Der narzisstische Wettkampf im Bett

Der narzisstische Sex ist wie ein Wettkampf zu verstehen. Jeder will der Beste sein. Der eher grandiose Narzisst denkt nur an sich und lebt ungehemmt seine Geilheit aus, ohne wirklich auf die Bedürfnisse seiner Partnerin einzugehen. Er hält sich für einen Superabspritzer. Ihm ist seine Männlichkeit sehr wichtig. Er hat den Druck, seinen Mann zu stehen, „in doppelter Hinsicht“. Er kann immer, er will immer, und wenn er mal nicht kann, hat er dafür auch eine passende Erklärung parat. Um aber die Auserwählte zu erobern, spult er am Anfang sein ganzes Repertoire der Verführungskunst durch. Sex mit einem Narzissten ist für viele Menschen am Anfang wie der Himmel auf Erden. Berauscht durch den eigenen Trieb, bringt der Narzisst sein Gegenüber ständig in sexuelle Ekstase. Irgendwann aber lässt auch dieser Zauber nach, und der Narzisst fängt an, nur noch an sich zu denken.

Die Unfähigkeit, sich im Bett wirklich auf den anderen einzulassen, schürt das Desinteresse und die Langeweile auf beiden Seiten. Der Narzisst findet nicht mehr die notwendige Bestätigung durch den Partner. Dessen Begeisterung wiederum nimmt umso stärker ab, je weniger die eigenen Bedürfnisse eine Rolle spielen. Doch da ein Narzisst krankhaft von sich und seiner Unfehlbarkeit überzeugt ist, muss die Schuld für das unbefriedigende Sexualleben auf der anderen Seite des Bettes liegen. Streit und Frust nehmen dann zu, für die Partner von Narzissten wird Sex zur Last. Beim Narzissten kann es zu Potenzstörungen und dem völligen sexuellen Rückzug kommen – aus Angst vor dem Versagen, was sein Selbstbild zum Einsturz bringen könnte. Als letzter Ausweg bleibt ihm dann häufig nur die Selbstbefriedigung. Hier behält er die volle Kontrolle und muss nur auf die Bedürfnisse des einzigen Menschen Rücksicht nehmen, der ihn interessiert: sich selbst.

Der depressive (oder auch vulnerable) Narzisst denkt weniger an sich. Ihm ist die Bestätigung, ein guter Liebhaber zu sein, viel wichtiger. Er unterwirft sich zwar nicht direkt den Bedürfnissen seines Partners, aber er meint, er gibt mehr, als er nimmt. Dabei handelt er genauso egoistisch, wie der Grandiose, nur andersherum. Ihm ist wichtig, dass der andere auf seine Kosten kommt. Auch er geht nicht wirklich auf die Bedürfnisse der Frau ein, wenn auch manche Frau die Bestätigung braucht, gut zu sein. Und auch die Frau ist hin und wieder frustriert, wenn ihr Partner „ihrer Meinung nach“ nicht auf seine Kosten kommt. Das liegt sicher auch daran, dass sich in dem Falle beide zu sehr unter Druck setzen. Der Orgasmus wird überbewertet oder gar als Erfolgserlebnis angesehen. Aber wer sich über den Orgasmus anderer definiert, befriedigt damit im Grunde auch nur sein Ego.

Bei der Frau äußert sich der Narzissmus überwiegend darin, begehrt zu werden. Dies führt häufig dazu, dass sie sich einem Mann verweigert und an seinem Verlangen Befriedigung findet, etwa indem sie vor ihm masturbiert. Eine gesteigerte Form wäre, dass er zusehen soll, während sie Sex mit anderen hat. Doch da auch die narzisstische Frau unfähig ist, die Persönlichkeit des Partners wirklich zu sehen und anzuerkennen, spielt auch er oft nur die Rolle des reinen Sexualpartners, der ihr im Extremfall zum Beispiel nur ein Kind zeugen und anschließend wieder verschwinden soll.

Natürlich ist es auch möglich, dass das Rollenverhältnis umgekehrt ist, schließlich gibt es ja auch grandiose Frauen. Nicht jede Frau ist das „schwache Geschlecht“.

© Leonard Anders (aus ein Narzisst packt aus)