Deswegen möchte ich Dir etwas Einzigartiges, Bleibendes zukommen lassen, etwas was auch Du dir zu Herzen nehmen kannst und was somit in dir verankert wird.

Unsere Kleidung oder Frisur können wir jederzeit verändern. Schokolade schmilzt, wenn du dir diese in den Mund schiebst und Blumen verwelken, wenn du sie eine Weile stehen lässt. Was aber bleibt ist ein handschriftlich geschriebener Brief. Jeder Brief ist einmalig. Jeder Brief ist ein Dokument des Herzens.

Ich habe sogar einen ganzen Ordner voller handgeschriebener Briefe und Postkarten- wohlgemerkt aus einer Zeit wo das Internet noch in den Kinderschuhen steckte und die ersten Mobilfunktelefone auf dem Markt erschienen, mit extra großen Tasten und ohne Display. Manche dieser Briefe oder Postkarten hänge ich mir sogar auf. Anders dagegen ist es mit WhatAapp. Denkst du, dass ich jemals eine WhatsApp ausgedruckt habe und mir diese in meiner Wohnung aufgehängt habe?

Menschen die sich Briefe schreiben, bleiben länger miteinander in Verbindung

Hast Du dir schonmal darüber Gedanken gemacht, warum unsere Großeltern oft 30 Jahre oder länger zusammen waren bzw. sogar verheiratet? Ich glaube die zwei verbindet mehr. Sie haben sich Briefe geschrieben. Briefe per Hand geschrieben, sorgen also für tiefergehende Verbindungen zwischen den Menschen. Selbst meine Eltern habe ihre Liebesbriefe noch.

Ich will damit nicht sagen, dass früher alles besser war. Jedoch glaube ich, dass früher vieles beständiger war und daher auch mehr in der Erinnerung haften bleibt, als das, was heutzutage übrig bleibt in dieser schnelllebig gewordenen Zeit.

WhatsApp dagegen fördert den pathologischen Narzissmus.

Heutzutage halten viele Beziehungen nicht mehr so lange. Man kann über Whats- App so schneller Schluss machen. Nachrichten über Whatsapp sind austauschbar geworden. Dass sich hinter diesen Nachrichten aber Menschen verbergen und keine Objekte, gerät oft in Vergessenheit.

Meiner Meinung nach gehört WhatsApp zum emotionalen Fastfood. Whatsapp blockiert die Lust den anderen näher kennen zu lernen, während es gleichzeitig das Frustpotential erhöht, was öfters zu Missverständnissen oder Trennungen führt. Dies passiert in erster Linie dadurch, wenn man immer und ständig auf´s Handy starrt (ehemals Mobilfunkgerät), und auf eine Antwort wartet. Antwortet das Gegenüber nicht schnell genug, wird der andere häufig abgewertet. Dies lässt sich auch auf zahlreichen Flirtportalen beobachten. Frauen werden als Schlampen beschimpft, wenn diese sich Zeit lassen auf eine Nachricht zu antworten. Und oft verschicken Männer auch Massenmails. Selbst Ich habe oft auf Copy- und Paste gedrückt, weil mir eine Frau die Mühe nicht wert war, ihr eine individuelle Nachricht zu schreiben.

WhatsApp fördert also den Narzissmus. Alles muss schneller gehen. Der andere muss funktionieren, am besten wie man selbst. Das Gegenüber darf nicht mehr an sich denken, sondern muss stets verfügbar sein, für den bedürftigen Narzissten mit Verlustangst. Selbst die Selbstmordankündigung, welche zwar einerseits als ernstzunehmender Hilfeschrei gilt, ist oft etwas rein egoistisches, also hochgradig narzisstisches. Was kann das Gegenüber für die eigene Unzufriedenheit und damit verbundene Unfähigkeit sich zu gedulden? Auch ist das Gegenüber nicht verantwortlich für die eigenen Glaubenssätze oder Ängste. Und selbst der Trigger ist in der Regel unbeabsichtigt.

Briefe können Trösten, während WhatsApp Nachrichten oft bloß vertrösten.

