Warum die Lösung Liebe ist und nicht Hass

Wenn ich traurig bin und es zeige, mich mitteile, mein inneres Kind nicht mehr verstecke, wenn mir die Tränen kommen und ich weine, gelte ich als schwach, als hilflos, als Opfer. Wenn ich dann in meinen Beschützermodus wechsle und wütend, aggressiv, polarisierend, impulsiv und überbordend die Grenzen anderer massiv überschreite, gelte ich als böse, als Narzisst – aber ich bekomme Feedback. Ich bekomme somit Aufmerksamkeit. Das, was ich mir wünsche, werde ich so aber niemals erhalten. Niemand sagt mir auf diese Weise, dass ich gut bin, da kann ich mich aufführen wie Donald Trump – ich werde nicht zu meinem Ziel kommen.

Alternativ kann ich auch in die Vermeidung gehen und mich in meinem Selbstmitleid verkriechen und meinem Leben ein Ende setzen. Aber das beseitigt auch nicht den Narzissmus und löst schon gar nicht das Problem, das ich habe. Gut, wenn ich tot bin, kann es mir ja egal sein, aber ich kann einfach nicht so herzlos und egoistisch die Menschen zurücklassen, die mir etwas bedeuten oder denen ich etwas bedeute. Ich kann nicht einmal meine Mutter hassen, obwohl ich das so gerne würde, aber ich kann nicht. Sie ist meine Mutter, und auch sie war mal ein Kind. Und auch wenn ihre Kindheit nichts entschuldigt, was sie mir angetan hat, kann ich sie nicht hassen. Wenn ich sie hassen würde, müsste ich mich ja auch hassen, weil ich genauso wie sie mein Verhalten mit meiner Kindheit begründet habe. Aber darin sehe ich die Chance. Ich bin ja jetzt erwachsen. Ich kann dem Kind in mir das geben, was andere mir nicht geben können.

Und ich kann das richtige Leben leben, mein Leben. Ich muss meine Eltern nicht mehr imitieren. In manchen schlimmen Augenblicken, in denen mir bewusst wurde, wer ich bin und wie meine Eltern sind, dachte ich: So wie die will ich niemals werden. Mit Siegmund Freuds „Wiederholungszwang“ hatte ich zwar eine gute Erklärung dafür, warum ich bin, wie ich bin. Der Begriff bezeichnet den sonst schwierig zu verstehenden menschlichen Impuls, unangenehme oder sogar schmerzhafte Gedanken, Handlungen, Träume, Spiele, Szenen oder Situationen zu wiederholen. Dazu gehört unter Umständen auch, das Verhalten der Eltern zu kopieren. Aber das abzulegen und etwas Neues zu erlernen und anzuwenden, schien mir nicht möglich.

In meiner Therapiestunde wollte meine Therapeutin sowohl mit meinem Elternmodus reden, was mir scheißegal war, und dann auch mit meinem kleinen Kind, wobei ich sagte, dass ich es nicht ertrage, wenn jemand nett zu mir ist. Als sie dann die Rolle meiner Oma annahm, was ich ihr versuchsweise gestattete, knackte sie meinen Beschützer mal wieder, und es brachen alle meine Dämme und ich weinte. Sie tröstete mich. Sie ließ mich diesmal nicht alleine. Und sie gab mir Sicherheit. Ich machte eine gute Erfahrung. Sich trösten zu lassen fühlt sich schön an. Über meine Texte, die ich schreibe, veröffentliche und mit deren Hilfe ich reflektiere, drücke ich aus, was ich fühle, womit ich auch andere erreiche, was mich durchaus freut. Aber wenn ich dann gelobt werde dafür oder wenn man mir zu nahe kommt, dann ertrage ich es einfach nicht. Dann werde ich ätzend. Dann erwachen meine Elternmodi in mir, die mir sagen, dass ich es nicht wert bin. Wenn dir hundert Leute sagen, dass du blöd bist, und wenn du ein Kind bist und kaum jemand da ist, der dir das Gegenteil sagt, wie sollst du dann zu einer positiven Selbstannahme kommen? Das geht einfach nicht. Man kann keine Selbstliebe entwickeln, wenn man von allen Seiten nur Hass und Neid entgegengebracht bekommt. Man kann kein gesundes Verhältnis zu sich und seiner Umwelt aufbauen, wenn man sich andauernd behaupten muss, um nicht unterzugehen.

