Gastbeitrag von Wolfram Kölling

Spiritualität und Scham, das ist ein etwas schwieriges Thema, denn beides müssen wir erst gut verstehen, bevor wir die Zusammenhänge wirklich erkennen können. Mit dem Ego ist das eben so eine Sache, es soll ja überwunden oder transzendiert werden und manche wollen es gleich ganz über Bord werfen. Ego, Ich oder Selbst müssten wir auch mühsam definieren, denn unter Spirituellen oder Integralen gibt es sicher ganz verschiedene Ansichten darüber. Ganz schwierig wird es, wenn wir die verschiedensten psychoanalytischen Konzepte des Ich und des Selbst klären wollten.

Ich ziehe es deshalb vor grundsätzlich nur von einem Ich-Selbst zu sprechen. Dieses umfasst alles was der Mensch denkt, fühlt, erlebt, haben will oder nicht haben will. Was er ablehnt oder wonach er sich sehnt, was er braucht. Alles das, was nach seinem Erleben zu seinem Ich gehört, alles was sein Ich-Erleben ausmacht. So ist es auch alles was zum bewussten Sein, zum Sich-seiner-Selbst-bewusst-Sein gehört.

Wo nun sitzt die Scham? Scham ist kein Gefühl, wie Angst, Schmerz oder Aggression. Nein, Scham sind die Zustände, die der Mensch erlebt, wenn sein Bewusstes-Sein angeschlagen oder geschädigt wird. Wenn also sein Ich-Selbst erschüttert wird. Die Scham hat ihren Platz genau an der Grenze des bewussten Seins. Also dort wo es weder ein Ich-Selbst noch ein Nicht-Ich gibt. Vielleicht können wir sagen, die Scham ist so etwas wie ein Bruch des Ich-Selbst, eine Gebrochenheit. Manchmal wird auch davon ausgegengen, dasss die Scham zwei Bewegungen sind. Eine zum Ich hin und die andere zum Nicht-Ich hin. Deshalb auch oft diese schreckliche innere Zerrissenheit.

Wenn also die Scham grundsätzlich das ist, was der Mensch in seinem Inneren als so etwas wie „Zerschlagung“, „Auflösung“, „Zerfall“ oder „Zerrisenheit“ erlebt, was ist dann mit der Transzendenzerfahrung des Menschen?

Nun die Zustände der „Erschütterung“, die ich Scham nenne, wollen wir alle nicht gerne erleben, und so verstärken wir unser Ich-Selbst durch eine Art „Aufrüstung“. Wir verbergen die Scham dadurch, dass unser Ich-Selbst Muster entwickelt oder einsetzt, hinter denen sich die Scham verstecken kann. Das nennen wir „Masken der Scham“. So gut wie alles, was unser Ich-Selbst tut, also alle meine Denk- und Verhaltensmuster, können so die Funktion der Maske der Scham erhalten.

Ich kann also Zustände der Transzendenz erfahren, sogenannte mystische Erfarungen machen und die „Gebrochenheit“ der Scham wird übersprungen. Also im Körper und in der Seele früher erlebte und gespeicherte Scham wird in der Transzendenz nicht erlebt, bleibt aber in der Seele erhalten. Nach einer spirituellen Erfahrung zeigen sich dann wieder die Muster der „Masken der Scham“, möglicherweise stärker als vor der Erfahrung. Jetzt können es vermehrt Besserwissereien, Rechthabereien oder Grössenideen sein, die das Ich-Selbst benutzt um die tieferliegenden Schamzustände nicht zu erleben. Auch zu Verkennungen der Realität, zur Co-Abhängigkeit oder zu einer Verstärkung von Ideologien kann es kommen. Wichtig ist natürlich noch zu betonen, dass diese Mechanismen individuell sehr unterschiedlich sind und je nach Intensität der früher erlebten Erschütterungen (Traumatisierungen) auch unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Funktonieren die Masken nicht so gut, kann es auch schon zu verstärkter Verletzlichkeit, Sensibilität und Empfindsamkeit kommen. Die direkte und offene Schamanfälligkeit kann sich dann auch mehr zeigen.

Ohne Bewusstwerdung und Bearbeitung der im Leben erfahrenen Beschämungen, kann also ein spiritueller Weg nicht vollständig sein. Im Gegenteil, die verstärkten Masken der Scham können einen solchen Weg deutlich stören behindern oder gar unmöglich machen.

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Das Ego und die Scham

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