Manchmal mag ich mich, meistens aber nicht. Anderen erzähle ich aber immer, dass ich mit mir im Reinen bin. Wer gibt schon gerne zu, sich selber zu hassen?

Nach außen hin will ich also immer den Schein wahren. Ich möchte niemandem zeigen, wie schlecht es mir wirklich geht. Erstens will ich niemandem zur Last fallen und zweitens habe ich nicht immer das Gefühl, dass man mich versteht. Drittens bin ich manchmal der Meinung, es besser zu wissen als andere, und viertens möchte ich nicht schwach sein, sondern zeigen, dass ich die Kontrolle habe. Manchmal kann ich weder Mitgefühl noch Verständnis für die Probleme meiner Umwelt aufbringen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich die Probleme anderer oft nicht als so ernst und wichtig einstufe wie die meinigen. Deswegen wirke ich wohl auch so narzisstisch. Mitgefühl und Verständnis sind nicht immer das Gleiche. Wenn mir jemand Verständnis entgegenbringt, dann bestätigt er mir, dass mein Gefühl berechtigt ist. Wenn mir jemand Mitgefühl entgegenbringt, weiß er auch, wie ich mich fühle. Ich traue aber niemandem zu, sich wirklich in mich einzufühlen. Generell traue ich den meisten Menschen in meinem Umfeld nicht allzu viel zu. Immer dann, wenn ich ehrlich war oder Verantwortung abgegeben habe, wurde ich verletzt.

Des Weiteren war es so, dass ich als Jugendlicher oder als junger Mensch, sei es als Klassensprecher, als Mediator (Streitschlichter) oder einfach nur als mitfühlender Mitpatient, anderen mehr gegeben als erhalten habe. Ich habe anderen immer geholfen, aber selber nie die Hilfe erhalten, die ich brauchte. Ich habe immer nur zugehört. Mein Ventil waren meine schlauen Texte, die die Person, an die sie eigentlich gerichtet waren, niemals gelesen hat – meine Mutter! Ich bekam dafür von anderen ganz viel Anerkennung. Frauen bewunderten mich. Aber ich konnte das nicht annehmen. Ich habe mir nichts anderes gewünscht, als dass meine Mutter einmal sagt, dass sie stolz auf mich ist und mich lieb hat, wie ich bin. Von anderen konnte ich es nicht annehmen. Wenn andere so was zu mir sagten, habe ich sie oft vergrault.

Mein Vater meinte, dass Ehrlichkeit mir gegenüber nichts Schlechtes sei und dass ich mir selbst gegenüber auch gnadenlos ehrlich sein dürfe. Andere könnte ich mit einer solchen Ehrlichkeit ihnen gegenüber aber vor den Kopf stoßen. Er hat recht damit. Und damit löst sich auch ein Teil meiner Angst. Ich muss nicht alles erzählen. Ich kann was weglassen. Ich darf nur nichts hinzufügen. Die Umsetzung fällt mir aber immer sehr schwer. Das goldene Mittelmaß ist für mich nicht immer greifbar. Dass mich deshalb andere ablehnen, ist verständlich. Manchmal will ich aber auch zu viel und das auch noch zu vehement. Ich will es um jeden Preis. Manchmal ist weniger mehr. Wenn ich versage, werte ich mich ab. Wenn andere mich ablehnen, habe ich die Bestätigung, nicht liebenswert zu sein. Und manchmal suche ich sogar die Bestätigung, nicht liebenswert zu sein. Zum Beispiel wenn ich eine Frau kennen lerne und sie am Anfang idealisiere. Dabei wünsche ich mir oft nichts anderes, als der Frau als liebenswert zu erscheinen. Ich will bedingungslos geliebt werden. Dafür muss ich mich selber aber auch bedingungslos lieben können, und ich glaube, das ist meine Krux.

Des Weiteren, glaube ich, hängt das Ganze viel mit meinem Selbstbild zusammen. Ich mag mich nicht besonders, will aber von anderen gemocht werden. Ich wirke oft unsympathisch, und meine Fähigkeit, empathisch zu sein, kommt dabei auch nicht zur Entfaltung. Ich entspreche somit dem Bild eines gefühllosen Narzissten, der ich eigentlich nicht bin und auch nicht sein will. Dadurch, dass ich mich selber aber nicht sonderlich mag, scheine ich genau das auch auszustrahlen.

Natürlich bin ich sehr verletzlich, vor allem in Bezug auf „mein Äußeres“. Ich weiß, dass ich nicht hässlich bin, und ich weiß ebenso, dass ich nicht auf der Welt bin, um allen zu gefallen. Vermutlich ist dadurch, dass ich in der Kindheit oft gehänselt wurde, bei mir eine verzerrende Sehnsucht danach entstanden, von allen gemocht zu werden, und das um jeden Preis. Vielleicht ist das zu viel verlangt. Man kann nicht von jedem gemocht werden, genauso wie man nicht jeden mögen kann. Manchmal passt es einfach nicht. Diese Erkenntnis muss ich verinnerlichen, auch wenn sie schmerzt. Ich will es immer allen anderen recht machen. Dabei muss ich es doch erst einmal mir selber recht machen.

Ehrlich gesagt finde ich mich scheiße und ertrage es nicht, wenn andere nett zu mir sind, weil ich es nicht gewohnt bin bzw. auch nicht mehr wahrnehme und denke, die wollen mir was Böses, wie früher, als ich, lebhaft wie ich war, dauernd auf die Fresse bekam und es damit begründet wurde, dass ich scheiße sei und ein Opfer. Meine Mutter hat mich ebenfalls nicht akzeptiert, wie ich bin, und mir meine Erfolge und meine Freude sowohl missgönnt als auch madiggeredet. Irgendwann dachte ich, ich müsse scheiße sein, warum sonst sollten die das alle sagen? Auch hatte ich oft das Gefühl, dass es nicht reicht. Ich war es gewohnt zu kämpfen. Deswegen mache ich mehr als andere und lasse mich ausnutzen und wundere mich am Ende darüber, ausgelaugt zu sein. Eigentlich bin ich ein Lieber, zumindest bekomme ich heutzutage öfters diese Rückmeldung, kann das aber nicht annehmen, weil ich denke, dass ich scheiße bin und die anderen es nicht ernst meinen.

Bekomme ich gutes Feedback, mache ich es mir selber kaputt, weil ich die Bestätigung brauche, scheiße zu sein. Ich kenne es ja nicht anders. Es muss scheiße sein. Eine Alternative dafür kenne ich nicht. Also bin ich immer doof, wenn ich jemanden mag und der mich auch mag, damit dieser jemand mich scheiße findet, und ich mache alles dafür, dass das passiert.

Beitrag von Leonard Anders

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Der ewige Hunger nach Anerkennung

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