Einzig meine Oma war ein Mensch, der mich erreichte. Als sie starb, war ich 13 Jahre alt, und meine Welt brach zusammen. Ich hatte niemanden mehr, der mir sagte, dass ich gut genug bin, wie ich bin. Der Narzisst in mir wurde mein bester Freund, mein Beschützer, mein treuester Begleiter, der mir auch das Gefühl gab, wertvoll und gut zu sein. Und wenn ich dann auf Menschen traf, die mir nicht guttaten, trat mein Narzisst in mir erneut auf und wertete die ab und mich auf, damit es mir besser ging. Ich habe große Traurigkeit in mir und auch große Angst.

Ich möchte Mitgefühl, Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Liebe erhalten, auch wenn ich so bin, wie ich bin, wenn ich schwach bin, wenn ich traurig bin, wenn ich hilflos bin. Ich möchte aber auch nicht im Stich gelassen werden, wenn ich mal wütend bin, denn meine Wut ist nur die Wut darüber, traurig zu sein, weil ich dann ja in den Augen der Gesellschaft, die mich prägte, schwach erscheine. Ich denke aber nicht, dass es schwach ist, wenn man seine Gefühle zeigt. Ich denke auch nicht, dass es schwach ist, wenn man bei sich bleibt. Ich finde ebenfalls nicht, dass ich kein Mitgefühl habe oder ohne Empathie für andere bin, wenn ich mal nur an mich denke, mein kleines Kind tröste. Wie soll ich anderen helfen, wenn ich mir nicht selber helfen kann? Wie soll ich andere trösten, wenn ich selber Trost brauche? Wie soll ich an andere denken, wenn es mir selber schlecht geht? Wie geht das? Wenn jeder in der Gesellschaft ein bisschen mehr bei sich bleibt und nicht nur im Außen nach Defiziten Ausschau hält, dann brauchen wir auch nicht mehr den Narzissmus als Schutzschild. Wenn wir uns selber lieben, uns Mitgefühl geben, haben wir auch ein besseres Selbstbild und müssen uns dann auch nicht mehr gegenüber anderen überbordend und provozierend behaupten.

Die Lösung für den Schutzschild, den die Gesellschaft Narzissmus schimpft, ist also Liebe, nicht Hass.

Ein Narzisst schützt sich selber, stellt sich dabei aber unglücklich an, weil er immer wieder in den Kampf mit dem Außen steigt, weil er selber sein Innerstes (sein inneres Kind) verachtet. Ein Narzisst braucht Trost, er braucht Zuwendung. Nur so kommt er zu einem positiven Selbstbild. Nur so kann er auch Liebe für sein inneres Kind (also auch sich selbst) empfinden. Bekommt er Hass, bestätigt sich sein Bild von der aus seiner Sicht „kranken Gesellschaft“, und er kotzt sich unreflektiert aus und wird möglicherweise zum verbitterten Märtyrer. Und dann verhält er sich ganz so, wie ich mich im fünften Kapitel ausgedrückte habe. Er spaltet seine Gefühle komplett ab, er wird rücksichtslos, gewissenlos, er wird zum Mörder, zum Vergewaltiger, er verleiht seinem Leiden Ausdruck, indem er sein Außen niedermetzelt. Er handelt dann auch nicht mehr rein affektiv, sondern manchmal mit eiskalter Berechnung. Erstaunlicherweise bekommt er dann aber schneller Aufmerksamkeit als vorher. Dann erst fragt sich die Gesellschaft, was man hätte anders machen können. Die Lösung bleibt aber immer die gleiche: Liebe und Mitgefühl und dadurch ein besseres Selbstverständnis und die Möglichkeit der Selbstannahme.

Was ist daran so schwer?