Die narzisstische Kränkung und warum es dumm ist andere ungefragt zu kritisieren

Häufig wird Narzissten nachgesagt, sie seien schnell beleidigt und gekränkt, während sie selbst andere entwerten und demütigen. Das die narzisstische Kränkung jedoch nicht nur Menschen treffen kann, die unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden, ist eindeutig. Eine der Hauptursachen von Kränkungen ist unerbetene, vorwurfsvolle Kritik. Warum das so ist und wie eine Kränkung auf dauer krank machen kann, darum soll es in diesem Artikel gehen.

Menschen denen eine Kränkung ins Gesicht geschrieben steht, sind gar nicht so selten

Immer mehr Menschen haben Schwierigkeiten damit loszulassen, oder zu verzeihen. Sie tragen Leid aus alten Tagen in sich umher und erleiden schlimmste Qualen. Sie reagieren auf Trigger teils beschämt, teils zutiefst gekränkt oder gar verbittert.

Was ist eigentlich eine narzisstische Kränkung?

Die Narzisstische Kränkung bezieht sich sowohl auf das Verhalten mit dem eine Kränkung zugefügt wird, als auch auf das Erleben wie sie ein Mensch empfindet. Die narzisstische Kränkung hat eine große Macht, wie der renomierte österreichische Psychiater Dr. Reinhard Haller in seinem Buch „Die Macht der Kränkung beschrieb“.

Die Narzisstische Kränkung hat eine ungeheure Macht, laut Professor Reinhard Haller

Kränkungen werden immer als vernichtende Angriffe erlebt und können psychische Störungen mit sich bringen. Sowohl Einzelpersonen, als auch Gruppen oder Staaten können davon betroffen sein. Kränkungen sind allgegenwärtig und greifen die Identität und das Selbstgefühl eines jeden Menschen an.

Der Begriff „Narzisstische Kränkung“ geht auf Siegmund Freud zurück, der das Selbstgefühl eines Menschen als Narzissmus definierte. Dieser Begriff wird auch heute noch in der Natur- und Sozialwissenschaft verwendet.

Als Angriffe und damit Ursachen für eine narzisstische Kränkung gelten:

  • Demütigungen
  • Bloßstellungen
  • Herabwürdigungen
  • Entwertungen
  • Erniedrigungen
  • Spott
  • und auch Kritik ist ein Angriff auf die menschliche Psyche.

Kritik ist selten konstruktiv, jedoch immer kränkend

In unserem Sprachgebrauch spricht man dabei von beleidigten Leberwürsten, die Kritik zu persönlich nehmen. Was dabei häufig nicht beachtet wird, ist, dass Kritik selten konstruktiv ist, weil es ja sonst ein Feedback wäre nach dem gefragt worden wäre.

Im Gegensatz zu Kritik enthält ein Feedback häufig einen konkreten und vor allem lösungsorientierten Verbesserungsvorschlag, während Kritik in der Tat eher nutzlos erscheint. Kritik kränkt nämlich tatsächlich das Selbstwertgefühl. Kritik bringt Menschen in Not und verführt sie dazu sich zu rechtfertigen.

Mark Twain, mochte Kritik, wenn er mit ihr einverstanden war

Kritik kommt häufig ungebeten und ungefragt. Kritik beinhaltet häufig Vorwürfe und zumeist eine Du- Botschaft. Kein Mensch mag gerne kritisiert werden, schon gar nicht, wenn er nicht gefragt wurde, ob er damit einverstanden ist. So beschrieb es einst der berühmte Schriftsteller Mark Twain.

Ich liebe Kritik, aber ich muss damit einverstanden sein

Mark Twain

Jemanden zu kritisieren ist sinnlos und dumm

Zu dieser Erkenntnis kam ebenfalls der Unternehmer John Wanamaker, bereits im frühen 19. Jahrhundert. Er erkannte, wie er es mit eigenen Worten einst formulierte, dass es dumm sei andere Leute zu kritisieren. Er erkannte ebenfalls, dass er genug Verdruß mit seiner eigenen Beschränktheit habe, als dass er sich darüber aufregen würde, dass der liebe Gott es nicht für richtig hielt, alle Menschen mit gleich viel Intelligenz auszustatten.

