Für viele ist es ein offenes Geheimnis. Für manche bin ich noch ein Unbekannter. Andere werden jetzt vielleicht erleichtert aufatmen. Wie dem auch sei. Es fühlt sich richtig an.

Als ich vor 4 Jahren die Diagnose bekam „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ habe ich das akzeptiert. Ich konnte mit der Diagnose nicht allzu viel anfangen. Ich litt zwar einigermaßen weswegen ich mich in Therapeutische Obhut begab, jedoch war die Diagnose für mich nebensächlich. Ich wollte nicht mehr leiden, nicht mehr anecken und auch meine WUT anders kompensieren. Ich wollte einfach nicht mehr wegen MIR ausrasten. Denn WUT lindert keine Schmerzen. Aber das schlechte Gewissen hinterher, verursacht neue Schmerzen, bei mir und auch bei anderen. Denn Niemand kann irgendwas für meine WUT.

Dahinter verborgen war mein inneres Kind. Es fühlte sich unwichtig und klein, allein gelassen und nicht frei. Es war gefangen in mir selbst, und ich beachtete meine eigenen Bedürfnisse auch nicht. Und wenn es getriggert wurde, bekämpfe ich stetig das Außen, statt mich mir selbst zu widmen. Ja ich vernachlässigte mich selbst total. Ich war nahezu verwahrlost in mir. Und Verantwortung konnte ich auch nicht übernehmen.

Als ich dann nach Antworten suchte, suchte ich leider auch noch am falschen Ort, wobei jetzt weiß ich dass es wohl doch richtig war, denn erst durch die vielen Konflikte und Aufregungen konnte ich finden, was ich gebraucht habe. MICH SELBST.

Ich lernte an diesem „falschen Ort“ sehr viele Menschen kennen. Einige davon wurden Freunde und Weggefährten. Andere dagegen waren mein Spiegel, den ich genauso hässlich fand, wie mich selbst. Nicht liebenswert, nicht gut genug, teilweise sogar verachtenswert. Wir haben uns dann auch gegenseitig die Würde genommen.

Ich war viel im Internet unterwegs und eckte an, was sonst. Ich war in vielen Narzissmusgruppen unterwegs und wechselte fast minütlich die Rolle, switschte zwischen Opfer, Täter und Retter. Als Opfer fühlt man sich nicht gut genug, als Täter denkt man, man sei besser als alle anderen und als Retter meint man es nur gut.

Mal war ich ohnmächtig, anderntags machte ich mich abhängig von den Launen meiner Mitmenschen. Dabei war ich die ganze Zeit nur abhängig von mir. Doch das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Nein, die anderen waren in meinen Augen verantwortlich dafür, mir das zu geben, wofür sie nicht zuständig waren.

Ich traf auf eine Frau. Sie ist jetzt Anwärterin auf ein Richteramt, weswegen ich ihren Namen nicht erwähne. Aber diese Frau verstand mich, so glaubte ich. Aber auch Sie war eine gefangene ihrer Selbst. Nichts desto trotz unterstützte sie mich und wir gaben uns gegenseitigen Halt- ich denke das nennt man Liebe- dem anderen zu helfen- einfach so. Ja.. ich liebe Sie. Und ich kann nicht mal sagen warum. Aber ich glaube um jemanden zu lieben, dafür braucht man keinen Grund. Ich zumindest habe keinen.

Ich traf auf andere Frauen. Wir triggerten uns gegenseitig. Wir beschimpften uns. Sie alle betreiben ihren eigenen Kanal um ihre Themen aufzuarbeiten. Auch diese Frauen switschen hin und her, zwischen Täter, Opfer und Retter. Jeder versuchte im Grunde genommen sich selbst zu retten, von dem immerwährenden Schmerz, den wir im Außen anderen zuschreiben wollten. Mütter, Väter, Chefs, Arbeitskollegen, Freunde, Fremde. Was Sie aber alle vereint ist, auch das sind Menschen. Manche sind selbst verwundet in ihrem Innersten, Traumatisiert und wahre Switscher, zwischen Opfer, Täter und Retter. Ja das Dramadreieck hat es uns scheinbar allen angetan. Für andere das Beste, für sich selbst das aller Letzte. Und manchmal meinten wir es wirklich ja einfach nur gut. Und kurz darauf kam die WUT.

Da ist es ja kein Wunder auf Dauer, wenn das Leid, die Freude im Leib des inneren Kinde überdeck(el)t. Man stellt sich selbst in den Schatten, auch wenn draußen die Sonne scheint.

Und das innere Kind erstarrt. Schweigen wird als Missbrauch gesehen. Ich kann das verstehen. Ich kann das auch super gut nachvollziehen. Angeschwiegen zu werden, wirkt wie eine Strafe. Gefühlt ist sie das auch. Doch wenn jemand erstarrt, verfällt er in einen Schock- nicht aus Bock, sondern aus Schock. Ja die Starre nennt man Mutismus. Man mutiert vom redenden Stehaufmännchen zur erstarrten Salzsäule. Ein kleiner Konflikt reicht da oftmals schon. Denn wenn die Seele keinen Frieden hat, ist sie im Krieg.- Und was die beiden Weltkriege für Nachwirkungen haben, wurde schon vor langer Zeit erforscht und auch publiziert. Wer zuviel Scheiße erlebt, schweigt, auch aus Angst- keiner könnte einen verstehen. Denn auch der Kopf switscht zwischen Täter, Opfer und Retter. Und das überfordert so sehr, dass man irgendwann lieber schweigt. Das passiert automatisch. Man nennt das auch dissoziativer Fug- Zustand. In dem Moment ist man vielleicht körperlich anwesend, aber geistig und auch emotional abwesend. Der Kopf droht zu explodieren. Und bevor das passiert, schottet sich der Körper komplett ab. Alle Muskeln spannen sich an. Manchmal sind es jedoch auch nur die Mundwinkel. Sprachlosigkeit im Innen. Ratlosigkeit im Außen. Hilflosigkeit für beide Seiten. Die Opfer nennen es Silent Treatment. In Wirklichkeit ist es aber ein Schock.

