Jeden Tag geschehen Dinge, auf die wir Menschen unterschiedlich reagieren. Die einen fühlen mit, die nächsten leiden mit, wiederum andere lässt das scheinbar völlig kalt (ob es sie wirklich kalt lässt, weiß jedoch kein Mensch). Menschen empfinden also vollkommen unterschiedlich und zwar auf alles was ist. Manche finden Flachwitze lustig. Andere lachen bei besonders schwarzem Humor und manch einer ist sogar humorbehindert, dafür aber zornbegabt, also hochsensibel bzw. hochverletzlich für Stimmungen jeglicher Art, manchmal sogar sehr ich-bezogen, übergriffig-gerechtigkeitsliebend, stark mitfühlend für andere, aber relativ wenig mitfühlend für sich.

ABER ALLE SIE, ICH, WIR, DIE haben eines gemeinsam. Die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar, also alles darf sein, auch wenn es für manch einen nicht nachzuvollziehen ist. Jedes Gefühl, jede menschliche Regung ist berechtigt. Selbst Geiz darf sein, ebenso Sparsamkeit. Nicht umsonst gibt es die Meinungsfreiheit. Ausnahme ist Gewalt, also der Angriff auf die körperliche und seelische Unversehrtheit. Niemand darf aufgrund seiner Herkunft oder Zugehörigkeit jeder Art entmenschlicht und damit als Objekt zur Schau gestellt werden. Denn wenn ich das tue, bin ich dann noch im Recht? Oder übe ich Vergeltung? Und was bringt mir das? Welchen Nutzen habe ich davon? Verhalte ich mich dann selbst noch genau so, wie ich es mir von anderen wünsche oder gar erwarte?

Vor 40 Jahren musste auch vor Gericht darum gekämpft werden. Otto Schily unser ehemaliger Bundesinnenminister ist selber Rechtsanwalt und verteidigte die R.A.F Terroristen. Er bekam viele Anfeindungen, genauso wie die Anwälte von Anders Breivik, dem Massenmörder von Oslo und die Anwälte von Beate Zschäpe, denen es allen im Übrigen nur um einen würdevollen, also fairen Prozess ging. Kaum ein Mensch wollte verstehen, dass auch Terroristen und andere Straftäter Menschen sind, die eine Würde besitzen. Otto Schily glaubte an das Recht. Und er glaubte an den Menschen. Je mehr Würde man einem Menschen lässt, desto höher die Hoffnung und gleichzeitig auch Chance, dass auch dieser Mensch irgendwann zu sich findet, sofern er von seinem Weg abgekommen ist und anderen geschadet hat.

Deswegen sind sämtliche Public Shaming Aktionen, oder Victim Blaming Taten, sowohl vor Gericht als auch im Internet in meinen Augen total sinnfrei. Mehr noch, darf die Frage gestellt werden ob dem Opfer damit geholfen ist, wenn alle sich auf den Täter stürzen. In der öffentlichen Berichterstattung kann schnell der Eindruck entstehen, dass Täterschutz wichtiger ist, als Opferschutz. Beides ist von gleicher Wichtigkeit.

Im Internet dagegen lese ich auf vielen Seiten von ohnmächtigen Menschen, die eine Tat derart triggert, berührt oder belastet, dass sie um sich schießen, sich mit dem Leid anderer identifizieren/ solidarisieren und jeden würdelos beleidigen, der anderer Meinung oder Ansicht ist. Sprich der Täter verdient keinen Respekt. Aber rechtfertigt es das, dass ich deswegen selber zum Täter werde?

Und ist es tatsächlich auch zielführend jemanden zu einer anderen Meinung oder Einstellung zu zwingen? Ich habe gelernt dass ich am besten mit Argumenten überzeugen kann, statt mit lauten Gedanken. Argumente sind für mich so etwas wie Bedürfnisse. Und ein Bedürfnis kommt in der Regel aus dem Herzen.

Wie also können wir trotz der Ereignisse die jeden Tag passieren, versuchen die Würde des Menschen zu erhalten ohne unser Mitgefühl dabei abzuspalten? Indem wir alle und jeder für sich, liebevoll zu uns selbst und damit auch liebevoll zu anderen sind. Das heißt ich denke zuerst an mich. Wenn das jeder täte, wäre an jeden gedacht. Es ist also keinesfalls egoistisch zu sagen, was ich fühle. Es ist aber egoistisch anderen dies zu verbieten. Ja jeder Mensch verdient es angehört zu werden, mag es noch so sehr großen Widerstand in uns auslösen. Selbst ich lerne jeden Tag dazu, weil ich nicht zu allem, was ich lese, höre oder wahrnehme in Resonanz gehe. Dieser Widerstand hat aber ganz alleine mit mir selbst zu tun. Niemand außer mir kennt meine verletzliche Seite, sofern ich diese niemandem offenbare, mich also maskenfrei zeige.

Ohne Masken keine Waffen. Ohne Waffen pures Leben. Leben= Liebe

Legen wir also alle unsere Masken nieder und öffnen uns dem Guten. Denn auch wenn es manchmal nicht so scheint, verbirgt sich selbst hinter einer Missetat etwas Gutes und sei es nur die Vergebung, mit der wir alle dazu beitragen können, dass die Würde erhalten bleibt, ohne das unser Mitgefühl für uns selbst und andere abgespalten wird.

Wie wir die Würde des Menschen erhalten, ohne dabei unser Mitgefühl abzuspalten

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