Empathisch sein heißt auch NEIN sagen zu können – Das Wunder der Selbstempathie

Nicht erst seit der Pandemie ist mir aufgefallen, dass es wichtig ist, dass wir einander zuhören. Das passiert viel zu selten. Dass man sich zuhört ohne darauf zu warten, dass der andere fertig ist um selbst etwas sagen zu können. Denn darum geht es bei Empathie. Den anderen so sein lassen, wie er ist, ihm achtsam zuzuhören ohne zu bewerten. Etwas, was bei diesem Thema gern vergessen wird, im Zeitalter von Narzissten und Empathen oder Hypersensiblen Empathikern. Jeder Mensch hat nämlich einen guten Grund, zu sein, wie er ist. Gleichzeitig lassen wir jegliche Selbstempathie vermissen, lassen uns also selbst auch nicht so sein, wie wir sind.

Selbstempathie hilft dabei sich selbst zu verstehen

Das Leben ist schnelliebiger geworden und nicht erst seit es Internet gibt. Das Internet zeigt uns nur, wie schwer es uns fällt abzugrenzen oder zu uns selbst zu stehen. Aus Angst vor Ablehnung oder Kritik mutieren viele Menschen zu Ja- sagern und werden somit Opfer ihres eigenen Denkens. Sie sind geprägt worden von einer narzisstischen Gesellschaft, in welcher das Leistungsprinzip anscheinend mehr zählt, als die eigenen Interessen und die Gesundheit. Viele Menschen sind gestresst und reagieren oft dünnhäutig bei Kritik, während sie weiterhin Idealen nachjagen, welche Sie auf ein Podest gestellt haben. Sie sind überfordert mit sich, mit den anderen und mit dem Leben. Nur mögen Sie sich das nicht eingestehen. Man könnte sie ja für schwach halten. Schnell kommt der Verdacht auf, man habe es mit einem Narzissten zu tun.

Dabei haben die meisten einfach nur verlernt sich selbst gegenüber Empathisch zu sein. Sie haben verlernt in sich reinzufühlen. Sie haben den Kontakt zu sich selbst verloren. Ja- Selbstempathie hilft dabei sich selbst zu verstehen und hilft dabei auch andere so sein lassen zu können, wie sie sind, während sie ähnliches fühlen.

Aus diesem Grund habe ich anfangen mich noch intensiver mit Empathie und einer achtsamen Gesprächsführung zu beschäftigen. Dabei bin ich auf Claudia Fabian getroffen, einer Kommunikationstrainerin, Dozentin und Buchautorin, die sich intensivst mit den Themen Empathie, aktives Zuhören und Gewaltfreier Kommunikation auseinander setzt.

Für die Narzissmus Selbsthilfe gibt uns Frau Fabian ein Interview.

Claudia Fabian, Dozentin, Kommunikationstrainerin, Buchautorin

Liebe Frau Fabian, vielen Dank für ihre Zeit. Sie schreiben in ihren Büchern, dass es wichtig ist, mutig und respektvoll NEIN zu sagen. Jetzt haben viele Betroffene das Gefühl, dass sie das nicht dürfen. Sie haben teilweise ein schlechtes Gewissen oder denken dann, sie wären egoistisch – ein Begriff, der mit Narzissmus gleichgesetzt wird und ebenso negativ konnotiert ist. Wie begegnen Sie den Betroffenen, die so empfinden?

Wenn eine Person ein „Nein“ ausspricht bedeutet das, dass in diesem Moment die eigenen Bedürfnisse und deren Erfüllung ÜBER die Bedürfnisse von anderen Menschen gestellt werden. Das ist mitunter eine gesunde Einstellung. Die eigenen Bedürfnisse permanent zurückzustellen oder sich grundsätzlich nicht zu erfüllen, führt zwangsläufig zu Gefühlen von Enttäuschung, Ärger, Unzufriedenheit …

Häufig entsteht auch ein Ärger anderen Menschen gegenüber, die vermeintlich nicht rücksichtsvoll genug sind. Dabei ist die Aufgabe einer jeden Person, die sich nun einmal am allerbesten kennt, Grenzen aufzuzeigen und diese zu leben und zu kommunizieren. Das bedeutet im Umkehrschluss, wenn Gefühle von Glück Zufriedenheit, Lebensfreude, Gelassenheit… erlebt werden wollen, müssen die eigenen Bedürfnisse erfüllt sein. Ein Nein auszusprechen, sich seiner Bedürfnisse bewusst zu sein, hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit Selbstempathie, einer gesunden Selbstliebe und Selbstfürsorge. Denn in letzter Konsequenz liegt die Verantwortung für das eigene Glück in den eigenen Händen.

