Trennungsschmerz vs. Ghosting – was nun?

Jeder Abschied ist ein kleiner Tod. Bei jeder Trennung herrscht große seelische Not. Da ist der eine Partner, der sich trennt- der möglicherweise sogar vor einer möglichen (Er)klärung davon rennt. Und da ist der andere Partner, von dem sich ohne Erklärung getrennt wurde, der angeschwiegen wird und der absolut nicht weiß woran er ist und daher auch nicht abschließen kann.

Ghosting ist in aller Munde.

Immer wieder wird Ghosting mit Narzissmus in Verbindung gebracht, dabei ist der plötzliche Kontaktabbruch, oft nur ein Schutzreflex des Kontaktabbrechers, also eine Strategie die angewendet wird, aus eigener Angst heraus und ganz gewiss nicht- wie oft behauptet wird, um dem anderen mit voller Absicht zu schaden. Dem Kontaktabbrecher / Ghost (wie auch immer man ihn nennen mag) geht es dabei oft nur um das eigene Wohlbefinden. Das mag für den Hinterbliebenen rücksichtslos wirken und auch verzweifelt im Internet nach einer Erklärung suchen – dabei darf sich aber die Frage gestellt werden – wie würde ich mich selber verhalten, wenn ich absolut keinen Sinn mehr in der Beziehung sehe?

Oft brechen Menschen aus heiterem Himmel den Kontakt ab, weil sie keinen Sinn mehr in der Beziehung sehen. Jeder weitere Kontakt wäre dann Energieverschwendung. Natürlich liegt es dann nahe, dem Ghost eine Störung anzudichten – besonders beliebt ist die Modediagnose „Narzisstische Persönlichkeitsstörung“ – zu der guten alten Schule gehört dieses Verhalten schließlich nicht und auch im Knigge steht etwas anderes drin. Man sagt doch bitte schön höflich, aber bestimmt ab – man lässt den anderen jedenfalls nicht im sprichwörtlichen Regen stehen. Man selbst möchte ja schließlich auch ernst genommen werden.

Ghosting ist ein Merkmal unseres digitalen Zeitalters.

Dieses Phänomen des sich Nicht- Mehr- Melden oder Nicht- Melden kennen wir auch noch aus anderen Bereichen des Lebens, beispielsweise im Bewerbungsverfahren oder im Onlinedating, was ja einem Bewerbungsverfahren gleich kommt, auch wenn es dabei eher um die Stelle eines potentiellen Partners geht. Du bewirbst dich auf eine Stelle, arbeitest ggf. sogar Probe, bekommst im Anschluss dann aber keine Rückmeldung mehr. Im Onlinedating dagegen bekommt man entweder gar keine Antwort oder nach einem Date wird plötzlich der Kontakt abgebrochen, ohne dass etwas gesagt wird. Wortlos. Ganz easy ist es scheinbar jemanden zu ignorieren.

Die Generation Wisch- und Weg ,macht es dem Ghost möglich. Noch nie war es so einfach im Internet jeden Tag ganz viele oberflächliche Kontakte zu knüpfen, sei es bei Tinder, bei Lovoo oder bei Finya (etc.), die HEUTE noch interessant sind, während morgen jemand anderes interessanter erscheint.

Die Auswahl an potentiellen Partner*innen ist dort so groß, dass viele sich bei schwindendem Interesse nicht mehr die Mühe eines echten Abschieds machen und stattdessen direkt weiterziehen.

Der Ghost denkt sich oftmals nichts dabei, ist die Person ihm einfach nicht wichtig genug, mehr noch hat keinerlei Verpflichtung, oder eine emotionale Bindung bestanden. Für den Verschmähten kann das mitunter sehr belastend und schmerzhaft sein und alte Wunden aufreißen. Man weiß absolut nicht woran man ist.

