1968 wurde ein Gesetz verabschiedet. Das Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeiten Gesetz, auch Dreher-Gesetz genannt. Das ermöglichte dass viele Kriegsverbrecher und Nazis nicht mehr bestraft werden konnten. Sie wurden größtenteils als Mordgehilfen also Totschläger eingestuft. Totschlag verjährt nach 20 Jahren. Deswegen können Menschen, die früher barbarische Taten begingen nicht mehr bestraft werden. Das Gesetz schützt sie. Die Opfer jedoch wurden und werden nach wie vor verhöhnt.

Der Schaden ist immens, eine ganze Gesellschaft lebte und lebt immer noch unter Selbstverdacht. Ja manche Menschen fühlen sich schuldig. Sie tragen das, was ihre Vorfahren taten teilweise noch in sich.

Wie bewiesen wurde, wird vieles über die Gene weiter vererbt. Das heißt die stressbedingten Veränderungen, die in posttraumatischen Belastungsstörungen, Paranoia oder Persönlichkeitsstörungen münden, sind durchaus erklärbar. Sie wurden vererbt. Bei manchen mehr, bei manchen weniger.

Nicht umsonst sagt man, dass wir immer noch in der Nachkriegszeit leben, wir also alle Kriegsenkel, Kriegsurenkel oder Kriegsururenkel sind.

Dazu passt dann auch das Zitat von Hape Kerkeling in seiner Biografie „Der Junge muss an die frische Luft“.

Depressionen haben leider auch in den frühen 1970er Jahren noch den alten Beigeschmack von „Minderwertigkeit“, „geistiger Behinderung“ und „Irresein“. Über so etwas spricht man nicht. Das hat es nicht zu geben.

Ich wage zu behaupten, dass meine Mutter durch die muffigen gesellschaftlichen Zustände im Nachkriegsdeutschland in gewisser Weise zu einem späten Opfer der Nazidiktatur geworden ist. Schon 10 Jahre später, Mitte der 1980er Jahre, hätte die Leidensgeschichte meiner Mutter vielleicht eine gute Wendung nehmen können.

Verschleiern, Verdecken und Verdrängen ist eine aus dem Schock über die Nazizeit resultierende Verhaltensweise, die auch meine Generation noch stark geprägt hat.

Darüber redet man nicht- diesen Satz haben vermutlich viele Kinder meines Jahrgangs schon öfters gehört oder gedacht. Dieses seltsame und schädliche Credo des Verschweigens ist in vielen deutschen Familien als gruselige Spätfolge der Schrecken der Nazizeit sogar bis zum heutigen Tage noch seltsam fest verankert.

Heute wissen wir: Man kann und muss in angemessener Form über alles reden.

Die Kultur der allgemeinen Verleugnung offensichtlicher Wahrheiten wirkt auch noch heute in Teilen der Gesellschaft und an verantwortlicher Stelle weiter. Sie sorgt dafür, dass ein ungutes und vermutlich unbewusstes „Terrortrauma“ oder „Kriegstrauma“ in unserer modernen Gesellschaft erhalten bleibt“.

Ja Schweigen ist wohl Missbrauch, zumindest für die, die angeschwiegen werden. Sie verstehen es nicht und fühlen sich dadurch hilflos.

Jedoch kann dieses „beharrliche Schweigen“ auch katatonisch sein. Dieses beharrliche Schweigen kann also auch eine Folge des eigenen seelischen Missbrauchs sein, der früher mal erlebt wurde und jetzt situativ getriggert wird, gerade bei enormen Stress und belastenden Ereignissen. Die Auslöser können dabei sehr minimal sein und kaum wahrnehmbar in Erscheinung treten.

Katatonie äußert sich in unnatürlichen und stark verkrampften Haltungen bzw. Verhaltensweisen des ganzen Körpers bzw. der Person. Es wird dabei zwischen hypokinetischen [„hypo…“ = ein Weniger, ein Zuwenig an …] und hyperkinetischen [„hyper…“ = ein Mehr, ein Zuviel an …] unterschieden.

  • Stupor (Starre des ganzen Leibes)
  • Mutismus (beharrliches Schweigen)
  • bizarre Haltungsstereotypien (längeres Verharren in einer Körperhaltung auch bei äußeren Versuchen der Veränderung)
  • Flexibilitas cerea (wachsartiger Widerstand der Muskulatur bei passiver Bewegung)
  • Negativismus (Widerstand gegenüber allen Aufforderungen oder Versuchen, sich zu bewegen – oder stattdessen Bewegungen, die das Gegenteil der Aufforderung ausführen)
  • Katalepsie (Beibehaltung der Körperstellung nach passiver Bewegung)
  • sehr erhöhte psychomotorische Erregung
  • Bewegungs- und Sprachstereotypen (dauerndes und scheinbar sinnfreies Wiederholen von Bewegungen oder von Sprachanteilen ohne äußeres „Vorbild“)
  • Echopraxie/Echolalie (dauerndes und scheinbar sinnfreies Nachahmen von Bewegungen oder von Sprachanteilen)
  • Manierismen (sonderbare, „karikaturhafte“ Darstellung alltäglicher Gestik, Mimik).

Die Krankheitsvariante kann unter anderem aufgrund einer fehlenden Wasser- und Nahrungsaufnahme lebensbedrohlich sein.

Schweigen ist nicht bloß Missbrauch

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