Selbstempathie im Sinne der GFK (Gewaltfreien Kommunikation) Wenn ich mir selbst Empathie entgegenbringe (Selbstempathie), mache ich eine „Bestandsaufnahme“ meiner Situation, ohne sie als schrecklich oder missglückt zu werten – das wäre Selbstmitleid. Ich beobachte meine Situation und meine dazugehörigen Gedanken. Die Unterscheidung dessen, was meine Beobachtung und was meine Interpretation der Lage sind, kann schon dazu führen, dass ein Perspektivenwechsel möglich ist. Im nächsten Schritt nehme ich meine Gefühle wahr, die in Zusammenhang mit meinen Gedanken zu der Situation auftauchen. Anfangs sind Gedanken meist sehr viel lauter als Gefühle und es tauchen Sätze auf, die mit „Ich fühle mich…“ anfangen und mit „missverstanden, ignoriert, nicht respektiert oder verarscht“ weitergehen – das scheinen zwar Gefühle zu sein, sind es aber im Sinne der GFK nicht.

Man sagt dass gerade Narzissten besonders Kritikempfindlich sind. Wenn man ihr Buch liest, dann erfährt man jedoch, dass im Grunde genommen fast alle Menschen Schwierigkeiten haben, damit Kritik anzunehmen bzw. einfach nur stehen zu lassen. Wie erklären Sie sich die Tatsache, dass es vielen Menschen leichter fällt andere zu kritisieren, als sich kritisieren zu lassen?

Eine gute Frage. Meiner Erfahrung nach hat das viel mit dem Eigenbild und dem Fremdbild zu tun. Es ist immer etwas leichter einen anderen Menschen aus der Distanz zu betrachten. Wie tritt ein Mensch auf, wie agiert er, wie kommuniziert er nonverbal, welche Körper- und Gesichtsreaktionen gibt es… Diese Betrachtung ist nur von außen möglich und steht uns damit für uns selbst nicht zur Verfügung. Infolgedessen sind wir auch eher anderen Menschen kritisch gegenüber als uns selbst. Wenn wir somit eine Kritik hören, ist sie im ersten Moment etwas schwieriger anzunehmen, da wir keinen Abgleich mit einer sichtbaren Realität vornehmen können.

Ein weiterer nicht unwesentlicher Aspekt ist, dass viele Menschen die Lösung ihrer Probleme nicht bei sich selbst suchen, sondern darin, dass sich andere Menschen möglichst nach ihren Vorstellungen ändern sollen. Dann, so die Wahrnehmung, ist die Welt wieder in Ordnung.

Leider wird dabei gerne außer Acht gelassen, dass diese Herangehensweise nicht funktionieren kann, da sich Menschen somit permanent ändern müssten – nach den Wünschen anderer.

Wie unterscheidet man jetzt eigentlich zwischen konstruktiver Kritik (Feedback) und destruktiver Kritik? Was sollte man beachten, wenn man jemanden kritisieren will?

Konstruktive Kritik kann ein Geschenk sein. Eine Person die kritisiert, hat sich in der Regel über eine bestimmte Situation Gedanken gemacht und Zeit investiert. Von daher ist es wertvoll, dieses Engagement nicht dadurch zu zerstören, dass es einer anderen Person mit Vorwürfen, Schuldzuweisungen, Du-Sätzen und Aggression überreicht wird. Konstruktive Kritik ist davon geprägt, das zunächst einmal neutral und nachvollziehbar umschrieben wird, was genau der Sachverhalt ist, der kritisiert wird. Desto neutraler das Thema dargestellt wird, desto leichter kann es von der Person die angesprochen wird, angenommen werden.