Dale Carnegie, einer der Väter des modernen Coachings empfahl in seinem Bestseller „Wie man Freunde gewinnt“ ebenso, dass man es unterlassen solle, Menschen zu kritisieren oder diese zu verurteilen.

»Kritik ist nutzlos, denn sie drängt den andern in die Defensive, und gewöhnlich fängt er dann an, sich selbst zu rechtfertigen. Kritik ist gefährlich, denn sie verletzt den Stolz des andern, kränkt sein Selbstgefühl und erweckt seinen Unmut.«

Dale Carnegie

Nicht nur Narzissten reagieren auf Kritik gekränkt

Wer jetzt denkt, dass nur Narzissten auf Kritik gekränkt reagieren, der irrt gewaltig. Niemand gesteht gerne und von sich aus einen Fehler oder Irrtum ein. Niemand reagiert auf Kritik mit Hurra und Applaus. Jeder Mensch, der kritisiert wird, neigt dazu, erstmal zu schlucken. Manch einer schämt sich sogar dafür, weint und distanziert sich erstmal von der Gruppe.

Wiederrum andere rechtfertigen sich sofort. Und nur ganz wenige zeigen sofort Einsicht und geloben Besserung. Kritik kommt meistens unerwartet und überrascht den Empfänger nicht selten auf dem falschen Fuß. Und nicht selten ärgert sich ein Mensch derart, dass er es bevorzugt erst einmal zu schweigen.

Menschen, die gekränkt sind, ziehen sich oft von der Gruppe zurück

Im Internet ist häufig davon die Rede, dass Narzissten bei Kränkungen besonders emotional (über-)reagieren in Form von Abwertung des Gegenübers oder ihre Partner mit einer Schweigebehandlung bestrafen. Jetzt versetz du dich aber mal in die Lage einer narzisstisch gekränkten Person: Wie würdest du reagieren? Wie gehst du mit Kritik um? Und wie fühlst du dich, wenn du dich gekränkt fühlst?

Konstruktive Kritik vs. Feedback

Der Begriff Kritik kommt aus dem griechischen und bedeutet soviel wie „trennen, differenzieren“ Eine viel verwendete Definition von Kritik lautet: „Kritik ist die Beurteilung einer Sache oder Handlung mithilfe von objektiven oder subjektiven Maßstäben. Anhand dieser Maßstäbe lassen sich Bücher rezensieren, Theaterstücke kritisieren oder das Verhalten von Menschen reflektieren und bewerten.“

Jedoch ist der Begriff sehr negativ konnotiert auch wenn der Begriff „Kritik“ ansich neutral ist. Deswegen wird lieber von Feedback gesprochen. Selbst anerkannte Kommunikationsforscher wie Friedemann Schulz von Thun, sprechen von sogenannten Feedbackmodellen und nicht von Kritikmodellen.

Feedback klingt in der Tat freundlicher, vor allem im Job. Das liegt mitunter auch an der synonymen Verwendung jeglicher Art von Kritik, dabei gibt es 5 Arten von Kritik, bei denen man unterscheiden muss:

  • positive Kritik, welche auch als Lob bekannt ist
  • konstruktive Kritik, welche lieber als Feedback bezeichnet wird
  • Selbstkritik, die zwar einerseits auch als Selbstreflexion bekannt ist, jedoch auch zur Selbstsabotage führen kann oder zum Self- Gaslighting, wenn man zu hart mit sich ins Gericht geht
  • negative Kritik, welche vor allem als Tadel oder Rüge bekannt geworden ist
  • und eben destruktive Kritik, welche tatsächlich das Ziel hat zu zerstören.

Was ist Feedback genau?

Wie beschrieben ist Feedback ein synonym für konstruktive Kritik. Es gibt mehrere Modelle in der Kommunikationspsychologie, die andeuten wie man es richtig macht und vor allem, wofür Feedback wirklich gut ist.

Am Bekanntesten dürfte das Johari Fenster sein, welches eben auch Feedbackmodell genannt wird.

