Oder weiß man das eigentlich nicht so genau?

Fakt ist doch… Narzissten sind immer die anderen. Die eigene Position wird ungern dazu gezählt und die, die sich dazu zählen, wissen es und reden nicht darüber. Narzissmus betrifft uns alle. JEDER Mensch hat narzisstische Züge/Anteile in sich. Aber auch beinahe jeder, wird das niemals laut in der Öffentlichkeit bejahen. Narzissmus ist in gewisser Weise ein Reizthema. Jeder will ganz genau wissen, was das ist, sieht dies auch gern bei anderen Menschen, aber bei sich selbst wird es tabuisiert. „Nein ich bin kein Narzisst- das sind immer die anderen“.

Jedoch die Frage die sich mir dann stellt ist: „Wenn das jeder sagen würde, wäre dann auch jeder ein Narzisst?“

Ganz gewiss nicht. Aber warum sehen wir den Narzissmus nur bei anderen? Warum fangen wir nicht bei uns selbst an und hinterfragen oder reflektieren uns? Warum stellen wir uns nicht selbst die Frage: „Wie viel Narzisst steckt in mir?“

Kurze Zwischenfrage. Was dachten Sie eigentlich, als sie das letzte Mal vor dem Spiegel standen? Und falls sie einen Gedanken hatten, war dieser dann bewusst?

Wenn es um weniger negativ konnotierte Gedankenkonstrukte geht, wie Achtsamkeit, Selbstliebe, Selbstwertregulation oder Nächstenliebe geht, sind viele Menschen sofort Feuer und Flamme und melden sich dazu. Beim Thema Narzissmus jedoch, halten sich die Menschen gerne zurück und wenn, dann beschuldigen Sie andere. Sie sind mit der Aufmerksamkeit voll und ganz beim Gegenüber. Sie sind fokussiert auf den anderen. Sie rauben sich selbst die Energie, wofür sie jedoch den anderen verantwortlich machen.

Klar ist es jetzt sehr einfach von Rollenumkehr zu sprechen oder Schuldumkehr. Nützt uns das jedoch etwas? Ja klar. Die Nichtanerkennung der eigenen Anteile sind reiner Selbstschutz. Und Selbstschutz ist etwas legitimes. Jedes Symptom ist auch eine Lösung. Also hat jeder Selbstschutz (oder auch Widerstand) eine Funktion. Wer stigmatisiert sich gerne selbst?

Viele Menschen haben Angst- Angst vor Abgrenzung, Angst vor Ablehnung, Angst nicht gut genug zu sein, Angst nicht geliebt zu werden. Und oft ziehen diese Menschen dann andere an, die ihnen genau das spiegeln, jedoch meistens spiegelverkehrt, also eher projizierend und nicht reflektierend. Können wir jede Fremdwahrnehmung zulassen? Können wir alles, was von außen kommt annehmen?

Manchmal ist das was uns gespiegelt wird zutreffend, manchmal jedoch ist es auch ein riesen großes Missverständnis.

Dicht dahinter steht die Angst und noch weiter dahinten, die schon fast vergessen geglaubte Selbstliebe. Und wenn man diese Tatsache bedenkt, ist es auch verständlich, dass von einer hohen Dunkelziffer gesprochen wird, der (nicht) diagnostizierten Narzissten, die laut ICD-10 lediglich mit lediglich 1-2% der Bevölkerung beziffert wird. Kann es aber vielleicht auch anders sein? Also kann auch eine andere Aussage oder Vermutung darüber getroffen werden? Oder sind alleine nur die Zweifel der Prozentzahl realitätsnah?

1993 kam ein neuer Begriff auf den Markt. Der bedeutende Psychologe Heinz Leymann brachte somit viele Steine ins Rollen. Genauer gesagt wurde von einem Phänomen gesprochen, was Einzug in die Wissenschaft fand, auch wenn dieser Begriff seitdem noch keine Anerkennung im Gesetzbuch oder in der ICD bekam. Die Rede ist von „Mobbing“ oder „Bullying“. Im Laufe der Zeit wurde dieser Begriff um viele weitere Begriffe erweitert, die dieses Phänomen näher erörtern oder umschreiben. Warum ich das an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen möchte?

Auch die Opfer von Mobbing zeigen im Verlauf Persönlichkeitsveränderungen auf, die im Außen einer Persönlichkeitsstörung gleichen. Es liegt aber keine Persönlichkeitsstörung vor, sondern eine komplex posttraumatische Belastungsstörung. Professor Michael Linden von der Berliner Charite gar bezeichnete die Spätfolgen von Mobbing als Posttraumatische Verbitterungsstörung. In seiner Fachabteilung in der Berliner Charite behandelt er speziell Menschen, die Opfer von Mobbing wurden. Zahlreiche Patienten wären woanders als Narzissten, Menschen mit Paranoia, Borderline oder der selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung diagnostiziert worden. Er bezeichnete die Verhaltensveränderungen als logische Folge von schwerer psychischer Gewalt in der Schule oder am Arbeitsplatz.

Diese weitreichenden Persönlichkeitsveränderungen wurden 2009 von Gerald Hüther und Rudi Ballreich in ihrem Buch „Du gehst mir auf die Nerven“ publiziert und gelten seither als Maßstab in den Ausbildungen zum Mobbingberater oder Mediator.