Da jede Kritik in letzter Konsequenz subjektiv ist, muss genau das zum Ausdruck gebracht werden. Es geht dann um eine bestimmte Sache, und nicht um die Ablehnung der Person. Eine Situation, die uns missfällt bedeutet immer, dass ein bestimmtes Bedürfnis, das uns grundsätzlich im Leben wichtig ist, NICHT erfüllt ist. Um welches Bedürfnis es sich genau handelt, gilt es persönlich herauszufinden und mitzuteilen. Das ist ehrlich, authentisch und macht klar, dass die eigene Sichtweise der Auslöser für Kritik ist. Eine hervorragende Ausgangslage für ein Gespräch.

Gibt es einen besonderen Trick trotz einer Selbstwertinfragestellung empathisch zu bleiben? Was kann man tun, wenn man gekränkt ist, sich angegriffen fühlt – jedoch nicht in den Rechtfertigungsmodus reinzufallen?

Trick ist vielleicht zu viel gesagt, aber es gibt meiner Meinung nach, eine gut funktionierende und empathische Alternative. Zunächst einmal ist es unterstützend, sich grundsätzlich auf konstruktive Kritik einzustellen und die Bereitschaft zu haben, diese zu hören. In der Regel betrifft die Kritik eine bestimmte Situation, jedoch nicht grundsätzlich die Person. In der Kommunikation hat sich bewährt, die Aussage der Person, die Kritik ausübt, kurz zusammenzufassen und unkommentiert stehen zu lassen. Kritik und unterschiedliche Meinungen dürfen da sein – es besteht kein Anlass, in eine Verteidigung zu gehen.

Sollte zum Beispiel nach einer Essenseinladung die Kritik kommen, dass das Essen nicht geschmeckt hat, wäre ein möglicher entspannende Kommentar:

„Ich höre, mein Essen hat dir nicht geschmeckt“.

Mit dem Satzanfang „Ich höre“, wird neutral dokumentiert, WAS gehört wurde. Das heißt es wurde zugehört und sehr wohl verstanden, was der Gesprächspartnerin, dem Gesprächspartner auf dem Herzen liegt. Das bedeutet jedoch NICHT, dass ich damit einverstanden bin oder die Meinung teile. Die Sichtweise einer anderen Person einfach mal stehen zu lassen, ohne Gegenangriff, Kommentar oder Bewertung, ist für BEIDE Seiten entspannend. Bei echtem Interesse, kann natürlich nachgefragt werden, was genau gefehlt hat zum kulinarischen Glück. Damit bietet Kritik sogleich die Chance des besseren kennen lernens.



Die beiden Bücher von Claudia Fabian auf die sich das Interview bezieht…

Je größer der Stress, desto geringer ist die Empathie für andere Menschen und sich selbst.

Claudia Fabian

Wir leben in einem Zeitalter der Überforderung. Die Menschen werden überflutet. Und sie sollen trotzdem ganz viel leisten. Gleichzeitig wird Empathie als Wichtiges GUT erwartet. Jetzt weiß man aus der Polyvagaltheorie, dass unter besonders hohem Stress die Empathiefähigkeit nachlässt. Was empfehlen Sie unseren Lesern und Leserinnen – wie kann man trotz des vielen Stresses und der hohen Anforderungen empathisch sich selbst und anderen gegenüber bleiben?

Ja, tatsächlich ist es so, je größer der Stress, desto geringer ist die Empathie für andere Menschen und sich selbst. Selbstempathie wird also häufig unterschätzt.

Stress bedeutet das viele Bedürfnisse, die wir persönlich haben, nicht (ausreichend) erfüllt sind, wie zum Beispiel ausreichend Schlaf, Entspannung, Selbstbestimmung, Freizeitaktivitäten, oder Kontakt mit Freunden und Familie. Wenn so viele essentielle Bedürfnisse nicht erfüllt sind, gerät Körper, Geist und Seele aus der Balance. Wir geraten in Not. In einer Notsituation funktionieren wir, um den Erfordernissen die von außen auf uns gelegt werden, irgendwie gerecht zu werden. Wenn wir ausschließlich anderen gerecht werden, werden wir uns nicht mehr gerecht. Ein Teufelskreislauf, der extrem viel Kraft und Reserven kostet. Die Batterien werden immer leerer und das “Aufladen“ nimmt einen immer größeren Rahmen ein, wenn es überhaupt noch geht.mDa wir mit einem empathischen Verhalten immer Zeit und Energie verschenken, bedeutet das einen Kraftaufwand, der in Zeiten der Not, nicht aufgebracht werden kann. Alle Energie wird für uns selbst benötigt.

