Liebesbeziehung mit einem Narzissten

Lässt du ihn so, wie er ist, kannst du so bleiben, wie du bist- nämlich autonom.

Sie denken das geht nicht? Nun – einige denken schon, dass es geht. Manchmal eher schlecht als recht, aber manchmal auch sehr funktional.

Es gibt tatsächlich Frauen die eine Beziehung mit einem toxischen Menschen führen, also jemandem der mit eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert bekommen hat, jemand, den man trotzdem oder auch gerade deswegen lieben kann. Narzissten haben schließlich auch ihre guten und liebevollen Seiten.

Diese Frauen haben verstanden, dass sie die Welt oder die Art und Weise, wie der Narzisst die Welt betrachtet nicht ändern können. Kein No- Contact, keine Vorwürfe, keine übermäßigen Forderungen und Erwartungen – jedoch Grenzen, Anerkennung, Wichtigkeit, Verlässlichkeit, Solidarität, Autonomie und einfach Liebe. Sie akzeptieren die Welt des anderen. Sie stellen eine Symmetrie her in der es Augenhöhe gibt, zumindest in der Kommunikation. Sie verhalten sich zudem kongruent, d.h. Handlung und Aussage passen zueinander.

Beide Partner haben die gleichen Rechte. Beide sind Spiegel und Vorbilder füreinander zugleich, für wie man es macht oder auch wie man es vielleicht doch nicht macht. Also nicht machen sollte? Auch wenn es manchmal problematisch ist. Aber vielleicht macht das auch den Reiz aus. Reibung erzeugt schließlich Wärme.

Mögen diese Frauen die Bezeichnung Co- Narzisstin?

Sehen diese Frauen sich als Opfer?

Weit gefehlt. Es war Liebe. Und sie glauben immer noch häufig, dass es so ist. Weil er am Anfang so lieb war. Und weil sie nicht wahrhaben wollen, dass er jetzt für immer so böse ist. Zudem gibt es ja auch diese tollen Momente. Und diese tollen Momente sind nicht gespielt. In diesen Augenblicken zeigt sich die Liebe. Und daran lohnt es sich manchmal tatsächlich fest zu halten.

Man nennt das komplementäre Beziehungsgestaltung.

Das heißt dem Narzissten wird sein Recht auf Autonomie in keinem Fall verwehrt. Er darf so bleiben wie er ist, auch wenn es manchmal schwer auszuhalten ist. (Im Notfall kann man ja gehen).

Ja der Kampf gegen die Realität des anderen ist sinnbefreit, weil man damit die eigene Realität in Frage stellt. Warum sollte er so denken, wie man selbst? Man will ja selbst schließlich auch denken können, was man denkt.

Warum kann man ihn nicht so lassen, wie er ist, während man selbst ist, wie man ist? Weil es so schwer ist die Realität des anderen auszuhalten? Wenn der Narzisst aber fühlt, was er fühlt, weil er getriggert ist, warum kann man ihm seine Gefühle nicht lassen? Warum glaubt man, dass man ihn retten oder gesundlieben muss. Hat der Narzisst darum gebeten?

Ist es aber vielleicht auch so, dass man sich selbst solche Gefühle und Reaktionen verbietet? Vielleicht auch weil man denkt, dass man für den anderen stark sein muss und der andere deswegen auch stark sein müsse für einen?

Autonomie ist einerseits ein Grundbedürfnis, andererseits aber auch ein zentrales Bedürfnis auch in einer Beziehung als eigenständige Person anerkannt zu werden – mit allen dazugehörigen Gefühlen, Emotionen und Gedanken – also nicht als Selbsterweiterung bei dem man alles lassen kann. Denn auch ein Partner darf NEIN sagen, sich abgrenzen oder für die eigene Sicherheit sorgen ohne gleich dafür als Narzisst betitelt zu werden.

Eigenständigkeit heißt also auch, dass man seine eigenen Entscheidungen trifft und vor allem auch eigene Lebensbereiche hat, die mit dem anderen noch nicht mal was zu tun haben müssen. In einer Beziehung bedeutet das, dass jeder Partner Bereiche hat, die ein jeder selbst verwalten darf, dass man Bereiche hat, die man selbst gestalten darf und der man selbst entscheiden kann über seine Freizeit, seine Interessen und seine Kontakte. Schließlich darf alles sein.

Hanna ist eine dieser Frauen. Sie ist mit einem Narzissten verheiratet. An Trennung denkt sie nicht. Stattdessen besucht sie die Selbsthilfegruppe und macht nebenbei ein Coaching. Sie ist da um zu lernen, wie Sie noch besser mit ihm umgehen kann, aber sie ist da auch um zu lernen, wie sie mit sich selber besser umgehen kann, wie sie lernt Grenzen einzuhalten und ihn in seinem Dilemma zu lassen ohne ein Drama daraus zu machen. Es ist nämlich kein Drama, wenn einer von beiden im Dilemma festhängt. Zu deinem Drama wird es jedoch oft, wenn man versucht den anderen zu retten, obwohl dieser nicht darum gebeten hat.

Ein Dilemma ist ein schwebender Zustand in dem man sich nicht für das eine Gefühl oder den Gedanken entscheiden kann. Also soll ich fühlen oder handeln? Etwas wird immer unterdrückt, bzw. zurück gehalten. Es ist ein ewiges hin und her. Man schwankt und kommt selten auf Anhieb auf den Punkt. Die Sicherheit fehlt häufig, also gleichzeitig der Mut zur Lücke, bzw.. der Mut sich auszudrücken, wie man gerade eben fühlt oder denkt.