Zu den aufgeführten Veränderungen gehören u.a.

  • Selektives Wahrnehmen der Konfliktereignisse
  • Übersehen, Filtern, Überhören, Verzerren
  • Tunnelblick, eingeschränkte Perspektive
  • Kognitive Kurzsichtigkeit: Nur das Naheliegende wird gesehen
  • Denkmuster und Glaubenssätze bestimmen das Wahrnehmen: Ich sehe, was ich denke
  • Verlust der Besonnenheit
  • Verallgemeinerungen, Pauschalisierungen
  • Vorurteile und fixierte Bilder von sich, von den Feinden und von der SAituation
  • Dichotomes Denken (Selbstbild Engel- Feindbild Teufel)
  • Zuschreibungen, Verdächtigungen
  • Kurzschlüsse, willkürliche Schlussfolgerungen
  • Missverständnisse durch Fehlinterpretationen des Verhaltens anderer
  • Das eigene Denken wird verabsolutiert (So wie ich es sehe, ist es richtig!!!)
  • Bedrohungserlebnis: Angst als Basisemotion, Erleben von Ohnmacht
  • Empfindlichkeit, Hochsensibilität, Unsicherheit, Misstrauen
  • Desensiblisierung, Schutzpanzer der Unempfindlichkeit (emotionale Kälte)
  • Abspaltung von Gefühlsbereichen wie Empathie (erschwerend kommen Wutausbrüche hinzu)
  • Verlust der Empathiefähigkeit
  • Abkapseln der Gefühle im eigenen Inneren
  • sozialer Autismus

Wer sind die Mobber, die anderen Menschen diese Qualen zufügen? Sind diese Mobber vielleicht die eigentlichen Narzissten, die anderen Menschen mit voller Absicht seelische Gewalt antun? Ist das vom System tatsächlich so gewollt? Manche sprechen von der Macht der Gier der Gesellschaft. Die Reichen haben Angst um ihren Reichtum und machen aus diesem Grund die Ärmeren noch ärmer. Und die Politik interessiert sich dafür nicht. Schulen übrigens auch nicht, denn der Ruf könnte ja in Gefahr geraten, wenn dort ein Projekttag in Punkto Mobbingprävention veranstaltet wird. Der österreichische Psychiater Prof. Dr. Reinhard Haller sagte in seinem Buch „Das ganz normale Böse“, dass dies in jedem Menschen vorhanden sei. Aber dass jeder Mensch auch dafür verantwortlich wäre dies zu kontrollieren, es jedoch manchmal nicht viel erfordert um es ans Tageslicht zu befördern.

Mobbing findet ja jetzt nicht nur auf Schulhöfen statt oder am Arbeitsplatz, sondern auch im Internet. Die Hetze gegenüber Narzissten, der inflationäre Missbrauch des Narzissmusbegriffs und die gleichzeitige Diffamierung von seelisch erkrankten Menschen´, könnte als der wahre Narzissmus bezeichnet werden oder eben als das, was es ist. Projektion der eigenen Unzulänglichkeiten und Schatten auf x-beliebige Menschen, die möglicherweise nur ein Merkmal erfüllen, was sonst nur den Narzissten zugeschrieben wird. „Hohe Leistungsbereitschaft, hohe Arbeitsmotivation, stetig gute Leistungen (Strebersyndrom) und der Hang zum Helfersyndrom“. Nur wurde auch schon bewiesen, dass diese Vier Attribute nicht nur Narzissten erfolgreich machen und beliebt (charmant) erscheinen lassen, sondern auch gesunde Menschen, die ihre Mitte gefunden haben.

Und was auch bewiesen wurde. JEDER kann zum Opfer werden. Und unter gewissen Umständen auch jeder zum Täter. Denn auch Mitläufer sind in meinem Dafürhalten so etwas wie Täter.

Man könnte meinen, wir leben tatsächlich in einer angstgesteuerten Gesellschaft, beherrscht von der dunklen Triade, den Narzissten, Sadisten, Antisozialen und Marchivalisten, wobei Mediziner sagen, dass man reine Narzissten nicht dazu zählen kann, sondern eher die, die nicht nur narzisstisch sind, sondern auch antisozial. Jedoch wird das von den Medien oft nicht erwähnt. Nein, lieber wird das Wort „Narzisst“ pauschal auf jeden verwendet, der eine hohe Leistungsbereitschaft hat und ein wenig selbstverliebter in Erscheinung tritt. Früher nannte man selbstverliebte Menschen im Übrigen nur eitel. Das lag wohl am Pony oder Mittel- bzw. Seitenscheitel. Der musste ja früher besonders gut in Schuss sein um gut anzukommen um nicht den Spruch zu kassieren „Also deinen Friseur würde ich verklagen“ oder „Gibts dich auch in schön?“

Wenn man jetzt wissen will woher das ganze kommt, der möge bitte an die Hitler und später auch die Stasizeit denken, wo dieses Verhalten massiv gefördert wurde. Schwarz-weiß Denken. Verrat, Freund oder Feind. Leben oder Tod. KZ oder selber morden. Diverse sozialpsychologische Experimente und Studien haben im Übrigen bewiesen, dass unter bestimmten Voraussetzungen jeder Mensch alles sein kann. Also wie aus Freunden Feinde wird.

Nur 2% Narzissten? Wahr oder unwahr? (Mobbing vs. Narzissmus)

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