Wie können wir die Kraft für die Empathie für uns selbst und andere Menschen finden?

Es braucht Zeiten, die NICHT verhandelbar sind, um zu entspannen, Stress abzubauen und um Kraft zu tanken. Das bedeutet wiederum, es braucht ein gutes Zeitmanagement. Wichtig ist auch, sich selbst bewusst zu machen, was individuell stärkt. Für den einen sind es Spaziergänge im Wald, Massagen, Meditation, Autogenes Training, kochen, Lesen, mit dem Partner kuscheln, mit den Kindern spielen… Es ist gut, sich eine Erholungsliste zu notieren, auf die in schwierigen Zeiten zurückgegriffen werden kann. Selbstempathie heißt also auch gut, für sich sorgen zu können und sich Zeit zu nehmen für die eigenen Bedürfnisse.

Mir Persönlich haben auch die kleinen Pausen im Alltag immer gutgetan, wie eine Mittagspause oder ein kleiner Rundgang an der frischen Luft, Unterlagen vom Drucker direkt holen, den Bildschirm kurz verlassen oder regelmäßig einen frischen Tee aufbrühen.

In einer Partnerschaft kann es hilfreich sein, das Thema „empathischer Umgang“ zu thematisieren. Wenn Übereinstimmung besteht, können unterschiedliche Signale ausgemacht werden, um in Krisenzeiten darauf hinweisen, dass eine Pause dringend erforderlich ist, da die Empathie verloren gegangen ist. Aufgrund der geschilderten Notsituation, können Absprachen erfahrungsgemäß nur in entspannten Zeiten erfolgen. Wichtig ist auch das Bewusstsein, das niemandem geholfen ist, wenn man Krank wird oder in den Burnout rennt. Die Verantwortung liegt bei jedem einzelnen. Womit wir das Thema „Nein sagen“ wieder berühren.

Wie Sind sie zum Thema Empathie und Zuhören gekommen? Was war der Auslöser dafür, dass sie angefangen haben genauer hinzuhören?

Ein Hauptauslöser waren die vielen Missverständnisse in meinem privaten Umfeld. Ich hatte festgestellt, dass nicht nur ich, sondern wir als Gemeinschaft, grundsätzlich viel zu schnell verstehen. Dann wird nicht mehr genau zugehört und vor allen Dingen in Aussagen recht schnell etwas hineininterpretiert.

Für ein echtes zuhören braucht es jedoch Zeit, Offenheit für Neues, Bereitschaft auch Dinge zu hören an die wir vielleicht nicht gedacht haben und ein ehrliches Interesse. Erst dann ist es möglich mal den Standpunkt des anderen einzunehmen und die Situation aus seiner Sicht zu betrachten. Keiner hat Recht oder Unrecht. Niemand gewinnt oder verliert. Wir begegnen uns auf Augenhöhe.

Meine Ausbildungen zur Kommunikationstrainerin und ganzheitliche Lebensberaterin haben die Möglichkeiten des Zuhörens weiter vertieft und ausgebaut. Persönlich glaube ich, dass ist ein Bereich in dem Lebenslanges lernen wohl nötig ist, da die Situationen so vielfältig sind, wie die Menschen.

Claudia Fabian ist ehemalige Bankerin und seit 10 Jahren als anerkannte Kommunikationstrainerin und ganzheitliche Lebensberaterin tätig. Ursprünglich aus Berlin, lebt sie heute im Allgäu.

Sie gibt Einzelsitzungen, macht Vorträge und gestaltet Seminare für Privatpersonen und Unternehmen. Unter anderem ist sie regelmäßig Dozentin in der Paracelsus Schule. Es ist ihr eine Herzensanliegen, ihr breites Wissen in praxisnahen Büchern zur Kommunikation und zur aktiven Lebensgestaltung weiter zu geben. Ihre Werke sind im Schirner Verlag erschienen.