Beziehungsmotive eines Narzissten I- wie man damit leben kann

Lässt du ihn so, wie er ist, kannst du so bleiben, wie du bist- nämlich autonom.

Sie denken das geht nicht? Nun- einige denken schon, dass es geht. Manchmal eher schlecht als recht, aber manchmal auch sehr funktional.

Es gibt tatsächlich Frauen die eine Beziehung mit einem Narzissten führen, also jemandem der diagnostiziert ist, jemand, den man trotzdem oder auch gerade deswegen lieben kann. Und die verstanden haben, dass sie die Welt oder die Art und Weise, wie er die Welt betrachtet nicht ändern können. Kein No-Contact, keine Vorwürfe, keine übermäßigen Forderungen und Erwartungen- jedoch Grenzen, Anerkennung, Wichtigkeit, Verlässlichkeit, Solidarität, Autonomie und einfach Liebe. Sie akzeptieren die Welt des anderen. Sie stellen eine Symmetrie her in der es Augenhöhe gibt, zumindest in der Kommunikation. Sie verhalten sich zudem kongruent, d.h. Handlung und Aussage passen zueinander. Beide Partner haben die gleichen Rechte. Beide sind Spiegel und Vorbilder füreinander zugleich, für wie man es macht oder auch wie man es vielleicht doch nicht macht. Also nicht machen sollte? Auch wenn es manchmal problematisch ist. Aber vielleicht macht das auch den Reiz aus. Reibung erzeugt schließlich Wärme.

Mögen diese Frauen die Bezeichnung Co- Narzisstin? Sehen diese Frauen sich als Opfer? Weit gefehlt. Es war Liebe. Es ist es immer noch. Man nennt das komplementäre Beziehungsgestaltung. Das heißt dem Narzissten wird sein Recht auf Autonomie in keinem Fall verwehrt. Er darf so bleiben wie er ist, auch wenn es manchmal schwer auszuhalten ist. (Im Notfall kann man ja gehen)

Autonomie ist das Bedürfnis auch in einer Beziehung als eigenständige Person anerkannt zu werden- also nicht als Selbsterweiterung bei dem man alles lassen kann. Eigenständigkeit heißt also auch, dass man seine eigenen Entscheidungen trifft und vor allem auch eigene Lebensbereiche hat, die mit dem anderen noch nicht mal was zu tun haben müssen. In einer Beziehung bedeutet das, dass man Bereiche hat, die man selbst verwalten darf, dass man Bereiche hat, die man selbst gestalten darf und der man selbst entscheiden kann über seine Freizeit, seine Interessen und seine Kontakte. Schließlich darf alles sein.

Hanna ist eine dieser Frauen. Sie ist mit einem Narzissten verheiratet. An Trennung denkt sie nicht. Stattdessen besucht sie die Selbsthilfegruppe. Sie ist da um zu lernen, wie Sie noch besser mit ihm umgehen kann, aber sie ist da auch um zu lernen, wie sie mit sich selber besser umgehen kann, wie sie lernt Grenzen einzuhalten und ihn in seinem Dilemma zu lassen ohne ein Drama daraus zu machen. Es ist nämlich kein Drama, wenn einer von beiden im Dilemma festhängt. Ein Dilemma ist ein schwebender Zustand in dem man sich nicht für das eine Gefühl oder das andere entscheiden kann. Etwas wird immer unterdrückt, bzw. zurück gehalten. Es ist ein ewiges hin und her. Man schwankt und kommt selten auf Anhieb auf den Punkt.

Mal ist es die Wut, mal ist es die Trauer. Anderntags ist es die Freude. Und manchmal weiß man weder wie man sich fühlen soll, noch wie man sich verhalten soll. Es ist ein regelrechter Entscheidungskrampf. Mach ich jetzt eine gute Miene zum bösen Spiel oder bin ich authentisch. Gehe ich das Risiko ein den anderen zu verletzen (oder gar selbst verletzt zu werden) oder unterdrücke ich den Schmerz? Fordere ich den anderen heraus oder bleibe ich bei mir. Spreche ich es aus oder schweige ich mich aus? Vielleicht ist es aber auch keins von beiden oder beides.*