Beim Johari-Fenster handelt es sich um ein Kommunikationsmodell, das die Unterschiede zwischen Selbst- undFremdwahrnehmung grafisch darstellt (siehe Abbildung). Es wurde 1955 von den US-amerikanischen Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham entwickelt. Das Modell wird vor allem dazu eingesetzt, die Selbstwahrnehmung mit der Fremdwahrnehmung abzugleichen, um so die Zusammenarbeit und das Verständnis innerhalb von Gruppen zu verbessern. Besonders im Job kommt dieses Modell vor allem bei Fortbildungen zur Anwendung.

Das Johari Fenster ist ein Feedbackmodell, welches aus 4 Felder besteht

Wie kann ich verhindern, dass sich jemand gekränkt fühlt, dem ich Feedback geben wollte?

In der Tat gibt es Menschen, die selbst bei konstruktiver Kritik gekränkt reagieren. Das kann einerseits daran liegen, dass der Sender versehentlich Du- Botschaften verwendet, die leicht als Angriff verstanden werden, andererseits, dass der Empfänger jegliche Rückmeldung zu seiner Person, als Eingriff in seine Autonomie bewertet und entsprechend gekränkt reagiert.

Um dir tatsächlich Tipps an die Hand zu geben, wie du dir zumindest Mühe geben kannst, konstruktiv zu bleiben und damit Feedback zu üben, habe ich hier einige Regeln zusammengefasst, die ich in meiner Ausbildung zum Trainer für Gewaltfreie Kommunikation kennen gelernt habe. Dabei unterscheide ich zwischen Sender und Emfpänger.

Regeln für den Sender von Feedback:

  • Feedback muss beschreibend sein und konkret – Niemandem ist geholfen, wenn du um den heißen Brei redest
  • Feedback muss erbeten worden sein, d.h. der Empfänger muss offen dafür sein, oder wie Mark Twain sagte, einverstanden (bestenfalls fragst du nach, ob es erwünscht ist)
  • Konstruktiv ist es, wenn das Feedback klar und genau ist, also möglichst eindeutig und ernst gemeint
  • Feedback sollte angemessen (liebevoll) geäußert werden, möglichst mit einer „Ich- Botschaft“
  • Du als Sender von Feedback solltest kongruent sein, d.h., das was du zurückmeldest, selbst leben
  • Feedback sollte Sinn ergeben und nachprüfbar sein

Regeln für den Empfänger von Feedback:

  • Der Empfänger sollte möglichst bis zum Ende zuhören und nicht auf Durchzug schalten
  • Bestenfalls rechtfertigt man sich nicht oder argumentiert dagegen
  • Wenn es reicht oder einem zuviel wird, den Sender bremsen z.B. durch ein „Stop“
  • Kritisch prüfen und hinterfragen: „Ist das meins? Gehört das zum mir?“

Abgrenzung von narzisstischer Kränkung zur (narzisstischen) Persönlichkeitsstörung

Wie du mittlerweile erahnen kannst, ist eine narzisstische Kränkung eine fast schon normale Reaktion auf eine als unnormal erlebte Situation. Häufig fühlen sich Menschen schon gekränkt, wenn sie etwas anders verstehen, als es tatsächlich gemeint ist. Das liegt mitunter auch daran, dass sich jeder Mensch seine eigene Wirklichkeit ein wenig selbst konstruiert. Die narztisstische Kränkung und das Erleben dieser, ist also so gesehen gar nicht krankhaft.

Problematisch wird es erst, wenn die dysfunktionalen Copingstrategien greifen, die der narzisstische Anteil in jedem von uns entwickelt hat. Dieser Anteil in uns reagiert dann entsprechend und wird zum Hauptdarsteller. Dieser könnte dann schlimmstenfalls Rachepläne schmieden. Kommt es aufgrund der Kränkung zu dauerhaft schädigenden Verhaltensweisen, spricht man von einer (narzisstischen) Persönlichkeitsstörung.

Narzisstische Kränkungen machen auf Dauer krank

Von welchen schädigenden Verhaltensweisen ist die Rede?

