Heute schon geärgert?

Eine Situation, die jeder von uns kennt: Wir ärgern uns über jemanden. Doch warum tun wir das?

Neulich beim Einkaufen hab ich beobachten können, wie manche Menschen mit anderen Menschen umgehen. Ich hatte gerade bezahlt und war am Einpacken. Der Mann, der am Kassenband hinter mit stand, sagte in einem ziemlich schroffen Tonfall zur Kassiererin: „Ich würde mal auf die andere Seite gucken!!!“ Sie hatte übersehen, das das Produkt, welches sie über den Scanner gezogen hatte, auf der anderen Seite einen Preisnachlass aufzeigte. Sie wurde rot, entschuldigte sich kleinlaut und gab den neuen Preis ein. Ich war echt entsetzt! Sah ihn an und sagte: „Wow, wie freundlich!“, was er verbissen ignorierte, seinen Einkauf raffte und den Laden verließ.

In mir spürte ich sofort eine Verurteilung dieses Mannes, bzw. seines Verhaltens. Mein (für mich) gut funktionierender Gerechtigkeitssinn ist sofort angesprungen, und ich bekam „Mitleid“ mit der Kassiererin. Ich fragte mich, mit welchem Recht dieser Mann so unfreundlich war. Ja, vielleicht hatte er vorher Ärger – irgendwo, mit irgend jemandem, auf Arbeit oder Privat. Doch dafür kann doch die Frau an der Kasse nichts! Sie machte einfach nur ihrem Job, war einfach nur da, um zu kassieren. Sie war weder genervt, noch pampig, sie machte einen höflichen und gewissenhaften Eindruck auf mich.

Doch was genau steckt da hinter MEINEM Gefühl in dieser Situation? Erinnerungen! Zum Teil längst vergessene bzw. verdrängte Erinnerungen an selbst erfahrene (vermeintliche) Ungerechtigkeiten, die mir irgendwann einmal widerfahren sind und mich tief verletzt, somit auch geprägt haben. Und diese Erfahrungen haben weder etwas mit diesem Mann zu tun, noch mit der Kassiererin, sondern ausschließlich mit mir! Mein Ärger auf diesen Mann, mein MITLEIDEN mit dieser Frau erschaffe ich mir also – UNbewusst – selbst! Weder kann ich wissen, was der Mann wirklich gerade dachte und fühlte, noch weiß ich es bei ihr. Es sind MEINE Filme, in MEINEM Kopf, kreiert im Drehbuch MEINER Erfahrungen, die mich glauben machen, ich wüsste, was in anderen Menschen vor geht.

Also, im Ärger auf unsere Mitmenschen dürfen wir erstrangig bei uns selbst schauen, warum wir so reagieren, wie wir reagieren.

Unsere Mitmenschen berühren „lediglich“ unsere eigenen Wunden. Und manchmal fühlt es sich an, als würden sie noch mit dem größten Vergnügen in der Wunde rumbohren. Dennoch zeigen sie uns damit, wer wir sind. Robert Betz (Diplom-Psychologe, Bestsellerautor und Begründer der Transformations-Therapie) nennt sie „Arschengel“. Ich finde diesen Begriff sehr treffend. Wir nennen sie „Arsch(l…)“, aber dahinter verborgen ist der Engel, der uns unsere ungeheilten Wunden zeigt.

Sich selbst gegenüber zu treten, sich seiner eigenen destruktiven Prägungen und Glaubenssätze bewusst zu werden, tut manchmal weh, bedarf einer Menge Mut, öffnet aber einen weiten Raum für Veränderung.

(© Kerstin Teifke)