Die narzisstische Normopathie – das Leiden der „Normalen“

Sind wir alle gestört oder warum entwickelt sich unsere Gesellschaft zunehmend zu einer fast schon krankhaften Normopathie? Die Normopathie ist der Drang zur Anpassung, dazu, überkorrekt und überkonform zu sein. Das Problem dabei ist die Entfremdung vom echten Leben. (Dr. Hans Joachim- Maaz)

Wo kommen wir da eigentlich hin, wenn wir aus Angst vor uns selbst, vor uns selbst weglaufen und uns stattdessen anpassen an Dinge, die gar nicht unserem Naturell entsprechen- nur um von Menschen gemocht zu werden, die uns eigentlich nur brauchen um sich mit uns zu schmücken? Wer ist hier jetzt der Narzisst? Wer ist hier der Normopath? Oder sind das typisch menschliche Bedürfnisse? Freud meinte ja, wir alle würden uns bloß vermehren wollen. Der Sexualtrieb wäre der Grund dafür. Soso.. Freud also…. Die Frage ist, wen das freut?

Unter Normopathie wird eine Persönlichkeitsstörung des Menschen verstanden, die sich in einer zwanghaften Form der Anpassung an vermeintlich vorherrschende und normgerechte Verhaltensweisen und Regelwerke innerhalb von sozialen Beziehungen und Lebensräumen ausdrückt. Ein treibendes Moment hierbei ist das übersteigerte Streben nach Konformität unter Aufgabe der eigenen Individualität, das letztlich zu unterschiedlichen Beschwerdebildern und Symptomen führt und sich zu einem pathologischen Geschehen ausweiten kann – die unbedingte Überanpassung an soziokulturelle Normen wird damit zur Krankheit. Da im Prinzip der Wunsch nach Normalität nicht als krankhaft, sondern eher als eine gesunde Einstellung gilt, wird die Pathologie des Geschehens mit ihrer häufig somatoformen Symptomatik oft nicht als solche wahrgenommen.

Ich bezeichne eine gesellschaftliche Fehlentwicklung als „Normopathie“: Das Falsche, der Irrtum, wird nicht mehr erkannt, weil die Mehrheit einer Meinung ist und danach handelt. Alle Mitläufer können schuldfrei denken und sagen, was „alle“ machen, kann ja nicht falsch sein. Und als Mainstream ist die versammelte Kraft zu verstehen, dazugehören zu wollen, nicht die Last eines Außenseiters tragen zu müssen oder offen bekämpft und diffamiert zu werden. (Dr. Hans Joachim Maaz auf cicero.de)

Im Grunde handelt auch der Normopath narzisstisch – nur verkörpert er eben das andere Extrem. Der Normopath ist dafür, der Narzisst dagegen oder nur dafür, wenn es ihm persönlich etwas bringt. Der Normopath ist aber auch dagegen, wenn es für ihn was nützt. Beide wollen dazugehören. Was aber ist denn nun normal? Normal ist relativ. Ist es etwa das, was die Gesellschaft einem ständig suggeriert? Ist es das, was die Masse einem vorlebt? Ist es das, was die Eltern sagen? Für uns gibt es kein richtig der falsch. Unserer Meinung nach darf alles sein. Und da es vieles gibt, wo andere den KMopf schütteln, stellt sich gar nicht die Frage, ob es das geben dürfte. Denn es zeigt sich ja. Und selbst das Kopfschütteln darf sein. Dafür gibts ja glücklicherweise gute Neurologen die eine Frühdyskinesie ausschließen können… um nicht fälschlicherweise doch als psychisch krank abgestempelt zu werden.

Durch die narzisstische Abwehr (wozu wir auch das Kopfschütteln bei Verachtung zählen) übertragen wir unser Leid weiterhin auf andere, die nichts dafür können, unterdrücken sie, werten sie ab und erheben uns im schlimmsten Fall über sie, verspotten sie, schließen sie aus und spielen Henker oder Richter, nur um unser falsches Selbst nicht zu verlieren. Unsere Masken sind unsere Schutzschilder und lassen uns für immer in der Opferrolle sein und somit das falsche Leben verteidigen, obwohl es im Grunde so viel schöner und leichter ist, sich nicht als Opfer zu fühlen und das richtige Leben zu leben. Man muss nicht kämpfen, um zu sein, weil man eben ist. Man kann jederzeit aus dem vollen Schöpfen.

Neuesten Erkenntnissen zufolge, so Dr. Maaz zu den Folgen der Normopathie, hat der Anpassungszwang eine unmittelbare Auswirkung auf viele psychische Krankheiten. Könnten wir uns alle so akzeptieren, wie wir sind, ganz individuell, dann gäbe es weniger Stereotypen und Klischeenarzissten, sondern einfach nur Menschen, die sich nicht mehr selbst behaupten müssen. Wir wären Menschen, und jeder wäre gleichgestellt. Manch einer mag das jetzt langweilig finden, aber dann ist das eben so.

Der wahre Nährwert liegt im augenscheinlich Langweiligen und nicht in dem, was uns weiterhin davon abhält, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen.

Das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass wenn wir narzisstische Schillerlöckchen so faszinierend finden und wir die hässlichen Entlein links liegen lassen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn uns der schöne Schwan entgeht, während wir weiter neben einer narzisstischen Schillerlocke stehen.