Wenn ein Brief länger auf sich warten lässt, kann man es auf die Post schieben, wenn eine Antwort auf Whatsapp länger dauert, dann hat oft der andere Schuld an der eigenen Ungeduld. Das Ego gewinnt, während die Liebe verliert. Über Whatsapp oder andere Nachrichtendienste schreibt man oft mehreren gleichzeitig. Das ist auch ein Grund, warum das Gegenüber oft auf einen wartet. Wenn du aber einen Brief schreibst, widmest du dich einer einzigen Person und das voller Wertschätzung.

Und wie schon erwähnt: Schreiben kann heilen. Ein Brief spendet Hoffnung und Zuversicht – und das oft für mehrere Tage. Wenn du im Krankenhaus liegst, freust du dich, wenn andere an dich denken. Entweder per Brief, oder per Besuch. Du erinnerst dich sogar daran, wenn die Menschen an dich während dieser Zeit gedacht haben. Schreiben per Hand befreit Doppelt. Briefe können also Trösten, während du mit WhatsApp jemanden vertröstest, warum du wieder mal nicht persönlich vorbei kommen konntest oder Zeit hattest an ihn zu denken.

Ich will jetzt damit nicht sagen, dass WhatsApp doof ist. Es ist oft die eigene Art und Weise, wie wir WhatsApp nutzen, die doof ist.

Weißt du wieviel ich mir durch WhatsApp schon kaputt gemacht habe? Wenn ein Wort das andere gibt, wenn die Ungeduld (Impulsivität) siegt, wenn ich mir mal wieder keine Zeit nehme, alles ganz schnell gehen muss, wenn ich Angst habe und mich anschließend schäme, weil ich via WhatsApp dem anderen toxische Nachrichten und narzisstische Forderungen an Latz geballert habe – dann bleibt dem anderen oft nichts Übrig als die Beine in die Hand zu nehmen.

Es dauert ein wenig länger jemanden kennen zu lernen und kostet viel Kraft sich auf jemand anderen einzulassen, geht aber ganz schnell jemanden loszuwerden, nur weil er die eigenen Erwartungen nicht erfüllen kann, weswegen er ja auch Schuld sein soll, warum es uns schlecht geht.

Mit einem Brief dagegen bleib ich mehr bei mir, während ich über WhatsApp ganz viel Scheiß auf dich projizier´.

Kannst du dich noch an die Zeit erinnern, wo Du und ich zur Schule gingen? Da wurden Briefchen verschickt oder kleine Post it´s durch das Klassenzimmer geworfen, auch mit der Hoffnung verbunden, dass der Lehrer einen dabei nicht erwischt und den Brief dann vor der ganzen Klasse vorliest. In meiner Klasse war eine Mark fällig, die in die Klassenkasse gezahlt werden musste, damit das Briefgeheimnis gewahrt bleibt. Auch haben wir unsere Spickzettel handschriftlich angefertigt. Dabei ging es nicht ums Spicken, sondern ums Anfertigen selber. Ich erinnere mich wirklich gerne an die Zeit, während beinahe jeder Gedanke an Whatsapp mich stresst.

Meine Klienten bitte ich auch ihre Hausaufgaben handschriftlich zu erledigen. Die Angst vor einer möglichen Sauklaue, kann ich den Leuten sogar nehmen. Denn einerseits kann ich nachfragen, wenn ich etwas nicht entziffern oder verstehen kann, andererseits gibt es Kurse, wo man an einem verbesserten Schriftbild arbeiten kann. Bei WhatsApp dagegen wird selten nachgefragt, wie etwas gemeint ist, sondern oft davon ausgegangen und dann meist vom Schlechten – obwohl wenn man genauer darüber nachdenkt, vermutlich die Angst oft ihre Finger im Spiel hatte. Mit einem Brief dagegen bleib ich also bei mir, während ich über WhatsApp ganz viel Scheiße auf dich projizier´ (oder in das Geschriebene hinein interpretier´)

Deswegen schreib ich dir hier auf dieses Papier: Du liegst mir am Herzen.

Dein Klausi