Die wirklich Kranken sind die Anderen

Menschen mit bewegter Vergangenheit haben oft bewegte Gedanken. Dass diese Gedanken nicht immer rational sind, sondern auch viel „Irrationales, Verwirrendes, Verstörendes, Verzweifelndes und Verbitterndes“ beinhalten, versteht sich von selbst. Und um diese Gedanken los zu werden bedienen sich die Menschen oft ihrer Bewältigungsmuster, auch Schutzstrategien oder Abwehrmechanismen genannt. In der Psychoanalyse wird dabei zwischen reifen und unreifen Abwehrmechanismen unterschieden. Der Mensch schützt sich vor Eingriffen in seine Seele und das ganz oft automatisch, also nicht bewusst, also auch nicht mit Absicht, auch wenn ihm das oftmals unterstellt wird. Der Mensch reagiert, wie er reagiert und dann schottet er sich ab, macht sich klein, versteckt sich, zieht sich zurück. Dass er nicht allein ist weiß er nicht, aber er denkt es, denn es fühlt sich so an.

Bis der Mensch bewusst wird und es erkennt:

Niemand ist mit seinen Sorgen, mit seinen Nöten alleine, auch wenn man sich oft alleine gelassen fühlt, hoffnungslos überfordert ist und nicht weiß, wer einem aus der als misslich empfundenen Lage helfen kann. Sich selbst zu helfen ist im ersten Moment nicht möglich, auch wenn die ersehnte Heilung oder Linderung der Schmerzen im Inneren stattfindet. Zu mächtig erscheinen die Automatismen, die Schutzstrategien, die erlernten Schmerzvermeidungsmuster. Starthilfe ist zwangsläufig erforderlich.

Aber auch um Hilfe anzunehmen, ist ein gewisses Bewusstsein erforderlich. Nicht jeder hat gelernt für sich zu sorgen, geschweige denn Hilfe anzunehmen. Denn wenn man Hilfe annimmt und die ANDEREN es erfahren- was sollen die dann denken? Und Überhaupt: Sind die anderen nicht mit verantwortlich, dass es einem so geht ???

Die Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, stigmatisiert zu werden, nur weil man sich offen zu seinen Problemen bekennt, erschwert jeden Anlauf, sich der Situation zu stellen. Der Weg zum Arzt oder Psychologen wird ersetzt durch einen Anruf bei der Telefonseelsorge. Die leistet zwar wichtige und wertvolle Arbeit, nur: Man kann zu Hause bleiben, sich kurz darauf mit Wodka die Birne wegballern und sich vielleicht noch über den Versuch der Damen und Herren, zu helfen, lustig machen. Statt den Hintern hochzubekommen und sich aus der Komfortzone oder (Un‑)Wohlfühloase zu bewegen, harrt man der Dinge, liest sich kreuz und quer durchs Internet und wartet auf ein Wunder oder zumindest einen Wink mit dem Zaunpfahl, während man jeden Menschen beleidigt, der einen unabsichtlich triggert. Oder man glotzt Hartz-IV-TV und erfreut sich daran, dass es einem verglichen mit dem, was man da sieht, doch gar nicht so schlecht geht, während man dann spätnachts die kostenlosen Billigpornos anschaut, traurig in der Ecke sitzt und keinen hochbekommt. Aber es gibt keine Fee, die uns mitnimmt ins Lummerland – nein, wir bleiben lieber in unserem Kummerland.

Man zieht sich selber runter mit Narzissmus- Schauervideos, hört sich die Geschichten anderer an, während man an der eigenen nichts verändert. Schließlich sieht man sich selbst als hoffnungsloser Fall an. Dieser Stempel muss in jedem Falle verteidigt werden. Lieber ist man das Opfer, denn ein Opfer kann schließlich nichts dafür, dass es Opfer wurde, auch wenn es selbst einen gewissen Anteil an Verantwortung an der eigenen Misere trägt.

Niemand möchte für verrückt erklärt werden. Niemand möchte als Psycho verhöhnt werden, weder von anderen noch von den eigenen Dämonen, nur weil man sich doch dazu durchgerungen hat, professionelle Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen. Was bleibt, ist die kanalisierte Wut namens Zynismus, hinter der wir uns verstecken, weil wir verlernt haben, ehrlich zu uns selbst zu sein. Wir haben einfach Angst davor, für verrückt gehalten zu werden.

Wir haben Angst davor wir selbst zu sein und unser inneres Kind zu zeigen. Also bekämpfen wir uns lieber und verstecken uns hinter unseren Schutzstrategien.

Projektion, Sublimierung, Verdrängung, Verschiebung, Regression- am Ende steht die Depression.

