„Ich wollte doch nur eine gute Mutter sein“

Ole wartete nun schon eine gefühlte Ewigkeit auf seine Mutter. Sie wollten zum Kinderarzt fahren. Ole wurde vor einer Woche am Ohr operiert. Und der Kinderarzt wollte die Fäden ziehen. Seine Mutter sagte noch, dass sie es eilig hätten. Er stand vor dem Haus vor dem Familienauto und wartete, während seine Mutter wie schon so oft ihren Worten keine Taten folgen ließ. Ole wusste schon, dass wenn es eilig sein soll, dass es schnell gehen muss. Ole war 6 Jahre alt. Seine Mutter jedoch trödelte mal wieder rum. Auch das kannte er schon. Er lief nochmal zur Haustür und fragte nach.

Mama, wann kommst du?“

Sie antworte wie so oft „Ich komme gleich“

Und er wusste was seine Mutter meinte mit „Ich komme gleich“. Denn das heißt für ihn „Wenn ich fertig bin“. Und wann das sein würde, wusste er nicht, obwohl seine Mutter vorhin noch meinte, dass sie sich beeilen müssten.

Ole beschloss die Wartezeit damit zu verbringen, auf den gegenüberliegenden Spielplatz zu gehen. Er dachte sich, dass er dann vielleicht noch mal rutschen könnte. Als er schließlich auf der Rutsche stand, kam seine Mutter aus dem Haus und hetzte zum Auto. Ihr Sohn aber war schon dabei die Rutsche raufzuklettern.

„Kommst du bitte? Wir müssen uns beeilen!“

Aber Ole wollte jetzt auch noch die Rutsche runter rutschen. Er meinte das gar nicht böse. Er war auch nicht trotzig. Ihm war nur langweilig geworden. Auch glaubte er, dass er noch genug Zeit habe, weil er ja schon aus vorherigen Erfahrungen mit seiner Mutter wusste, dass sich ein „Ich komme gleich“ ein wenig in die Länge ziehen könnte.

Seine Mutter jedoch wurde wütend. Sie hasste es zu spät zu kommen. Ihr war es sehr wichtig pünktlich zu sein. Und sie erwartete dies auch von ihrem Sohn. Pünktlichkeit sei schließlich eine Tugend. Und ihrer Meinung nach sei sie nur eine gute Mutter, wenn ihr Sohn ihr gehorcht bzw., wenn er gewisse Tugenden an Tag legt, die sie gut da stehen lassen.

Sie kannte den Spruch „Wer sich verspätet, ist schlecht erzogen“ und sie wollte sich auf keinen Fall den Vorwurf gefallen lassen, ihr Kind schlecht zu erziehen, denn das würde ihrem Bild von einer guten Mutter einfach nicht entsprechen. Gleichzeitig würde es bedeuten, dass ihr Kind ebenso schlecht sei. Und dieses Bild konnte sie einfach nicht ertragen.

Sie forderte ihn also nochmal dazu auf, SOFORT zu kommen. Doch Ole stand mittlerweile schon ganz oben auf der Rutsche. Sie drohte ihm schließlich ihn darunter zu holen, wenn er nicht sofort wieder runter klettert und ins Auto einsteigt. Ole jedoch setzte sich hin. Er wollte nur ein einziges Mal rutschen welcher er ihr auch durch seine Handlung signalisierte.

Ihr platzte der Kragen. Sie stürmte auf den Spielplatz. Sie kletterte die Rutsche hoch und fasste ihren Sohn, an seinen Ohren. Sie schrie ihn an. „Hab ich dir nicht gesagt, dass Du auf mich hören sollst, wenn ich sage, dass wir es eilig haben?“ Ole erschrak. Dann packte sie ihn an seinem rechten Ohr (dem frisch operierten) und zog ihn daran die Rutsche runter. Ole schrie vor Schmerz auf. Ihr schien das egal zu sein. Denn sie forderte ihn auf, aufzuhören zu weinen und drückte ihm noch den Spruch rein „Wer nicht hören will, muss fühlen“ und knallte ihm noch eine. Sie war außer sich. Sie verlor die Kontrolle und fühlte sich gerade sehr hilflos. Dabei wollte sie doch nur eine gute Mutter sein, die ihr Kind zur Pünktlichkeit und vor allem zu Gehorsam erzieht.

Ole blutete. Er hatte einen Riss an seinem Ohr. Er wimmerte vor sich hin.

Später dann beim Kinderarzt erklärte sie, dass der Riss beim Spielen passiert sei. Der Kinderarzt glaubte ihr. Ole wusste, wenn er jetzt sagen würde, wie es aus seiner Sicht passiert ist, würde ihm kein Mensch glauben. Seine Mutter hatte die anderen im Griff. In ihrer Welt war sie die gute Mutter, die sein musste (wollte) und er das Kind was zu gehorchen hatte. Schließlich war es ja auch ihr Beruf. Sie arbeitete als Erzieherin und Kinder bräuchten nun mal Regeln und Grenzen und sie hatte gelernt, dass es ihre Aufgabe war, dies den Kindern zu vermitteln.

Das Ganze passierte 1990. Damals war es noch nicht verboten sein Kind zu schlagen.

Rund Zehn Jahre später jedoch wurde ein Gesetz verabschiedet, genauer gesagt am 2.11. 2000, was am 08.11.2000 in Kraft getreten ist, welches Kindern eine Gewaltfreie Erziehung zusichert: Nämlich das Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung und zur Änderung des Kindesunterhaltesrechts (BGBI, I,S, 1479).

Im BGB gibt es dazu sogar den § 1631 Abs.2, der wie folgt gefasst ist: „Kinder haben das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“

Im Falle von Ole kam dieses Gesetz 10 Jahre zu spät. Und in vielen anderen Fällen kommt es trotz in Kraft treten dieses Gesetztes immer noch zu erheblichen Verstößen.