Reinhard Haller hat in seinem Buch „Die Narzissmusfalle“ die 5 großen E´s beschrieben. Die Rede ist hier von Empathiemangel, Egozentriertheit, Entwertung, Empfindlichkeit und Eigensucht. Bei der narzisstischen Kränkung spielen insbesonders die ersten 4 genannten eine große Rolle.

Empathiemangel: Kränkungen versetzen den menschlichen Körper in eine Art Alarmzustand. Insbesondere der Sympathikus ist im Krawallmodus und damit in Dauerspannung. Dieser Zustand führt bei narzisstisch Gekränkten zu einer eingeschränkten Wahrnehmungsfähigkeit. Betroffene haben währenddessen oft keinen Zugang zu den eigenen Bedürfnissen, noch zu denen anderer. Sie spalten ihre eigenen Gefühle ab, und können sich dann auch nicht in die Gefühlswelt anderer hinein versetzen.

Egozentriertheit: Kränkungen lösen wie bereits beschrieben, Verteidigungsstrategien aus, insbesondere rechtfertigen sich Menschen, oder halten an ihrem „Ego“ fest. Einerseits sind Verteidigungs- bzw. Schutzstrategien gut und sinnvoll, weil diese den Selbstwert stabilisieren, andererseits wird es problematisch, wenn aus der Strategie eine Grundhaltung wird. Das zeigt sich vor allem durch einen sehr eingeengten Sprachgebrauch, in der vor allem auf „man“ oder „Ich- Botschaften“ zurückgegriffen wird. Zum Beispiel: „Man wird jawohl nochmal was sagen dürfen“, oder „Ich hab es doch nur gut gemeint“

Empfindlichkeit: Wer sehr darauf bedacht ist, sich selbst in den Vordergrund zu stellen und sein Image zu polieren, reagiert besonders empfindlich auf minimale Unpässlichkeiten. Damit ist nicht der kratzende Pullover gemeint und auch nicht das zu scharfe Essen, auf welches Hochsensible Menschen reagieren. Der narzisstisch strukturierte Mensch ist zwar auch hochsensibel, aber eben auch hochbesorgt bezüglich seines Selbstbildes.

Entwertung: Jeder Mensch zeigt auf Verärgerung und Kränkung eine Reaktion. Menschen mit krankhaft narzisstischen Zügen jedoch, reagieren übertrieben und unangemessen. Sie schießen quasi immer übers Ziel hinaus. Sie überkompensieren. Das heißt, sie übertreiben maßlos und neigen dabei stark zu Beleidigungen, Verunglimpfungen und Entwertungen anderer Personen. Dabei kommt es auch zu Beziehungsabbrüchen und spontanem Ghosting. Narzisstisch gekränkte Menschen überschreiten die Grenzen anderer Menschen. Jedoch tun sie es nicht bewusst. Es ist nicht ihre Absicht, deswegen merken sie es nicht, wie sie anderen dabei verletzen.

Was tun bei Narzisstischer Kränkung?

Wenn du merkst, dass jemand in deinem Umfeld gekränkt reagiert, ist es wichtig im Kontakt zu bleiben, außer der Anteil, der sich rächen will, ist aktiv. Niemand muss sich einer Person aussetzen, die Grenzen überschreitet und im Zerstörungsmodus ist.

Hilfreich ist es immer, den Betroffenen darauf aufmerksam zu machen, dass er nicht hilflos ist und Einfluss darauf nehmen kann, wie er etwas bewertet. Er kann eigenverantwortlich dazu beitragen, sich selbst zu regulieren, indem er sich Zeit nimmt für sich, statt in den Verteidigungsring zu steigen. Auch kann es helfen, den Gekränkten an seine Stärken zu erinnern und ihn gleichermaßen zu bestärken darin, dass seine Schwächen keine Schwächen sind.

Darüber hinaus gibt es viele Entspannungs- und Atemtechniken, die dabei helfen können, wieder runter zu kommen.

Entspannungsübungen können narzisstische Kränkungen lindern

© Daniel Brodersen

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