Die abhängige, auch asthenische, dependente, inadäquate, passive oder selbstschädigende Persönlichkeitsstörung zeichnet sich nach Kuhl & Kazén durch geringes Selbstbewusstsein, eine depressive Grundstimmung, mangelndes Durchsetzungsvermögen, fehlende Eigeninitiative und fehlende Entscheidungsbereitschaft aus.

Betroffene fühlen sich schwach, hilflos, inkompetent und unnütz. Sie stehen dem Leben eher passiv gegenüber – lassen häufig ihre Mitmenschen für sich entscheiden und äußern aus Angst, verlassen zu werden, selten ihre Meinung. Sie erscheinen unterwürfig und anhänglich, wollen versorgt werden und haben Angst davor, alleine gelassen zu werden und für sich selbst sorgen zu müssen. Sie stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück, um nicht die Beziehung zu den Menschen zu gefährden, von denen sie abhängig sind. Für diese Beziehungen werden diese sonst eher als passiv geltenden Personen jedoch oft sehr aktiv und zeigen sich dann als handlungsbereit. Endet eine enge Beziehung, suchen sie dringend nach einer neuen, die die alte ersetzen kann.

Grundsätzlich wird diese Art der Persönlichkeitsstörung in zwei verschiedene Interaktionsmuster untergliedert. Es gibt sowohl die aktiv-dependente als auch die passiv-dependente Form. Erstere ist charakterisiert durch Lebhaftigkeit, soziale Angepasstheit, Charme und dramatische Gefühlsbetonung, letztere zeichnet sich durch Unterwürfigkeit, Zärtlichkeitsbedürfnis und eine geringe Anpassung aus.

Die Prävalenz für diese Persönlichkeitsstörung innerhalb der Gesellschaft liegt bei etwa eineinhalb Prozent. In Indien und Japan ist die Prävalenzrate höher; dies könnte an den gesellschaftlichen Strukturen liegen, die insbesondere in diesen Ländern unterwürfiges Verhalten fördern. Die Störung tritt häufiger bei Frauen auf als bei Männern, was sich teilweise auf geschlechterspezifische Sozialisationserfahrungen in der Kindheit zurückführen lässt. Häufig besteht eine Komorbidität mit der Borderline‑, der schizoiden, der histrionischen, der schizotypischen und der ängstlichen Persönlichkeitsstörungen. Auch mit bipolaren Störungen, Depressionen, Angststörungen und Bulimie tritt die abhängige Persönlichkeitsstörung komorbid auf.

Die Betroffenen haben nach DSM ein tief greifendes und überstarkes Bedürfnis, versorgt zu werden, das zu unterwürfigem und anklammerndem Verhalten und Trennungsängsten führt. Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

  1. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, alltägliche Entscheidungen zu treffen, ohne ausgiebig den Rat und die Bestätigung anderer einzuholen.
  2. Sie benötigen andere, damit diese die Verantwortung für ihre wichtigsten Lebensbereiche übernehmen.
  3. Sie haben Schwierigkeiten, anderen gegenüber eine andere Meinung zu vertreten – aus Angst, dann deren Unterstützung und Zustimmung zu verlieren.
  4. Es fällt ihnen schwer, Unternehmungen selbst zu beginnen oder Dinge unabhängig durchzuführen – und zwar weniger aus mangelnder Motivation oder Tatkraft, sondern eher durch mangelndes Vertrauen in die eigene Urteilskraft oder in die eigenen Fähigkeiten.
  5. Sie tun alles Erdenkliche, um sich die Versorgung und Zuwendung anderer zu erhalten – bis hin zur freiwilligen Übernahme unangenehmer Tätigkeiten.
  6. Sie fühlen sich alleine unwohl oder hilflos – aus übertriebener Angst, nicht für sich selbst sorgen zu können.
  7. Wenn eine enge Beziehung endet, suchen sie dringend eine andere Beziehung als Quelle der Fürsorge und Unterstützung.
  8. Sie sind in unrealistischer Weise von der Angst eingenommen, verlassen zu werden und für sich selbst sorgen zu müssen.
  9. Nach einer Trennung haben sie das Gefühl, am Leben vorbeizulaufen.
  10. Sie haben ein Gefühl von innerer Leere.

Die Merkmale in der ICD-10 entsprechen im Wesentlichen denen im DSM.

Mögliche Ursachen der dependenten Persönlichkeitsstörung

Im Gegensatz zu anderen Störungen der Persönlichkeit wie dem Borderline-Syndrom sind die Ursachen einer dependenten Persönlichkeitsstörung noch wenig erforscht. Es gibt zwei Theorien über die Entstehung des krankhaft anhänglichen Verhaltens.

Die erste lautet: „Übermächtige Eltern, die ihrem Kind wenig zutrauen und keine Selbstständigkeit zulassen, tragen zur Entstehung abhängiger Eigenschaften bei“, erklärt der Heidelberger Psychologie-Professor Sven Barnow. Einer Untersuchung seines Kollegen Jeffrey Baker von der Southeastern Louisiana University in Hammond zufolge tragen sowohl ein autoritärer als auch ein sehr behütender Erziehungsstil dazu bei, dass jemand sich als schwach und wenig kompetent erlebt. „Die Betroffenen lernen nicht, sich von ihren Eltern abzugrenzen – und sind deshalb später emotional stark auf andere Menschen angewiesen“, vermutet Barnow.

Die zweite Theorie: Kinder, die von ihren Eltern wenig liebevoll behandelt oder sogar abgelehnt werden, entwickeln einen starken andauernden Wunsch nach Nähe und Fürsorge. „Diese Kinder scheinen auch als Erwachsene permanent das Gefühl zu haben, dass sie alleine nicht sicher sind“, erklärt Sven Barnow. „Erst die Anwesenheit einer nahen Bezugsperson vermittelt ihnen diese Sicherheit.“

Allerdings entstehen Persönlichkeitsmerkmale in der Regel durch eine Wechselwirkung zwischen Umwelteinflüssen und genetisch bedingten Faktoren wie dem Temperament eines Kindes. Der Heidelberger Psychologe ist überzeugt: „Ein von Natur aus ängstliches Kind entwickelt unter den beschriebenen Umständen vermutlich eher dependente Persönlichkeitszüge als ein Kind, das ein lebhaftes Temperament besitzt.“