Narzissmus und Entwicklungstrauma

Der Text fasst die Inhalte eines Interviews zusammen, das die Traumatherapeutin Dami Charf der Narzissmus Selbsthilfe gegeben hat. Dabei dreht es sich um den Zusammenhang von Narzissmus und Entwicklungstrauma und auch um die Frage, ob narzisstisches Verhalten eine Folge von einem Entwicklungstrauma sein kann.


Narzisstische Störungen entstehen durch Entwicklungstrauma, denn kein Baby kommt narzisstisch auf die Welt.

Dami Charf

Traumafolgen, Ängste und Depressionen sind ein Ausdruck von Selbstregulationsstörungen. Traumatische Ereignisse bewirken, dass wir uns nicht gut selbst regulieren können. Narzisstische Störungen entstehen durch Entwicklungstrauma, denn kein Baby kommt narzisstisch auf die Welt.

Ungenügende Spiegelung als mögliche Ursache für narzisstisches Verhalten.

Wenn Kinder viel zu früh etwas sein sollen, was sie eigentlich nicht sind, sei es Partnerersatz oder die kleine Prinzessin oder der kleine Prinz, bekommen sie eine Spiegelung, die nicht mehr realistisch ist. Das Kind zu fördern und zu bestätigen ist eine Sache, aber es gibt auch Spiegelungen, die das Kind gewissermaßen abprallen lassen. Wenn ein Kind mit einer Zeichnung kommt und die Bezugsperson sagt: „Oh, wie toll, das machst Du ja super!“, ohne sich die Zeichnung wirklich angeschaut zu haben, dann bekommt das Kind eine unrealistische Spiegelung.

Auch ein Mangel an Grenzen führt zu Narzissmus und Entwicklungstrauma.

Grenzen sind unheimlich wichtig. Es gibt den gesunden kindlichen Narzissmus, bei dem das Kind denkt, die Welt drehe sich allein um es selbst, das ist eine gute und gesunde Phase. Aber Kinder müssen dann auch lernen, dass auch andere Leute Bedürfnissen haben, die ebenso wichtig sind.

Aber wenn niemand da ist, um eine Auseinandersetzung mit dem Kind zu führen und auch das Geschrei auszuhalten, bis das Kind verstanden hat, dass eine Grenze gibt, dann läuft das Kind emotional ins Nichts und kann eben nicht lernen, wo die Grenzen sind. Kinder, die keine gesunden Grenzen erfahren sind oft genauso traumatisiert, wie Kinder, die hoch autoritär erzogen oder geschlagen werden. In beiden Fällen fehlt eine sichere und klare Verbindung zu den Eltern.

Manche Kinder, die wenig echte Beachtung oder echten Kontakt bekommen, lernen, die Eltern zu manipulieren und gegeneinander auszuspielen. Sie haben nie gelernt, was eine echte Beziehung ist. Sie haben gelernt, dass sie selbst manipuliert werden, dass Menschen über sie bestimmen, aber nie in Beziehung gehen. Das kann dazu führen, dass sich narzisstische Strukturen entwickeln.

Ich begegne dem Thema mit Vorsicht, es ist ein Modethema und man muss aufpassen, dass Menschen nicht einfach abgestempelt werden.

Gesunder Narzissmus?

Es gibt meiner Ansicht nach keinen gesunden Narzissmus. Es gibt gesunden Selbstwert, gesundes Selbstbewusstsein. Ein Faktor dabei ist z.B. die Kritikfähigkeit. Menschen mit einem gesunden Selbstwert sind kritikfähig und flippen nicht gleich aus, wenn sie kritisiert werden. Sie wehren sich nicht komplett dagegen, sondern können sich die Kritik anschauen. Natürlich mag kein Mensch kritisiert werden, aber gesunde Menschen können sich regulieren, also Kritik stehen lassen.

Man muss auch nicht manipulieren, wenn man einen gesunden Selbstwert hat. Manipulation von anderen Menschen zeigt, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist.

Ein klassisches Zeichen ist auch, dass der „Narzisst“ mit einem sehr aufgesetztem Ich lebt, das aber nicht gefüllt ist und jede Kritik, jede Frage zum eigenen Selbstbild abgewehrt. Ist das nicht mehr möglich, fällt er in ein tiefes Loch, wo es ihm ganz schlecht geht und er gar keinen Selbstwert mehr hat. Dann sind das Gejammer und das Drama ganz groß. Da springen dann die Partnerinnen an, weil er ihnen ja so leid tut . Sie wollen ihn wieder aufbauen und hochpäppeln. Wenn es ihm wieder gut geht, dann hat er seine vorigen Selbstzweifel aber vergessen, er hat keinen Kontakt mehr dazu. Es ist abgespalten. Es gibt nur ein ganz oben und ganz unten, und das Unten wird vermieden, da es so schmerzhaft ist und in dem Zustand von der Person nichts mehr übrig ist.

