Narziss- wirklich selbstverliebt oder nur ein Mythos?

Die Sage von Narzissos beschreibt das Dilemma des gestörten Narzissmus bzw. des krankhaften Narzissten. Das Umfeld nimmt leider nur die sichtbaren Auswirkungen wahr.

Der sich im Wasser spiegelnde oder im Spiegel sehende Narzissos scheint in sein schönes Antlitz verliebt, auf das seine Mutter oder auch die heutige Gesellschaft sicher stolz wären. Auch die Nymphe Echo beantwortet die Rufe des Narzissos, in dessen Schönheit sie verliebt ist, wie die Mutter oder die Gesellschaft. Echos Rufe täuschen ihn allerdings, genauso wie es sein Spiegelbild tut, indem es eben nur den idealisierten Teil seiner selbst von ihm spiegelt, nicht aber die anderen Teile – die verwundbaren Seiten, die unerfüllten Bedürfnisse. Diese Bedürfnisse, die negativen Gefühle und plakativ betrachtet auch sein Schatten gehören nicht zum geliebten Spiegelbild und werden daher ausgeklammert. Diese eingeschränkte Selbstliebe wird als Grandiosität bzw. als Selbstverliebtheit wahrgenommen. Nicht selten fühlt der Narzisst in sich trotzdem eine gewisse verzehrende Sehnsucht nach sich selbst oder der Erfüllung seiner Bedürfnisse, die dann in einer Depression enden kann.

Narzissos wollte nichts anderes sein als der geliebte und von allen akzeptiere Schönling, und aus Angst vor Ablehnung verleugnete er sein wahres Selbst. In der Sage wollte er sich mit seinem Spiegelbild vereinigen. Er umarmte es – und ertrank. An gleicher Stelle wuchs dann die Narzisse.

Dieser Tod ist eine logische Konsequenz der Fixierung auf das falsche bzw. nur idealisierte Selbst. Ein Mensch ist nicht nur dann liebenswert oder lebendig, wenn er seine guten, seine schönen oder seine gefälligen Gefühle zeigt, sondern auch dann, wenn er seine unbequemen, oft verborgenen Gefühle preisgibt, wenn er Sorge, Ohnmacht, Scham, Eifersucht, Verwirrung oder Trauer erkennen lässt. Das Schöne und das weniger Schöne zusammen ergeben den Strauß Blumen, der unser Dasein vertieft und uns lernen lässt.

Die Gesellschaft nimmt beim Narzissten aber oft nur seine schönen Seiten wahr, entweder weil er selbst sein eigentliches Ich verleugnet oder weil die Gesellschaft nichts anderes wahrnehmen möchte, möglicherweise sogar aus Angst und Überforderung wegschaut. Getreu dem Motto „Männer weinen nicht!“

Ihm wurde in der Kindheit vermittelt, dass nur das Schöne geliebt werden kann. Weder der grandiose (offene) noch der depressive (verdeckte) Narzisst kann sich selber lieben. Seine Begeisterung für sein falsches Selbst verbaut ihm die wahre Liebe zu dem einzigen Menschen, der ihm voll und ganz anvertraut ist – ihm selbst.

© Leonard Anders (Auszug aus seinem Buch „Ein Narzisst packt aus„)