Und genau das ist doch das Verrückte an der ganzen narzisstischen Scheiße in unserer Welt: Du darfst einfach nicht du selbst sein. Du musst den Harten markieren. Du darfst Columbo nicht anhimmeln, nein, du musst so tun, als wärst du McGyver beim Bewerbungsgespräch für das A-Team. Und am Ende heult man dann doch rum, weil Walt Disney einem die Vorstellungen von wahrer Liebe mit einem Maschinengewehr zerschossen hat.

Ist das jetzt verrückt?

Und da soll noch mal einer sagen, ich mache mir zu viele Gedanken.

Doch was heißt „verrückt“?

Heißt es, ich bin unheilbar krank? Weit entfernt vom Glück. Nicht normal? Asozial? Brutal? Hölle und Qual? Oder heißt es, ich bin unzurechnungsfähig, unberechenbar, ein Fall für die Forensische Psychiatrie, weggesperrt mit all den Vergewaltigern und Mördern, obwohl man weder das eine noch das andere getan hat, auch wenn man in mancher Situation daran gedacht hat, dieses oder jenes jemandem oder sich selber anzutun?

Verrückt heißt eigentlich nichts anderes als ver-rückt, also neben sich, nicht mehr mit sich im Reinen. Nicht mehr auf der gleichen Stelle, sondern vom Weg abgekommen, die falsche Richtung eingeschlagen.

Aber vergessen wir nicht: Viele Wege führen nach Rom. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

So manche Krise, so mancher Umfaller hat auch sein Gutes. Man ist dann vielleicht in die Lage, sich selbst zu beobachten, sich zu analysieren, zu lernen, sich selbst zu regulieren. Man lernt in solch einer Phase sich selbst noch einmal neu kennen, stellt fest, dass man eigentlich über ein breites Spektrum an Ressourcen verfügt, um sich am eigenen Schopf aus der Scheiße zu ziehen. Man lebt ja noch – auch wenn man sich fragt, wie. Man lebt. Man überlegt, wie man sich am besten bewegt.

MacGyver musste sich auch erst umsehen, bevor er weiter gehen konnte.

Oft ist wirklich nur ein kleiner Motivationsschub nötig, möglicherweise ein Tritt in den Hintern, um wieder vorwärtszukommen, zurückzukommen zu sich, in sich und damit wieder auf den Weg. Geduld ist ein nervender Begleiter. Manchmal will man es zu sehr, kommt aber nicht weiter. Doch das ist nicht das Ende, sonst wäre man schon lange tot. Irgendetwas hält einen, lässt einen aushalten, auch wenn man augenblicklich hilflos, machtlos, ruhelos oder in noch größerer Not ist.

Man hat es bis hierhin geschafft. Das darf man sich vor Augen halten: Man hat nie aufgegeben, immer die Hoffnung gehabt auf ein „besseres“ oder „erträglicheres“ Leben. Deswegen meint „verrückt“ im Grunde nur, ver-rückt oder unglücklich vom Weg abgekommen zu sein, vom Weg zum persönlichen Glück. Auch wenn man seine Facebook-Freunde oft immer noch als Co-Therapeut benutzt. Shit Happens – nobody is perfect!

Dein und mein inneres Kind braucht sich deswegen nicht zu fürchten. Es hat nichts zu befürchten. So geht es vielen, und den meisten geht es sogar schlechter. Nur: Das sieht man nicht, hält man nicht für möglich, weil man eben alleine mit seinem Gefühl ist. Einsamkeit überfordert, wenn man sein Leid nicht (mit‑)teilen kann.

Aber vertrauen Sie darauf: Alles hat seinen Sinn. Und glauben Sie daran. Nur weil Sie so denken, sind Sie es nicht: verrückt. Machen Sie die Augen auf. Vertrauen Sie auf sich. Vertrauen Sie ihrem weiteren Weg, vertrauen Sie sich ihm an. Denn jeder ist auf seinem Weg. Und die Fußstapfen anderer sind nicht dazu da, in sie hineinzutreten. Sie denken immer noch, dass die anderen es leichter haben? Wie können Sie sich da so sicher sein? Haben Sie die anderen gefragt? Sind Sie Hellseher? Können Sie hellsehen? Oder sehen Sie alles schwarz?

Sie werden es verneinen, wie jeder andere es verneint. Also können Sie auch aufstehen und den bisherigen Weg weitergehen. Denken Sie nicht so schlecht über sich. Die anderen gehen auch nicht so hart mit Ihnen ins Gericht. Sie sind es, der über Ihr Leiden bestimmt. Sie können es einfach tun oder weiterhin vermeiden. Ob sie Hilfe dafür annehmen, entscheiden sie selbst. Was würde ihr inneres Kind sagen?

Würde es sagen: Liebes A-Team, ich komme?