Doch wenn wir uns jetzt mal die Reaktion von Oles Mutter anschauen, gilt gleich zu hinterfragen, warum sie so reagierte, wie sie reagierte und vor allem auch, was es heißt eine gute Mutter zu sein. Denn auch aus ihrer eigenen Reaktion lässt sich ableiten, dass sie in dem Moment einerseits an dem Glaubenssatz „Ich muss eine Gute Mutter sein“ festhielt, andererseits aber auch das, was sie sagte, nicht zu dem zu passen schien, was sie getan hat. Und Kinder merken sich das. Kinder kopieren ihre Eltern. Sie sehen ihre Eltern als Vorbild. Ole kannte es aus vielen anderen Situationen, dass seine Mutter zwar immer sagte, dass man es eilig habe, aber erlebte, dass sie sich selbst nicht daran hielt. Er hielt sich also an die Vereinbarung / Regel eine gewisse Zeit. Irgendwann dann dachte er sich, wenn sie noch so lange braucht, könne er sich ablenken oder beschäftigen, was er dann auch tat. Er kopierte also indirekt seine Mutter. Er spiegelte sie.

Leider konnte seine Mutter diesen Spiegel nicht annehmen. Mehr noch sah sie die Bestätigung für ihr Selbstbild einer guten Mutter in Gefahr. Sie sah dann nicht mehr ihren eigenen Anteil, sondern nur die Bedrohung, die durch das Verhalten ihres Sohnes ausgelöst wurde. Sie fühlte sich hilflos und hoffnungslos überfordert und war auch nicht mehr in der Lage rational zu reagieren. Stattdessen griff Sie zum Erziehungsmittel der Bestrafung. Erst schrie sie ihn an, dann misshandelte sie ihn körperlich, indem sie ihn am Ohr die Rutsche runter zog und ihm eine heftige Risswunde zu zog. Sein Wimmern ließ sie sich schuldig fühlen, was sie aber aus ihrer Sicht nicht war. Sie knallte ihm noch eine. Anschließend stellte sie es öffentlich so da, dass es nicht ihre Schuld sei, nur um das Bild was sie glaubte, wie eine gute Mutter sei, nicht gefährdet wurde.

Dass hinter ihrem eigenen Handeln/ Verhalten vermutlich eine eigene seelische Traumatisierung vorlag, kann nur vermutet werden, wird aber offensichtlich.

Wie oft stellen Sie sich als Eltern die Frage, was sie falsch machen oder falsch gemacht haben? Wie oft haben Sie schon ein Verhalten ihres Kindes hinterfragt ohne bei sich selbst zu schauen? Wie oft glaubten Sie, zu einer guten Mutter gehöre auch ein gutes Kind, was aber eben nur gut ist, wenn es in das Bild passt, was sie von einem guten Kind haben? Wie oft haben sie gegenüber ihrem Kind ein Verhalten an Tag gelegt, was eigentlich einer Entschuldigung bedarf, welche aber nicht folgte, weil sie ihrem Kind die Rolle des Schuldigen überstülpten? Und wie oft haben Sie gerade während des Lesens des Artikel sich Vorwürfe gemacht und bezichtigt eine schlechte Mutter zu sein?

Unser eignen Vorstellungen und Bilder über „wie es zu sein hat“ passt selten mit der Realität, also mit dem „wie es tatsächlich ist“. Kommen wir damit nicht zurecht, können wir nicht transparent sein und greifen dann zum Mittel der Manipulation und Schuldsuggestion, wie z.B. „Du bist schuld, wenn wir zu spät kommen“.

Ein weiteres Thema ist das Thema „Umgang mit Geld“. Wenn Sie ihrem Kind sagen, dass sie nicht genug Geld haben um ihrem Kind einen Wunsch oder ein Bedürfnis zu erfüllen, sich selbst aber etwas gönnen, und ihr Kind bekommt das mit, dann dürfen sie ihrem Kind bitte schön erklären, warum sie das gemacht haben. Tun sie das nicht, ignorieren sie unweigerlich die Gefühle und Bedürfnisse ihres Kindes. Unsere Worte müssen als auch mit unseren Handlungen zusammen passen, sonst schüren wir ein Verhalten, was wir dann letztendlich auch noch bestrafen, ohne auf die Idee zu kommen, dass wir die Auslöser dafür sind, weil uns unser Kind im Grunde genommen nur kopiert hat.

Bleibt noch die Frage zu klären: Was ist eine Gute Mutter?

Ich glaube jede Mutter will nur das Beste für ihr Kind.

Jedoch passt das Bild, was viele Eltern von ihren Vorstellungen haben, was es bedeutet eine gute Mutter oder ein guter Vater zu sein, selten zu den Bedürfnissen, die ein Kind hat. Statt uns unseren eigenen Themen zu stellen, projizieren wir diese auf unsere Kinder. Wir schreiben somit unseren Kindern Rollen zu, die zwar in unser Erziehungskonzept passen und in das Konzept, was ein gut erzogenes und braves Kind ist, sie sind aber selten stimmig mit der wahren Natur unserer Kinder. Unsere Kinder brauchen also keinen Drehbuchautor an ihrer Seite, sondern allenfalls einen Filmvorführer oder Begleiter, der auf Augenhöhe kommuniziert.

Kinder lernen jedenfalls nicht aus Bestrafung für Verhaltensweisen, die ihre Eltern ihnen vorleben. Und Wer das nicht erkennen kann, der ist aus meiner Sicht zu recht bestraft mit dem Selbstbild eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater zu sein und bedarf meines Erachtens dringend einer Therapie oder einem Coaching, aber das ist eben nur meine eigene Meinung.