Danke, dass du mich erinnert hast

Liebe Mausi,

Kennst du das nicht auch? Du wachst auf und es ist ruhig und friedlich und keiner sagt dir was du tun sollst. Wäre da nicht diese Stimme in Dir, die sagt, dass du „musst. Dieses „Muss“ macht es oft unmöglich, sich einzulassen, auf das, was ist. Es ist mit dieser befehlsartigen Stimme unheimlich schwer achtsam zu sein. Ich bin mir sicher, dass du diese Stimme kennst.

Ist das nicht so?

Ich schaue instinktiv auf die Uhr, während ich den letzten Satz geschrieben habe. Bis 9 Uhr will ich weder aufs Handy schauen, noch auf den Laptop. Mein Coach sagte mir, die Zeit zwischen 7 und 9 Uhr wäre meine Zeit. Da könnte ich frühstücken, baden, meditieren – einfach den Alltagsstress einfrieren und mir selbst was Gutes tun.

Ich habe gerade abgewaschen und meine Wäsche sortiert. Danach hab ich mir einen Latte Machhiatto gemacht mit meiner French Press. Oft vergesse ich das Wesentliche, also das, was liegen bleibt, was mein Leben so chaotisch erscheinen lässt. Mir funkt mein Kopf dazwischen, der mir Sätze sagt wie „Die anderen sind wichtiger“ oder „Geld verdient sich nicht durch NICHTSTUN“ Ich habe den Glaubenssatz verinnerlicht, dass man für Geld hart arbeiten muss und oft arbeite ich hart und härter an mir, obwohl schon alles da ist.

Ich habe als Kind oft getrödelt, mir Zeit genommen für mich und dann immer von meiner Mutter Ärger bekommen, obwohl sie genauso war. Sie hat getrödelt, alles, was sie tat, bis zu 100x kontrolliert, permanent die Klinken geputzt und war dadurch unnötig im Stress. Sie war extrem penibel und ordentlich und setzte sich damit oft unter Druck. Gut war in ihren Augen selten gut genug. Wenn ich die Wartezeit dann für mich genutzt habe, hat meine Mutter geschimpft. Sie dachte ich würde trödeln um sie zu ärgern, dabei habe ich nur versucht meine Langeweile zu kompensieren. Mir war nämlich langweilig, während meine Mutter zum x-ten mal kontrollierte ob sie den Herd auch ausgemacht hat.

Meine Mutter erwartete von mir stets das Gegenteil von dem, was sie selbst tat. Man könnte meinen, sie wäre hochgradig narzisstisch – aber das war sie nicht. Sie war bloß hin und wieder zwanghaft und gestresst und hatte somit keine Kapazitäten mehr für mich übrig. Ich glaube, sie hat es selbst nicht anders gelernt. Für mich als Kind war das trotzdem anstrengend. Ich habe auf sie gewartet und musste mich in Geduld üben, während sie selber ungeduldig war. Meine Mutter wusste selbst, das ihr Verhalten dumm war, aber sie konnte es nicht abstellen. Wie schon geschrieben, man nennt das Verhalten zwanghaft und nicht narzisstisch.

Meine Mutter war so gestresst, dass man ständig wiederholen musste, was man ihr sagte. Sie wirkte oft sehr unaufmerksam und als ob sie das alles nicht interessiere. Bei näherem Nachhaken dann aber hörte sie mir schon zu und war auch empathisch – nur vorher hab ich mich oft von ihrem Stress anstecken lassen und wurde ebenso ungeduldig und quengelig, wenn sie mal wieder den Anschein machte nicht zuzuhören.

Als ich am Wochenende bei dir war liebe Mausi, hast du mich in manch einem Moment an sie erinnert. Dafür danke ich Dir.

Liebe Grüße Klausi