Numbing – Wenn vorhandene Empathie nicht gezeigt werden kann

Menschen, die traumatische Erlebnisse hatten, auch depressive Menschen oder unter akuter Belastungsreaktion stehende, weisen oft das Symptom der emotionalen Taubheit, das Numbing, auf. Dieses wird auch als emotionale Erstarrung oder emotionales Erstarrungssymptom bezeichnet. Bei der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung wird dieses Symptom gern mit Empathiemangel erklärt.

Die traumatische Erfahrung genauso wie die posttraumatische Reaktion verursacht eine Neurotransmitter-Dysfunktion unter anderem im körpereigenen Opiodsystem, welche die emotionale Taubheit, die man auch als affektive Betäubung beschreiben kann, hervorruft.

Auch ein niedriger Cortisolspiegel kann als körperliche Ursache in Frage kommen.

Es kommt zu einer Entfremdung gegenüber sich selbst, den anderen und dem Leben.

Die Betroffenen fühlen sich innerlich leer, stumpfen in ihren Emotionen ab und verlieren wie bei einer Anhedonie ihre Interessen. Lust- und Freudlosigkeit entwickelt sich und es kommt zu einem Gefühl der Entfremdung gegenüber den Mitmenschen und dem eigenen Leben.

Numbing ist ein Begleitsymptom bei verschiedenen Persönlichkeitsstörungen, wie beispielsweise der Borderlinestörung. Numbing kommt aber auch bei Erschöpfung bei chronischem Stress (z.B.) Burnout oder bei extremer Reizüberflutung vor. Auch tritt Numbing gern als Folge einer Posttraumatischen Belastungsstörung auf. In diesem Fall ist die emotionale Taubheit als Schutzmechanismus zu verstehen.

Typische zu beobachtende Anzeichen der emotionalen Taubheit sind eine fehlende Mimik, ein starrer Gesichtsaudruck, fehlender Blickkontakt oder ein leerer Blick.

Differenzialdiagnostisch ist die Dissoziative Störung abzugrenzen, da es bei der emotionalen Taubheit nicht zu einer vollständigen Ausblendung/ Abspaltung der Realität kommt. Man nimmt das Außen lediglich durch einen undurchdringlichem Filter mit, wie in einem Film (Derealisation)

Nach Außen hin erscheinen diese Menschen als nicht empathisch

Nach außen erscheinen diese Menschen als nicht empathisch, d.h. nicht in der Lage die Gefühle anderer anzuerkennen oder sich in hinein zu versetzen. Sie sind aber sehr wohl in der Lage, die äußere Realität und auch den Gemütszustand anderer Menschen wahrzunehmen, sie können darauf aber nicht reagieren. Es ist ihnen schlichtweg zu viel. Sie erkennen das Gefühl der anderen, fühlen es mitunter sogar, sind aber aufgrund des eigenen Gemütszustandes so sehr mit sich beschäftigt, dass es ihnen nicht möglich ist, zu reagieren, wie sich das Gegenüber das vielleicht wünscht. So ist der Vorwurf des Empathiemangels zwar durchaus nachzuvollziehen, aber in dem Falle nicht berechtigt.

Häufig wird narzisstisch akzentuierten Menschen fehlende Empathie nachgesagt. Leicht wird daraus eine Vorverurteilung, wenn man sich nicht um ein tieferes Verständnis bemüht. Generell wird bei Empathiemangel von Narzissmus oder Soziopathie ausgegangen – was leider ein Trugschluss ist.

Auch Narzissten können Empathie haben – gleichzeitig aber auch unter Numbing leiden

Gleichermaßen gilt festzuhalten, dass auch andere narzisstische Verhaltensweisen durch problematische Kindheitserfahrungen entstehen, genauso wie die emotionale Erstarrung und daraus resultierende Abstumpfung. Daraus zu schließen, dass der betroffene Mensch empathielos ist, führt zu einer eingeschränkten Sicht der Dinge und ist nicht zielführend.

Autor: Arne Salisch