80% der Menschen sind traumatisiert.

Ich bezeichne 80 % der Menschen als traumatisiert, weil es einerseits nicht möglich ist, durchs Leben gehen, ohne tiefe Verletzungen zu erleiden Hier kommt es nun darauf an, wie der Mensch das Erlebte verarbeitet, ob es zu einem Trauma wird oder nicht, und wie viele Ressourcen er hat, um damit umgehen zu können.

Andererseits haben wir als Kultur nicht verstanden, wie man mit Babys umgeht, wie man mit kleinen Kindern umgeht, wie man Geburten stressfrei gestaltet, wie Kinder gut ins Leben kommen. Weil schon ein kleinstes Baby allein schlafen soll, lässt man es schreien. Man empfindet das Baby als manipulativ und glaubt, dass es nur schreit, um etwas zu bekommen, dass es gar keine echten Gefühle hat oder tut nur so als ob. Das ist völliger Unsinn. Babys sind komplett abhängig und brauchen ihre Familie zum Überleben. Alles, was ein Baby tut, hat etwas damit zu tun, wie es ihm geht, und bedeutet überhaupt nicht, dass es jemanden manipulieren will.

Meine Generation, ich bin Jahrgang 64, ist nach der Geburt komplett von der Mutter weggelegt worden. Das war natürlich extrem bedrohlich. Man war neun Monate in engstem Kontakt, und auf einmal ist da nichts mehr, außer anderen Kindern, die genauso in Panik sind. Insofern zieht sich das Entwicklungstrauma gesellschaftlich durch. Das zeigt sich daran, dass die Menschen immer dysfunktionaler werden, Depressionen und Ängste entstehen und dass wir als Gesellschaft einen Preis dafür zahlen.

Opfer und Täter

Die Begriffe haben schon ihren Sinn, je nachdem, wo wir uns bewegen. Es ist doch wichtig, dass bezeichnet wird, wer die Gewalt erlitten hat und wer sie ausgeübt hat. Gerade bei Gewalt gegen Frauen und gegen Kinder ist es mir doch wichtig zu erkennen, wer die Gewalt ausgeübt hat. Anders ist es, wenn sich auf der Straße zwei Menschen prügeln wollen, dann ist es deren Angelegenheit. Wenn aber jemand auf der Straße einen anderen absticht, dann gibt es ein Opfer und einen Täter.

Wenn man sich Dynamiken anschaut, mag es manchmal nicht ganz so klar sein, aber wenn es um körperlich oder sexuelle Gewalt geht, finde ich die Bezeichnungen wichtig. Für die Opfer ist es wichtig, dass sie sich nicht mit dem Begriff „Opfer“ identifizieren. Sie sind in einer Situation zum Opfer geworden, sie sind es aber nicht. Ein Mensch ist durch eine Handlung Opfer geworden, aber er ist nicht ausschließlich das Opfer. Ein Täter ist nicht nur Täter, er ist zum Täter geworden, man muss sehen, wie er zum Täter geworden ist, und wieviel Verantwortung er übernehmen kann.

Über Dami Charf:

Dami Charf, Jg 1964 ist soziale Verhaltenswissenschaftlerin, HP Psychotherapie, Trauma-Aktivistin und Bestsellerautorin. Sie steht mit Herz und Seele für das Thema Verbundenheit. Trauma ist für sie das Gegenteil von Verbundenheit und Lebendigkeit. Trauma trennt uns von uns selbst, anderen und der Erde, auf der wir leben.

Sie arbeitet sei 25 Jahren körperpsychotherapeutisch und hat inzwischen ihre eigene Methode „SEI® – Somatische Emotionale Integration®“ entwickelt. Ihre beiden Bücher sind Spiegel-Bestseller und im Buchhandel erhältlich. Sie lebt und arbeitet in Göttingen und Berlin und stellt ihr Wissen im Internet, in Onlinekursen oder in Seminaren vielen Menschen zur Verfügung.

Bücher: „Auch alte Wunden können heilen“
„Die 3 Quellen echten Lebensglücks“

Dami Charf – Auch alte Wunden können Heilen – Spiegel Bestseller

Dami Charf bietet Online-Selbsthilfekurse und psychotherapeutische Gruppen an.

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