Bei Menschen mit einer Dysmorphophobie, auch körperdysmorphobe Störung genannt, kreisen die Gedanken unentwegt ums Aussehen. Sie fühlen sich entstellt, obwohl es keinen objektiven Grund dafür gibt. Auch wenn ein Körperteil tatsächlich nicht dem „gängigen Schönheitsideal“ entspricht, nehmen die Betroffenen dies deutlich schlimmer wahr, als es wirklich ist. Meistens fixieren sie sich auf ein bestimmtes Körperteil, das ihnen unästhetisch erscheint. Dieses Denken wird durch die medial erzeugten Schönheitsideale weiter angefeuert. Frauen bemängeln häufig ihr Gesicht, die Brust, die Beine oder die Hüfte, während Männer sich vor allem durch zu wenige Muskeln, unschöne Genitalien oder zu viel Körperbehaarung entstellt fühlen.

Eine Dysmorphophobie hat weitreichende Folgen für das soziale und berufliche Leben. Die Betroffenen ziehen sich von Freunden und Familie zurück, weil sie sich für ihr Aussehen schämen. Sie vernachlässigen ihre Arbeit. Mehr als die Hälfte der Betroffenen haben Suizidgedanken. Somit besteht bei der Dysmorphophobie auch ein erhöhtes Suizidrisiko. Die Betroffenen haben keine Kontrolle über ihre selbstabwertenden Gedanken, die ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigen, und neigen zu sogenannten Sicherheitsverhaltensweisen, die auch für Zwänge typisch sind. Manche müssen ihren vermeintlichen Makel immer wieder im Spiegel überprüfen, obwohl sie sich dabei schlecht fühlen. Andere scheuen den Blick in den Spiegel und trauen sich nicht mehr in die Öffentlichkeit. In der Regel versuchen Menschen mit Dysmorphophobie, ihren eingebildeten Schönheitsmakel zu verstecken. Manche lassen sich regelmäßig vom Schönheitschirurgen behandeln oder versuchen, ihr Äußeres selbst zu verändern. Doch löst nichts davon die Problematik – sie schämen sich weiterhin für ihr Aussehen.

Manche Betroffene „examinieren“ nicht nur ständig ihr Äußeres, sondern pflegen sich in geradezu extremer Weise. Eine Zwangserkrankung ist vorprogrammiert. Aber auch echte Entstellungen oder Hautkrankheiten können die Folge sein, wenn man sich exzessiv die Haare kämmt, die Augenbrauen zupft, Make-up aufträgt etc. Das alles soll die Angst reduzieren, führt jedoch nur in eine Art Teufelskreis, das heißt in eine noch intensivere Beschäftigung mit sich und seinem „Mangel“ und damit in eine sich ständig aufschaukelnde Resignation, Deprimiertheit, Verzweiflung, Furcht oder gar Panikbereitschaft.

Einige der Betroffenen wenden sich hilfesuchend bis verzweifelt an ihr näheres Umfeld, bitten um entsprechende Beurteilungen und Kommentare, am liebsten natürlich beruhigende Rückversicherungen bezüglich ihrer „Entstellung“. Dabei muss der Kreis der Eingeweihten ständig erweitert werden, denn den meisten wird es langsam zu viel, pausenlos über etwas diskutieren zu müssen, das ihnen nun wirklich nicht als schicksalhafter Nachteil erscheinen will. Zudem führen solche Beruhigungen, wenn überhaupt, nur zu vorübergehender Erleichterung. Man kann diesen Kranken nichts bestätigen und ihnen nichts ausreden, sie „laufen wie auf Schienen“.

Einige vergleichen auch ständig ihren „hässlichen“ Körperteil mit anderen Personen und deren „Gebrechen“. Das kann zu regelrechten Beziehungsideen (also zu einer übertriebenen oder falschen Beziehungssetzung zur eigenen Person) im Zusammenhang mit der eingebildeten Entstellung führen. Das Schlimmste aber ist nach Ansicht der Betroffenen, dass immer mehr und am Schluss alle anderen Menschen auf den vermeintlichen Schönheitsfehler achten und sich darüber unterhalten oder gar lustig machen. Einige Patienten versuchen deshalb, den Mangel zu überdecken, lassen sich zum Beispiel einen Bart wachsen, tragen Kopftuch, Hut oder Schal, stopfen ihre Kleider aus oder lassen sich entsprechende Kleider schneidern.

Eine spezielle Variante der Dysmorphophobie ist die Muskeldysmorphophobie, die überwiegend Männer betrifft. Sie empfinden ihren Körper als zu wenig muskulös oder fühlen sich zu klein. Auch wenn ihr Körper bereits dem eines Profisportlers gleicht, missfällt er ihnen. Manche beginnen daher, exzessiv zu trainieren. Die Muskelsucht wird auch als Adonis-Komplex oder inverse Anorexie (umgekehrte Magersucht) bezeichnet. Ähnlich wie eine magersüchtige Person nehmen die Männer ihren Körper verzerrt wahr. Anstatt Kalorien zu meiden, konzentrieren sie sich jedoch auf die Einnahme von proteinreicher Nahrung. Einige greifen in ihrer Verzweiflung auch zu Anabolika, um möglichst schnell viel Muskelmasse aufzubauen.

Wie viele Menschen von Muskeldysmorphophobie betroffen sind, ist unklar. Unter Bodybuildern sind es etwa zehn Prozent. Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Betroffenen weiter zunehmen wird. Der Grund ist, dass mittlerweile auch Männer unter dem Druck eines Schönheitsideals stehen.