Entscheiden muss man sich aber alleine. Mischt sich einer ein, gibt´s ein Drama. Will einer den anderen retten, obwohl er nicht gerettet werden will, wird es dramatisch. Lässt der eine den anderen nicht so wie er ist, oder von selbst auf die (eigene individuelle) Lösung kommen, bekommt er die Konsequenzen zu spüren. Manchmal geschieht dies auch sehr vehement. Einmischung ist quasi ein Eingriff in die Autonomie. Ein Narzisst im Dilemma macht das entweder mit sich selbst aus oder er schweigt es tot. Manchmal spricht er es auch nach einer Weile an. Und manchmal lässt er es sofort raus- unkontrolliert, ungefiltert- quasi auf Gegenangriff (für ihn ist es Verteidigung) gepolt. Das ist seine Strategie bzw. sein Weg damit umzugehen. Er will autonom bleiben, also handlungsfähig. Er will sich nie wieder hilflos ausgeliefert fühlen. Er will stark sein, weil er es nicht aushält schwach zu sein. Er hat Angst zu versagen. Also nimmt er sich die Zeit für sein Dilemma. Aber auch das darf sein.

Und sobald er sich bedroht fühlt, also zu einer sofortigen Entscheidung gedrängt und genötigt wird, kommt es im Außen zum Drama. Der Narzisst fühlt sich immer bedroht, wenn jemand in seine Autonomie eindringt, wenn jemand eine Veränderung einfordert, die er aber nicht so ohne weiteres vollziehen kann. Er ist wie er ist. Sie ist, wie sie ist. Und Veränderung ist immer ein Prozess. Das geht nicht von heute auf morgen und sollte daher auch nicht erzwungen werden.

Der Begriff komplementäre Beziehungsgestaltung kommt eigentlich aus der Psychologie und beschreibt die Beziehung von Therapeut zu Klient. Entwickelt wurde das Konzept von Klaus_Grawe und Franz_Caspar, zwei Psychologen die sich an der Universität Bern speziell mit der Psychotherapieforschung beschäftigten. Dem Konzept nach sollte sich ein Therapeut in der Beziehung zu seinem Klienten und dessen „interaktionalen Plänen“ immer bedürfnisbefriedigend verhalten. Interaktionale Pläne sind Lebensschemata oder erlernte Verhaltensmuster, die ein Mensch bedingt durch seine Biografie sich angewöhnt hat und diese in jede Beziehung mitbringt und damit beeinflusst. Im Falle des Narzissten (oder auch anders psychisch Erkrankten) ist von seinem Päckchen oder Rucksack die Rede, mit der er in einer Beziehung agiert. So handelt jeder Mensch nach bestimmten Motiven, die ihn durchs Leben leiten. Werden diese Motive vom, Therapeuten gesättigt, führt das zu einem hohen Beziehungskredit. Nun ist es ja so, dass kein Partner den anderen therapieren sollte, jedoch aber als treuer verlässlicher Gefährte begleiten und zur Seite stehen kann, getreu dem Motto „Gemeinsam statt einsam“.

Im Falle von Hannas Freund spielt das Motiv der Autonomie eine große Rolle.

Ein Therapeut tut im Grunde nichts anderes, als seinen Klienten zu begleiten und diesen bei der Suche nach seiner eigenen Lösung zu unterstützen. Dabei wird die Handlungskompetenz komplett dem Klienten überlassen. Er wird nicht zu einer Entscheidung gedrängt. Er bleibt in seiner Freiheit, er wird nicht eingeschränkt. Er darf so sein, wie er nun mal ist. Es werden Angebote gemacht oder Fragen gestellt. Der Klient hat immer die Entscheidungsgewalt und Handlungsvollmacht.

Hanna bleibt aus Liebe mit ihm zusammen. Sie leidet zwar manchmal mit, hat aber erkannt, dass sie ihn nicht retten kann. Sie lässt ihm seins und konzentriert sich auf Ihr´s. Und wir respektieren das. Keiner aus der Gruppe rät ihr zur Trennung. Alles darf sein. Für Hanna gilt noch der gute alte Spruch „In Guten- wie in schlechten Zeiten“.

* In der systemischen Therapie gibt es dazu die Methode „Tetralemma“ die bei der Entscheidungsfindung hilft.

von Daniel Brodersen