Meistens betrachten wir Vergebung als in erster Linie positiv für den Empfänger der Vergebung, dem, der uns dieses oder jenes angetan hat. Dem Verursacher von Leid und Schmerz. Wir denken, wir tun etwas für den, der uns verletzt hat, in dem wir ihm vergeben. Wir denken, der andere müsste etwas für uns tun, für einen Ausgleich sorgen oder Buße tun.

Das macht Vergebung für viele Menschen unmöglich. Und je schlimmer das ist, was uns angetan wurde, desto schwerer fällt es uns zu vergeben.

Dabei wächst die Notwendigkeit von Vergebung proportional mit dem Leid, was wir erfahren haben. Je mehr wir erlitten haben, umso wichtiger ist es für uns, zu vergeben

Denn wir schaffen erst durch Vergebung Raum in unserer Seele. So lange wir nicht vergeben haben, nimmt die Person, der wir nicht vergeben haben, noch Platz in unserem Leben ein. Diese Person hat Macht über uns. Sie kann schalten und walten, weil wir nichts machen, damit es besser wird. Macht kommt von machen. Unsere Gedanken kreisen um die schlimme Tat, um diesen in unserer Wahrheit „bösen“ Menschen, wir sind auf unsere Wunden fixiert und können nicht in die Heilung gehen, weil wir uns immer noch viel zu sehr mit der Verletzung beschäftigen.

Vergebung heißt auch zu sagen: Geh, ich brauche Dich nicht mehr. Du hast keine Macht mehr über mich. Meine Welt ist schön. Und Du hast hier keinen Platz mehr, wenn ich es nicht will. Vergebung heißt nicht, dass man wieder Freunde wird. Das wäre Versöhnung.

Vergebung führt uns aus dem Opferstatus wieder in ein selbstbestimmtes Bewusstsein. Wir lösen uns aus den Verstrickungen, die uns passiv in der Vergangenheit verharren lassen und in dem unsere Lebensäußerungen ein bloßes Reagieren auf die Umwelt sind.

Vergebung ist der entscheidende Schritt auf dem Weg in eine Zukunft, die Raum bietet für neues Möglichkeiten, neues Er-Leben.  Wir erkennen durch Vergebung an, dass der Täter ebenso ein Opfer war, wie wir jetzt Opfer waren und das erfahrene Leid an uns weitergegeben hat, weil er in dem Bewusstseinszustand, indem er sich gerade befand, nicht in der Lage war, anders zu handeln. Dadurch eröffnen wir uns und ihm die Möglichkeit der Heilung und Lösung aus übernommenen Prägungen.

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“

Vergebung ist Heilung. In erster Linie für das Opfer…aber für alle anderen auch.