Mal ist es die Wut, mal ist es die Trauer. Anderntags ist es die Freude. Und manchmal weiß man weder wie man sich fühlen soll, noch wie man sich verhalten soll. Es ist ein regelrechter Entscheidungskrampf. Mach ich jetzt eine gute Miene zum bösen Spiel oder bin ich authentisch. Gehe ich das Risiko ein den anderen zu verletzen (oder gar selbst verletzt zu werden) oder unterdrücke ich den Schmerz? Fordere ich den anderen heraus oder bleibe ich bei mir. Spreche ich es aus oder schweige ich mich aus? Vielleicht ist es aber auch keins von beiden oder beides.*

Entscheiden muss man sich aber alleine. Mischt sich einer ein, gibt´s ein Drama.

Will einer den anderen retten, obwohl er nicht gerettet werden will, wird es dramatisch.

Lässt der eine Partner den anderen nicht so wie er ist, oder von selbst auf die (eigene individuelle) Lösung kommen, bekommt er die Konsequenzen zu spüren. Manchmal geschieht dies auch sehr vehement. Einmischung ist quasi ein Eingriff in die Autonomie bzw. ein Angriff auf das „So wie ich bin!“

Ein Narzisst im Dilemma macht das entweder mit sich selbst aus oder er schweigt es tot. Manchmal spricht er es auch nach einer Weile an. Und manchmal lässt er es sofort raus – unkontrolliert, ungefiltert – quasi auf Gegenangriff (für ihn ist es Verteidigung) gepolt. (Wenn der Narzisst im Angriffsmodus ist, sollte man die Beine in die Hand nehmen und gehen. Wenn aufgrund der eigenen Überzeugung man könne den anderen Retten diese Maßnahme nicht funktioniert, könnte ggf. eine Co- Abhängigkeit vorliegen.)

Das ist seine Strategie bzw. sein Weg damit umzugehen. Er will autonom bleiben, also handlungsfähig. Er will sich nie wieder hilflos ausgeliefert fühlen. Er will stark sein, weil er es nicht aushält schwach zu sein. Er hat Angst zu versagen. Also nimmt er sich die Zeit für sein Dilemma. Aber auch das darf sein. Lässt man ihm diese Möglichkeit nicht, wird er aggressiv (man nennt das auch Altersregression)

Und sobald er sich bedroht fühlt, also zu einer sofortigen Entscheidung gedrängt und genötigt wird, kommt es im Außen zum Drama. Der Narzisst fühlt sich immer bedroht, wenn jemand in seine Autonomie eindringt, wenn jemand eine Veränderung einfordert, die er aber nicht so ohne weiteres vollziehen kann. Auch der Narzisst hat nicht gelernt NEIN zu sagen. Auch vom Narzissten wurde erwartet, sich nicht anzustellen und Gefühle wenn möglich sein zu lassen. Auch er war gezwungen frühzeitig den Kontakt zu seinem inneren Kind abzubrechen.

Er ist wie er ist. Sie ist, wie sie ist. Und Veränderung ist immer ein Prozess. Das geht nicht von heute auf morgen und sollte daher auch nicht erzwungen werden.

Der Begriff komplementäre Beziehungsgestaltung kommt eigentlich aus der Psychologie und beschreibt die Beziehung von Therapeut zu Klient. Entwickelt wurde das Konzept von Klaus_Grawe und Franz_Caspar, zwei Psychologen die sich an der Universität Bern speziell mit der Psychotherapieforschung beschäftigten. Dem Konzept nach sollte sich ein Therapeut in der Beziehung zu seinem Klienten und dessen „interaktionalen Plänen“ immer bedürfnisbefriedigend verhalten. Interaktionale Pläne sind Lebensschemata oder erlernte Verhaltensmuster, die ein Mensch bedingt durch seine Biografie sich angewöhnt hat und diese in jede Beziehung mitbringt und damit beeinflusst. Im Falle des Narzissten (oder auch anders psychisch Erkrankten) ist von seinem Päckchen oder Rucksack die Rede, mit der er in einer Beziehung agiert. So handelt jeder Mensch nach bestimmten Motiven, die ihn durchs Leben leiten. Werden diese Motive vom, Therapeuten gesättigt, führt das zu einem hohen Beziehungskredit. Nun ist es ja so, dass kein Partner den anderen therapieren sollte, jedoch aber als treuer verlässlicher Gefährte begleiten und zur Seite stehen kann, getreu dem Motto „Gemeinsam statt einsam“.

Im Falle von Hannas Freund spielt das Motiv der Autonomie eine große Rolle.

Ein Therapeut tut im Grunde nichts anderes, als seinen Klienten zu begleiten und diesen bei der Suche nach seiner eigenen Lösung zu unterstützen. Dabei wird die Handlungskompetenz komplett dem Klienten überlassen. Er wird nicht zu einer Entscheidung gedrängt. Er bleibt in seiner Freiheit, er wird nicht eingeschränkt. Er darf so sein, wie er nun mal ist. Es werden Angebote gemacht oder Fragen gestellt. Der Klient hat immer die Entscheidungsgewalt und Handlungsvollmacht.

Hanna bleibt aus Liebe mit ihm zusammen. Sie leidet zwar manchmal mit, hat aber erkannt, dass sie ihn nicht retten kann. Sie lässt ihm seins und konzentriert sich auf Ihr´s. Sie hat es sich schlichtweg abgewöhnt in retten zu wollen. Sie hat auch erkannt, dass sie mit dem Versuch ihn zu retten ihre eigene Bedürftigkeit überspielt. Und sie hat erkannt, dass ein Eingriff in die Autonomie des anderen auch eine Art versteckter Missbrauch darstellt.

Und wir respektieren das. Keiner aus der Gruppe rät ihr zur Trennung. Alles darf sein. Für Hanna gilt noch der gute alte Spruch „In Guten – wie in schlechten Zeiten“.

© Daniel Brodersen