Das Entstehungsmodell der narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Aus Fassbinder/Schweiger/Jacob, Therapie-Tools Schematherapie, 2. Auflage, Weinheim Basel: Beltz, 2016, basierend auf klinischen Beobachtungen.

Man geht davon aus, dass eine narzisstisch pathologisierte und erkannte Persönlichkeitsstörung ihren Ursprung in der frühkindlichen Entwicklungsphase hat. Von außen betrachtet wird der Narzisst oft als fordernd und unsympathisch empfunden, ebenso wird ein erhöhtes Anspruchsdenken wahrgenommen, geprägt durch einen oftmals mangelnden Selbstwert. Angriff ist schließlich die beste Verteidigung. Es bestehen noch keine systematischen Studien zur Entstehung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Es gibt nur einige Faktoren, die eine Störung dieser Art forcieren, wie z. B. traumatische Erfahrungen, Erziehungsfaktoren und die Nichterfüllung der Grundbedürfnisse.1

Studien belegen, dass Menschen mit psychischen Auffälligkeiten/ Störungsbildern überdurchschnittlich häufig in der Kindheit traumatische Erfahrungen wie körperlichen, sexuellen oder emotionalen Missbrauch und Vernachlässigung erlebt haben. Häufig war der Erziehungsstil wenig liebevoll, sehr kritisch, abwertend, chaotisch oder es herrschte eine sehr leistungsbezogene, kalte Atmosphäre. Meist führte der Ausdruck von Gefühlen oder Bedürfnissen zu Nachteilen für das Kind. Dies sind alles Situationen, in denen die Grundbedürfnisse von Kindern wie Sicherheit, Verbundenheit, Geborgenheit, Liebe, Aufmerksamkeit, Anerkennung, Lob, Akzeptanz, Autonomie, realistische Grenzen sowie Spaß und Spiel frustriert wurden. In diesem Fall entwickeln sich ungünstige Überzeugungen (Schemata) über sich, andere und die Welt als Ganzes (verzerrtes Weltbild).

Die abwertenden, fordernden oder strafenden Botschaften der Eltern oder anderer an der Erziehung beteiligter Personen werden in den Elternmodi internalisiert (verinnerlicht). Dabei sind es durchaus nicht immer die Eltern, deren Verhalten einem Kind Probleme verursachen. Auch andere Personen, insbesondere Klassenkameraden oder Lehrer, können einen sehr schädlichen Einfluss haben. Manchmal führen auch situative oder andere nicht änderbare Faktoren zu solchem Erleben, z. B. wenn ein Kind eine Behinderung hat oder wegen häufiger Umzüge immer wieder nicht dazugehört.

In den kindlichen Modi erleben Menschen die Gefühle von Ungeliebtsein, Einsamkeit, Angst, Scham, Traurigkeit, Hilflosigkeit oder Wut über das Nichterfüllen von Bedürfnissen aus ihrer Kindheit wieder. Manchmal treten diese Gefühle schlagartig auf, von jetzt auf gleich, unerwartet aus dem Nichts kommend, für das Umfeld unverständlich und belastend zugleich und für den Betroffenen umso heftiger, weil die Reaktion des Umfeldes oft nicht lange auf sich warten lässt. Die Eltern- und Kindmodi bringen eine Menge emotionaler Schmerzen mit sich, welcher sich Außenstehende oftmals gar nicht bewusst sind. Narzissten haben somit frühzeitig Strategien erlernt, um diese Schmerzen abzumildern. So entwickeln sich vor allem die Bewältigungsmodi (Unterwerfung – Dependenz, Vermeidung – Depression oder Überkompensation – Grandiosität), die auch noch im späteren Leben angewendet werden. Sie schützen einerseits vor unangenehmen Gefühlen, andererseits blockieren sie aber auch den Zugang zu den Gefühlen und Bedürfnissen, behindern den Aufbau von gesunden und hilfreichen Beziehungen und führen somit häufig selbst zu Beschwerden und Problemen. (Es ist nachgewiesen dass eine sehr hohe Suizidgefahr besteht). Die Bedürfnisse werden so auch im Erwachsenenleben nicht erfüllt. Darunter leiden die Kindmodi und die Bewältigungsmodi verstärken sich wiederum.

Relativ häufig hatten Narzissten in ihrer Kindheit durch ihre Eltern oder andere an der Erziehung beteiligte Personen ein Modell, dass den Modus der Selbstüberhöhung vorlebte und ihnen vermittelte, dass man entweder ein Gewinner oder ein Verlierer ist, was man tun muss, um zu den Gewinnern zu gehören, denn nur die Besten setzen sich durch. Ebenso erhielt der Betroffene als Kind nicht die gewünschte und benötigte bedingungslose Akzeptanz. Belohnt wurde das Kind oft nur bei besonderen Leistungen. Zuwendung und Liebe gab es nur unter besonderen Bedingungen. Beim Zeigen von Schwächen und Verletzlichkeit (z. B. in Mobbingszenarien oder beim Nichtverstehen einer schulischen Aufgabe), bei Misserfolgen und Fehlern wurden Betroffene (das Kind, welches nun als Erwachsener ein Narzisst ist) häufig nicht beachtet, verspottet, ausgelacht, abgelehnt oder beschämt. Das Kind wurde in seiner Autonomie nicht anerkannt und akzeptiert. Gefühlsäußerungen wurden nicht ernst genommen, so dass der Betroffene noch heute darunter leidet, sich nicht zugehörig zu fühlen, missverstanden zu werden oder anderen zu misstrauen.

Viele Betroffene fühlten sich schon als Kind manipuliert und ausgenutzt (z. B. wenn Eltern oder Mitschüler die Fähigkeiten oder Erfolge des Kindes benutzten, um sich selber hervorzuheben, was man auch heute noch in der Politik oder anderen Gremien mit Ideenfindungskommissionen beobachten kann oder beim betrieblichen Vorschlagwesen, wenn der Chef sich die Ideen seines Angestellten auf die eigene Fahne schreibt). Im Erwachsenenalter sind Betroffene daher sehr oft misstrauisch in zwischenmenschlichen Beziehungen. Auf der anderen Seite wurden Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung zumindest auf materielle Ebene häufig sehr verwöhnt, bekamen wenig Grenzen gesetzt und lernten, nicht auf die Bedürfnisse anderer zu achten. Ihre Familien sahen sich häufig als etwas Besonderes oder Besseres an und vermittelten ihren Kindern ebendies. Auch in der Schule wurden solchen Kindern oft Sonderrollen zugeschrieben, besonders wenn das Kind hervorragende schulische Leistungen zeigte, aber in der Klassengemeinschaft nicht anerkannt oder integriert ist (der einsame Streber).