Hochsensibel und narzisstisch – Die Macht der Anziehung

von Pia Sophie Recke

Nachdem in den meisten Artikeln immer wieder auf die Merkmale und Verhaltensmuster
eines Narzissten eingegangen wird, möchte ich nun auf die Anziehung von empathischen
und selbstlosen Menschen auf Narzissten eingehen.

Kurz gesagt: Narzissten bezeichne ich in diesem Blogartikel als die Personen, die mit ihrem
narzisstischen Selbstbild so eng verschmolzen sind, dass die gesunden Anteile der
Selbstreflexion und Empathie kaum bis gar nicht mehr vorhanden sind. Das heißt ich bezeichne Narzissten als Menschen mit einer tiefgreifenden Persönlichkeitsstörung.

Jeder von uns hat narzisstische Züge! Es ist mir sehr wichtig, dass das verstanden wird, denn
der Terminus Narzisst wird mittlerweile zu verschwommen inflationär gebraucht.

Besonders in partnerschaftlichen Beziehungen geraten oftmals feinfühlige, verständnisvolle Persönlichkeiten an einen Narzissten. Warum ist das so?

Für eine narzisstische Persönlichkeit ist eine hochsensible Persönlichkeit der/die ideale Partner*in.
So sucht sich ein männlicher Narzisst gerne eine Freundin, die ihm unterlegen scheint, die sich aufopfert
und ihm somit ständige Bewunderung und Gefolgschaft entgegen bringt.

Diese Merkmale kann er bei einer starken und selbstbewussten Persönlichkeit schwieriger
finden, da er stetig damit rechnen muss aufzufliegen oder belächelt zu werden. Narzissten
suchen in ihren Beziehungen nach Perfektion und Kontrolle, damit sie ihr geringes
Selbstwertgefühl kompensieren können. Dieser überzogen hohe Anspruch ist natürlich in
einer partnerschaftlichen Beziehung nicht Aufrecht zu erhalten.

Warum also eine Beziehung mit einer hochsensiblen Persönlichkeit?

Weil hochsensible Menschen eine Reihe von Charaktereigenschaften aufweisen, die den von
Co-Narzissten (verdeckte Narzissten) sehr ähnlich sind.

Die Psychologin und Autorin Bärbel Wardetzki hat die die Merkmale eines Co-Narzissten so
zusammengefasst:

• ist in der Minderwertigkeit, Depression und Hilflosigkeit verwurzelt
• macht sich klein und zum Opfer
• Anerkennung durch Anpassung bis zur Selbstaufgabe (Überschreitet dadurch auch oft die Grenzen anderer, da die eigenen Grenzen ebenso verschwimmen)
• Kompensation der Schwäche durch Überanpassung, Attraktivität, Leistung
• Beziehungsannehmer (anklammernd)
• depressive Stimmung, negativer „Gefühls-Sumpf“
• Suche und Entlehnung eines idealisierten Selbst beim Partner und seinen Erfolgen
• Aufgehen im Anderen
• empathisches Mitfühlen bis zur Übernahme fremder Gefühle
• großes Harmonie- und Kompromissbedürfnis
• sucht Elternfigur und Halt im Partner, bemuttert den Partner (kann mitunter auch einen Kontrollzwang entwickeln)
• Abwehr der Kränkung durch Harmonisierung und Anpassung

• Anfällig für Schuldgefühle
• Opferposition (Definiert die eigene Person und den Selbstwert über die Opferrolle)

Menschen mit einer hochsensiblen Veranlagung, mit ZUVIEL Verständnis und einem Hang zur
Selbstaufgabe geben dem Narzissten die benötigte Bewunderung. Ein offener Narzisst beschimpft
und entwertet während eines Konflikts seinen Partner. Der hochsensible Mensch lässt es
sich aufgrund der großen konfliktscheu und der mangelnden Fähigkeit zur Abgrenzung
„gefallen“. Gleichzeitig gefällt der Hochsensible Mensch sich aber auch in seiner Opferrolle, weil dadurch ein vertrautes Muster bedient wird, was Teil seiner Identität wurde. Die Opferhaltung ist quasi der Überlebensmechanismus des verdeckten Narzissten.

Narzissten und Hochsensible: Eine unmögliche Verbindung?

Als Partnerin mit einem ausgeprägten Narzissten in einer Beziehung zu sein, ist eine ständige Herausforderung. Falls es eine Chance für die Beziehung geben soll, ist das nur möglich, wenn du lernst, dich immer besser abzugrenzen, und dich nicht auf die Schuldvorwürfe des Narzissten einzulassen.

Narzissten gelten in der Regel (Es gibt auch Ausnahmen) als äußerst uneinsichtig und therapieresistent. Ein ausgeprägter Narzisst wird solange wie irgend möglich sein Masken- und Kontrollspiel beibehalten um nicht in eine Depression zu stürzen, was er tun würde, wenn er sich zu sich selbst bekennen würde. Denn hinter seiner Maske ist NICHTS. außer einer tiefen Urwunde.
Einzig bei einer tief gehenden narzisstischen Krise, indem der Narzisst zum Beispiel verlassen
wird, sich immer mehr Leute von ihm abwenden, er eine herbe (berufliche) Niederlage
einfährt, besteht die Chance, dass seine Fassade zusammenbricht und der dahinterliegende
Schmerz zum Vorschein tritt.

Nun kann die hochsensible Persönlichkeit mit viel Empathie und Verständnis den Narzissten
Auffangen. Aber auch das kostet viel Kraft und Arbeit und ist vermutlich nicht von dem
gewünschten Erfolg gekrönt.