Was einen am meisten plagt ist die Ungewissheit und die Frage „Hab ich was falsch gemacht? Und wenn ja- was hab ich falsch gemacht?“ Die Antwort darauf lässt ganz oft auf sich warten, wenn sie denn überhaupt gegeben wird.

Am schlimmsten ist es aber tatsächlich, wenn schon eine Beziehung eingegangen wurde, mehrere Treffen stattgefunden haben, Gefühle im Spiel waren, Zärtlichkeiten ausgetauscht oder Zukunftspläne geschmiedet wurden. Erniedrigend, Demütigend und teilweise entwürdigend fühlt es sich an, wenn auf einmal gar nichts mehr kommt, also quasi aus heiterem Himmel der Kontakt eingestellt. Viele Menschen leiden unter dem plötzlichen Kontaktabbruch, erkranken an der Seele oder dem Herzen (Broken- Heart- Syndrom), tun sich schwer neue Kontakte einzugehen oder erleiden Belastungs- und Anpassungsstörungen, die mitunter auch zu einem Zusammenbruch oder chronifizierten somatischen Beschwerden führen können. Dem anderen Bösartigkeit zu unterstellen und ihm gar eine narzisstische Persönlichkeitsstörung zu attestieren ist da sogar recht nachvollziehbar, auch wenn es in der Regel eher nicht zutrifft.

Was ist passiert? Was für ein Motiv könnte der Ghost haben? Haben die kein schlechtes Gewissen?

(Hier gilt: Alles kann möglich sein – aber NICHTS muss so sein, wie beschrieben)

  • Der Ghost scheut Konflikte und erträgt womöglich die Reaktion des anderen nicht – sich nicht mehr melden scheint einfacher – als womöglich das Echo zu ertragen – was ja mitunter auch Emotionen sein können, wie z.B. Tränen.
  • Der Ghost hat einfach keine Lust auf tiefer gehende Verbindungen und bevorzugt oberflächliche Kontakte – mehr noch befürchtet er, eine engere Beziehung könnte dazu führen, dass man sein Leben einschränken müsse und man dadurch das Beste im Leben verpassen würde.
  • Faulheit oder Bequemlichkeit zu Antworten
  • Überforderung und Ängste sich auf eine Beziehung einzulassen oder gar verletzt zu werden
  • Gefühle, die man nicht erwidern kann
  • Manchmal bricht ein Mensch mit schwachem Selbstwert und erhöhter Kränkbarkeit tatsächlich den Kontakt ab, weil er sich gekränkt fühlt
  • eigene Traumata die verhindern, dass eine engere, intime Bindung eingegangen werden kann (reiner Selbstschutz)

Kein Ghost ghostet grundlos

Fakt ist, dass jeder Ghost eine Geschichte hat, also auch einen Grund warum er sich so verhält. Nicht immer kann der Ghost darüber sprechen. Oft stehen ihm Ängste, Blockaden oder tiefergehende Verletzungen im Weg darüber zu sprechen und somit für Klarheit zu sorgen. Wenn man als zurückgelassene Person diese Information hätte, würde es den Abschied mit Sicherheit leichter machen, doch ein Ghost redet ja nicht. Manchmal hat der Ghost dieses Verhalten auch vorgelebt bekommen, also auch selbst nicht anders kennen gelernt und kopiert womöglich nur seine Rabeneltern.

Es ist also auch ein Muster, ein Beziehungsmuster bzw. Algorithmus, der sich ständig wiederholt. Manchmal ist es aber tatsächlich reine Faulheit oder die sogenannte Aufschieberitis und meistens auch fehlender Mut, der dazu führt, dass man sich einfach nicht mehr meldet. Jemandem mitzuteilen, dass man doch kein Interesse an ihm habe, fällt vielen Menschen schwer. Deswegen machen sie lieber wortlos die Biege.

Was das für diejenigen bedeutet, die verlassen wurden bedeutet und wie Sie damit umgehen können, kannst du HIER lesen…