2016 war das. Und da kam mir dann auch die Idee aus meiner Sicht (narzisstischer Charakter) ein Buch zu schreiben, das alles miteinander vereint. Die Opferrolle, die Täterrolle und die Retterrolle. HINZUgekommen ist nur die Zuschauerrolle, also der Menschen, die nicht wissen, wer oder was sie sind. Die vielen Youtuber, Kommentarschreiber, User, Forenbesucher. Aber auch das sind alles Menschen. Auch diese wussten oft nicht wer oder was sie sind. Sie waren orientierungslos. Sie solidarisierten sich und beschimpften sich gegenseitig. Wenn es auf Gegenseitigkeit beruht ist es ja gut- außer es ist WUT. Wobei auch das Gefühl darf sein- nur bitte dann allein und nicht in Projektion auf andere. Denn so entsteht sonst langfristig Krieg.

Manchmal ist das ganz gut, es nicht zu wissen. Manchmal aber braucht man erstmal eine dieser Rollen um zu überleben. Und Manchmal kann man sich einfach nicht entscheiden. Mal ist man Opfer, mal Täter, mal Retter. Und erst später erkennt man, man ist Mensch.

Und dann kamen als Letztes die Menschen mit der Helferrolle, also der Leute, die helfen, weil sie es können. Ärzte, Therapeuten, Berater, Heilpraktiker, Menschenfreunde. Ganz besonders hervorheben möchte ich dabei Professor Claas Hinrich Lammers, Dr. Eckhard Roediger, Nicole Just, die Uniklinik Mainz, speziell Lisa Wiedenmann und Anna- Semmroth Wolter, meine drei besten Freunde und die Website www.narzissmus.net. Die haben mir geholfen- einfach so. Ich bat um ihre Hilfe und ich bekam sie, einfach so. Ich durfte sein wie ich bin. Ich bekam trotzdem ihre Hilfe.

2017 entschied sich dann der Tectum Verlag das Buch zu verlegen.

Sie alle halfen mir zu werden, was ich schon bin. Sie alle halfen mir zu erkennen. Ich durfte lernen. Sie alle schenkten mir ihre Zeit, ihr Vertrauen, ihre Liebe, ihre Wertschätzung und das zu jeder Zeit. Sie waren allesamt auf ihre Art gesprächsbereit, kompromissbereit und damit hilfsbereit. Vielleicht ist das auch Liebe. Als ich im Oktober 2017 auf der Frankfurter Buchmesse die Leute vom Verlag traf, füllte sich alles in mir mit Tränen. Es waren Tränen der Freude, der Erleichterung und der aufrichtigen Liebe. Ich fühlte mich gesehen.

2018 dann meldete sich der WDR. Die Reihe Menschen hautnah hatte Interesse meine Geschichte fürs Fernsehen zu erzählen, damit ganz viele Menschen davon profitieren können. Wir einigten uns schnell. Beate Greindl ist eine warmherzige und taffe Frau. Auch das Filmteam schloss ich schnell in mein Herz, als es dann Anfang 2019 los ging und sie mich ein halbes Jahr lang mit der Kamera begleiteten. (Wohin es ging und was genau erzählt wird, dürft ihr alle am 28. November ab 22:40 im WDR sehen).

2019 dann entschieden sich widerrum Menschen mir zu helfen. Einfach so. Sie mussten es nicht. Aber sie taten es. Sie ermöglichten mir die Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie. Ich durfte mir sogar aussuchen ob Online oder in der Schule. Ich entschied mich für Schule. Die beste Entscheidung meines Lebens. Paracelsus ist ein wahrer Glücksgriff für mich. Ich habe wirklich wundervolle Menschen kennen gelernt. Mit drei von denen werde ich auch in Zukunft einige Projekte angehen. Und keines davon hat mit Narzissmus zu tun.

Wiederrum 2019 lernte ich zwei wundervolle Menschen kennen. Sandra und Arne, in kurzen Abständen. Ich glaube es war im Januar. Ich war gerade mit einer Frau zusammen. Die Beziehung jedoch hielt nicht sehr lange. Doch die zwei Menschen waren da. Und Arne sowie Sandra fanden die Idee, die Initiative Narzissmus Selbsthilfe zu gründen einfach nur wunderbar. Wir wollten anderen Menschen einfach helfen, zu sich selbst zu finden. Schnell wurden Pressetexte und Konzepte erarbeitet. Und im Juni dann eröffneten wir Selbsthilfegruppen. Wir fingen mit 4 Gruppen an. Jetzt sind es schon 7. Dazu vernetzten wir uns mit einigen anderen Initiativen, insbesondere Em- Life. Zusammen sind es jetzt also 11 Selbsthilfegruppen.

Vor kurzem erschien mein aller erster Artikel in einem Fachmagazin. Somit schließt sich für mich ein Kreis. Und ich kann mein Pseudonym Leonard Anders endlich ablegen.

Mein richtiger Name ist Daniel Simon Brodersen. Und ab Januar werde ich ausschließlich unter diesem Namen, denn das ist mein Name, in der Öffentlichkeit auftreten. Das Kapitel Leonard Anders ist Geschichte. Ich werde den Namen nicht vermissen. Jedoch werde ich mich immer gerne an ihn erinnern. Doch jetzt beginnt ein neues Kapitel.

Und ich bin endlich ICH selbst- einfach glücklich.

Ich war Leonard Anders

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.