On-Off-Beziehungen – wenn echte Nähe unmöglich ist

“Komm her und geh weg”. In der Psychologie ist das widersprüchliche Verhalten (Push and Pull) bereits lange bekannt als Methode, um Menschen an sich zu binden, der berühmte Kinderarzt John Bolby bezeichnete die On- Off- Phasen als Verlassenheitsgebärde – ein Schrei nach Liebe, der gleichzeitig die damit verbundene Nähe auch abwehrt. Und zig Borderlineratgeber beschreiben die Schwarz- Weiße On-Off Welt mit folgendem Satz “ich hasse dich, bitte verlass mich nicht”. On-Off-Beziehungen sind Beziehungen mit dem Wunsch nach Nähe, und der gleichzeitigen Ablehnung dieser. Menschen kommen zusammen, verbringen eine intensive Zeit miteinander, trennen sich und versöhnen sich wieder. Das ganze Drama wiederholt sich also. Wirklich Intim wird es dadurch jedoch nie.

On-Off-Beziehungen sind oft eine dauerhafte Belastung für die Seele

On-Off: Verliebtheit vs. Liebe

Am Anfang steht die Verliebtheit. Ein Vollrausch der Hormone, welcher alles ausblendet und 100 Tage und manchmal sogar länger andauert. Oft aber sind es wirklich nur 100 Tage. Und dann lässt die Verliebtheit nach und der Alltag tritt ein und viele Partner gehen Offline. Sie denken die Gefühle sind tot, dabei haben sie lediglich Liebe mit Verliebtheit verwechselt. Verliebtheit bleibt an der Oberfläche, Liebe geht in die Tiefe.

Der Vorgang des Sich-Verliebens ist in der Regel einseitig und eine Projektion. Viele Menschen verlieben sich in das Bild eines Menschen, welches Sie haben, selten aber in den Menschen selbst. Hinzu kommt, dass Menschen die Welt so sehen, wie sie selber sind, nicht aber, wie die Welt wirklich ist. Das Kennen und lieben lernen einer anderen Welt dagegen nimmt sehr viel Zeit in Anspruch – ganz oft eben länger als die 100 Tage. Und oft ist eben vor den 100 Tagen der Zauber der Verliebtheit verflogen.

Wir alle lassen uns blenden

Häufig trennen sich Menschen wieder voneinander, wenn sie erkennen, dass der andere ganz anders ist, als man dachte. Und nicht selten unterstellt man dem anderen, nicht authentisch gewesen zu sein. Der Vorwurf ein Blender zu sein, kommt nicht von ungefähr. Die Narzissmusdiagnose ist dann schnell gestellt.

Verliebtheit macht eben blind. Sie blendet alles Schlechte aus und lässt nur das Beste zum Vorschein kommen. Jedoch darf man dabei nicht vergessen, dass ein jeder, der verliebt ist, sich stets von seiner Besten Seite zeigt um beim anderen Eindruck zu schinden.

Wer lässt sich nicht gern bei diesem Anblick blenden?

On-Off-Beziehungen: Ein Phänomen des 21. Jahrhundert?

Seit dem es das Internet gibt, ist das mit dem Verlieben so eine Sache. Dating- Apps wie Tinder oder Badoo sorgen bei vielen Menschen für Gedanken wie “Besser geht immer”. Auch kann oft der Eindruck entstehen, dass es ein Trend geworden ist, mehrere Leute gleichzeitig zu daten und sich somit auch für den Fall der Fälle jemanden warm zu halten.

Das Leben ist viel zu lang um es allein zu verbringen, aber für manch einen zu kurz, um es immer nur mit dem oder der Einen zu verbringen. Und so schalten viele ihre Gefühle ein und wieder aus. Man könnte ja jemanden Besseren finden. Aber auch vor dem Internet gab es schon diese Art von Beziehungen. Menschen die sich nie klar zu einem bekennen konnten, weil sie sich ihrer Gefühle unsicher waren oder weil sie sich einfach nicht festlegen wollten. Manch einer sucht auch nur einfach seinen Spaß.

Pick-Up Artists – die Meister der Verwirrung

Nicht wenige Verheiratete reißen kurzzeitig für ein Abenteuer aus, um das Ego zu pushen um dann wieder zur Gemalin zurück zu kehren. Es gibt dafür sogar ein Motto: Appetit holt man sich unterwegs, Gegessen wird zu Hause. Manch einer übertreibt es jedoch und rutscht von Ast zu Ast bzw. von einer Frau zur nächsten. Er hypt die eine, lovebombt die nächste, um dann wieder als Ghost in der Versenkung zu verschwinden, weil er zu Hause den braven Ehemann spielt.

Für sogenannte Pick- Up Artits ist es ein Volkssport geworden, Frauen aufzureißen und durch geschickte Hin- und Her Spiele für emotionale Verwirrung zu sorgen, die am Ende dazu führen, dass eine toxische Beziehung eingegangen wird. Echte Bindung jedoch sieht ganz anders aus. Mag der Rausch noch so faszinierend sein, das große Erwachen in Form von seelischen Schmerzen zieht jeden wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Verführungskunst Pur! Und hinterher?

