Public Shaming

Niemand mag gerne öffentlich bloßgestellt werden, weder im Internet noch am Arbeitsplatz oder in seinem sozialen Umfeld. Menschen mit geringem Selbstwert durften dies als Kind zuhauf erfahren. Manch einer wurde mehr als nur einmal öffentlich bloßgestellt. Es ist schrecklich unangenehm für ein Kind, von einer Bezugsperson vor versammelter Mannschaft zusammengefaltet zu werden.

Zum Glück gab es früher noch kein Internet. Denn mit diesem hat das öffentliche Zur-Schau-Stellen eine neue Dimension bekommen. „Public Shaming“ nennt es der britische Autor Jon Ronson in seinem Buch So You’ve Been Publicly Shamed. Das Phänomen ist eine Art von virtueller Steinigung, eine Hexenjagd im Netz, eine Strafe am digitalen Pranger. Die Täter werden Trolle genannt, und so führen sie sich auch auf. Dissoziale Missgeburten! Vor einigen Jahren waren es vor allem Unternehmen, Prominente oder Institutionen, die den Zorn der Massen in Form von Shitstorms zu spüren bekamen. Doch jetzt kann es jeden treffen. „Macht, Einfluss und Prominenz sind keine Schlüsselkriterien mehr, um jemanden zu attackieren. Es geht jetzt um die sofort verständliche Normverletzung“, sagt der Medienwissenschaftler und Buchautor Bernhard Pörksen.

Während es den eigentlichen Internet-Trollen um den Spaß am Stören geht – Studien attestieren ihnen gar einen Hang zu Alltagssadismus –, werden typische Troll-Taktiken inzwischen auch für ökonomische oder politische Ziele eingesetzt, bisweilen sogar von professionellen und industriefinanzierten Dienstleistern. Das ist wie die Suche nach einem Auftragskiller, nur dass dieser statt auf körperliche instrumentelle Gewalt nun auf massiven Psychoterror über das Internet zurückgreift. Viele dieser „Auftragskiller“ sollen in Russland sitzen, da, wo das Blue Whale Game herkommt, in dem es darum geht, sich selbst umzubringen.

Übrigens, was die Forschung ebenfalls bewiesen hat: Jeder kann zum Troll werden!

Eltern in den USA haben den Trend „Public Shaming“ für sich entdeckt. Sie filmen ihre Kinder in „witzigen“ Situationen und laden die Bilder und Videos zur Schadenfreude anderer auf sozialen Plattformen hoch. Vom Baby, das lacht und dabei umfällt, über einen Jungen, der nach einer Zahn-OP unter Vollnarkose aufwacht und wirres Zeug redet, bis hin zu sogenannten „Fail Compilations“ ist alles dabei. Wie es dem Kind dabei geht, spielt im ersten Moment keine Rolle. Es war ja nicht böse gemeint. Die Konsequenzen sind Mobbing, Ausgrenzung und, wie beschrieben, „Selbstwertstörungen“ sowie eine unfreiwillige Bekanntheit auf der ganzen Welt: „Bist du nicht der Junge aus dem Video?“ Manch einer mag das nach dem fünften Mal Anschauen immer noch lustig finden, für das Kind wird diese Leier irgendwann zum Spießrutenlauf. Ein besonders erschreckendes Beispiel dafür ist der US-Moderator und Familienvater Jimmy Kimmel, der Eltern in den USA zu Halloween aufrief, ihren Kindern zu erzählen, dass die Süßigkeiten weg seien. Dabei sollten Eltern die Reaktion ihrer Kinder filmen. Ein entsprechendes Video fertigten 30.000 an, und diese „Kunstwerke“ wurden über 20 Millionen Mal aufgerufen. Das Internet vergisst nichts.

Auf deutschen Autobahnen greifen immer mehr Gaffer zu ihrem Smartphone und filmen sterbende Unfallopfer, statt zu helfen. Oft bleiben sie mit ihren Fahrzeugen mitten auf der Fahrbahn stehen und riskieren ein Bußgeld, nur um ihre Sensationslust zu befriedigen. Nebenbei verhindern sie das zeitnahe Eintreffen der Rettungskräfte, ist ihnen doch ihre Sensationsgier wichtiger als das Bilden einer Rettungsgasse. Der Deutsche Bundestag diskutiert mittlerweile über einen Gesetzesentwurf, der diese besondere Art von „Hinschauen“ unter Strafe stellt. Die Grenze des guten Geschmacks ist hier längst überschritten. Ich war mehrfach als Ersthelfer am Unfallort umringt von zahlreichen Schaulustigen, die, statt zu helfen, lieber im Weg rumstanden und dumme Sprüche zum Besten gaben. Dass genau solche Menschen als Erste im Netz den Zeigefinger erheben und den Moralapostel spielen, ist ein weiteres Indiz für die Entwicklung, die unsere narzisstische Gesellschaft genommen hat. Statt sich in das „Opfer“ einzufühlen, wird gelacht, passiert es einem selbst, schimpft man über die anderen, die sich in ihrem Fall über sie lustig machen. Eine herrliche Doppelmoral, in der wir uns alle gegenseitig die Schuld zuschieben.

Doch warum können sich Empörungswellen im Netz mit so zerstörerischer Kraft aufschaukeln? Die Natur der sozialen Medien trägt zumindest dazu bei. Meinung ist hier oft entweder schwarz oder weiß – vor allem im Leitmedium des Shitstorms, Twitter. Bei 140 Zeichen ist kein Platz für differenzierte Argumente; entweder man ist dafür oder dagegen. Bei Facebook wurde ein Shitstorm-Smiley eingeführt, was viele Nutzer leider nicht davon abhält, auch noch persönlich ihren Unmut in Form von vernichtender Kritik oder der sogenannten „Du-du-Pistole“ (mit der das Gegenüber mit Vorwürfen beschossen wird) zum Ausdruck zu bringen. Manch einen mag das nicht tangieren, aber für andere ist diese Form des „Blaming, Shaming“-Phänomens ein schwerer Einschnitt in ihre Persönlichkeit.

Dafür, dass das „Public Shaming“ im Netz so gut funktioniert, ist aber auch die sogenannte „Filterblase“ in den sozialen Medien verantwortlich. Viele Facebook-Freunde einer Person sind auch untereinander befreundet. „Da kann schnell der Eindruck entstehen, dass die ganze Welt zu einem bestimmten Thema eine eindeutige Position hat. Das erleichtert es, diese Position auch anzunehmen“, so Pörksen. Das Ganze wird zudem technisch verstärkt, da von den Social-Media-Plattformen vermehrt Informationen gezeigt werden, die auch die Freunde mögen. „Trotzdem muss sich jeder Einzelne, der postet oder teilt, bewusst machen, dass er möglicherweise ein Beteiligter ist im großen Spiel der Menschenjagd.“

In London wurde ein Exempel statuiert. Eine angetrunkene junge Frau hat sich unbedacht an einem Shitstorm beteiligt und mit Vergewaltigung und Mord gedroht. Das Androhen von Straftaten ist keine Seltenheit. Das Gericht verurteilte die junge Frau hart, ihrer Meinung nach zu hart. Sie klärt jetzt Jugendliche über die Folgen von Alkoholmissbrauch auf.

© Daniel Brodersen