Besser geht immer. Ja. Schlimmer aber auch. Vor allem dann, wenn man irgendwann im Alter alleine aufwacht und feststellt, ganz schön einsam zu sein.

On-Off-Beziehungen vs. offene Beziehungen

Menschen sind keine Maschinen, die ihre Gefühle einfach so ein bzw. ausschalten können. Achtsamkeit ist zwar immer mehr im Kommen, aber nicht jeder kann, die Dinge so annehmen wie sie sind, ohne sie zu bewerten. Dies ist leider oft ein automatischer und sehr unbewusster Vorgang. Was also ein- bzw. ausgeschaltet wird, scheint nicht so klar. Und wenn keine bewusst polyamoröse- Beziehung eingegangen wird, stellt das Konzept der On-off-Beziehung für viele Menschen ein Problem dar.

On-Off-Beziehungen sind auch keine offenen Beziehungen, auch wenn viele Partner das Off für einen hemmungslosen Flirt oder eine leidenschaftliche Affäre nutzen. Eine offene Beziehung ist ein freigewältes Konzept, genauso wie die oben genannte polyamoröse Beziehung. Eine On- Off Beziehung dagegen ist in der Regel nicht freiwillig und die Betroffenen leiden darunter. Und wenn eine Trennung nicht klar ausgesprochen wurde, und das erneute Zusammenkommen kein klares Bekenntnis zum Anderen enthält, kann auch nicht zwangsläufig gesagt werden, ob eine Nebenbeziehung als Untreue zu bewerten ist.

On- Off- Beziehungen sind ein Teufelskreis und kommen einem Fluch gleich, weil eben die Basis fehlt, für ein stabiles Miteinander: Verlässlichkeit und Treue!

On – Wenn der andere gebraucht wird

In Toxischen Beziehungen von Liebe zu sprechen, ist weit hergeholt. Dennoch glauben viele Betroffene, dass es wahre Liebe ist, für die es sich zu kämpfen lohnt. Dabei ist der Kampf für das Gute, schon alleine deswegen paradox, weil kämpfen immer dazu führt, dass es mindestens einen Verlierer gibt. Eine On- Off- Beziehung ist also, wenn dann eher ein Abnutzungskampf, der mit Krämpfen endet. Das ewige hin und her spricht gegen die Liebe, die verbindet, die immer eine Lösung findet – die jedoch nicht in einer Trennung mündet, wenn es mal Differenzen gibt.

Im On, wird der andere benutzt. Er wird benutzt, bzw. gebraucht um sich nicht alleine zu fühlen. Um eine innere Leere auszufüllen, die der jeweilige Partner gar nicht füllen kann. Im On geht es um Bestätigung. Möglicherweise geht es auch darum, den anderen zu spüren, sexuell und das voller Leidenschaft, welche nichts mit Liebe zu tun hat, aber großes Leiden schafft. Das On gaukelt einem vor, dass alles scheinbar in Ordnung ist. Und oft glauben die Betroffenen das auch- zumindest solange bis man wieder unterschiedlicher Meinung ist.

Off – Wenn der andere “zuviel” wird / zu nah kommt

Ist man in einer toxischen Beziehung unterschiedlicher Meinung, wird das oft so bewertet, als wäre der andere gegen einen. Der Seelenverwandte wird zum Feind. Dann wird es emotional bedrohlich, weil man die Komfortzone verlassen muss, weil man auf den anderen zugehen, sich auf die Sichtweise des anderen einlassen muss. Dies bedeutet emotionale Nähe und auch die Gefahr verletzt zu werden. Damit dies nicht passiert, rennen viele Betroffene lieber ins Off.

Gleichzeitig ist es aber auch oft so, dass On-Off-Beziehungen von Menschen geführt werden, die Angst haben sich abhängig zu machen. Das sind wahre Kontrollfreaks, die lieber auf Nummer gehen, statt das Risiko zu waagen eine komplett neue Erfahrung zu machen.

Manche Menschen brauchen Abstand. Aus Angst vor zuviel Nähe?

On-Off-Beziehungen behindern maßgeblich eine positive Entwicklung

Wie schon Virgina Satir, die Mutter der systemischen Familientherapie sehr treffend feststellte, ist der größte Trieb des Menschen nicht der Sexualtrieb, der die Fortpflanzung sichern soll, sondern der Wunsch nach größtmöglicher Sicherheit – die zwar vor schlechten Erfahrungen schützt – jedoch auch neue Erfahrungen boykotiert und damit die Entwicklung der Persönlichkeit maßgeblich behindert. Dennoch darf gefragt werden: Es könnte ja auch richtig gut werden – oder etwa nicht?

© Daniel Brodersen