Die Vorstellung, dass ein schöner Prinz in Rüstung und auf edlem Ross dahergeritten kommt, um seine Prinzessin mit einem Kuss ins Leben zurückzuholen wie bei Dornröschen oder das triste Leben einer Küchenmagd zu beenden wie bei Aschenputtel, muss zwar schön sein, es passiert aber nie oder nur selten.

Das Cinderella- bzw. Aschenputtel-Syndrom wurde von Colette Dowling erforscht, die auch ein Buch mit dem Titel Der Cinderella-Komplex: Die heimliche Angst der Frau vor der Abhängigkeit geschrieben hat.

Dem Märchen nach soll eine Frau unschuldig, schön und unterwürfig und natürlich von ihrem „Prinzen“ abhängig sein. Bei Aschenputtel verwandelt eine gute Fee das Mädchen in eine Prinzessin, um ihren Prinzen auf dem Königsball zu treffen. Dowling zufolge kann eine Frau nur dadurch ihren Lebensweg ändern, indem sie mit einem Mann eine Beziehung eingeht, andernfalls bliebe sie ewig eine Sklavin oder Dienerin.

Viele Frauen denken nun, dies wäre ein Angriff auf die weibliche Existenz, weil Frauen heutzutage bei all ihren Aktivitäten unabhängig sein wollen. Andererseits sind sie der Meinung, dass es nicht schlecht wäre, wenn der Mann beispielsweise das Geld nach Hause bringen würde, während sie sich um Heim und Kind kümmerten. Ein langer Kampf um Gleichberechtigung hat es den Frauen ermöglicht, heute emanzipiert leben und gleichberechtigt ihren Rechten und Pflichten nachgehen zu dürfen. Diejenige, der dies jedoch zu viel erscheint, möge sich einen erfolgreichen Narzissten angeln, der viel Geld nach Hause schleppt, aber emotional eher chauvinistisch ist, weil er ganz in diesem Sinne, wenn auch von der anderen Seite her, geprägt worden ist: die Frau hinterm Herd, der Mann auf dem Pferd.

Kann das wirklich Liebe sein?

Wenn Mann und Frau heiraten, haben beide weiterhin das Recht, für ihre Träume und Ziele zu kämpfen und sie zu verwirklichen. Das Aschenputtel-Syndrom besagt jedoch das Gegenteil: Die Frau unterwirft sich und bleibt zu Hause, während sie sich von ihrem Mann „beschützen und versorgen“ lässt. Willkommen in der Abhängigkeit. Andere Meinungen sagen wiederum, dass diese Störung ein Vorbote von Borderline-Narzissmus oder der gravierenden Form des weiblichen Narzissmus gepaart mit Histrionie sei. In flottem Märchenton: „Ich bin die eine, sonst gibt es keine, kommt da noch eine, mach ich ihr Beine!“ Oder anders gesagt: Mein Mann gehört mir, er darf mich nie verlassen.

Bei diesem Denken wird sich der Mann allerdings irgendwann freischlagen und sich als Tyrann auf irgendwelchen Opferseiten wiederfinden, da die Frau sich weiterhin als unschuldige Prinzessin sieht, die ihren Traumprinzen ja nur lieben wollte. Sie sagt von sich, sie sei eine Emphatin oder HSPlerin und ganz normal, der Mann hingegen asozial und brutal, das Leben mit ihm eine Höllenqual. Solche Frauen haben ihre Fühler für ihre Beute hoch entwickelt und fahren die Krallen aus, um den Mann zu erobern und ihn nie wieder gehen zu lassen. Er hat ihren Vorstellungen und Wünschen zu entsprechen; tut er dies nicht, fahren erneut die Krallen aus, und die Frau sucht im Netz in diversen Opfergruppen Zustimmung und wertet ihn mit der Modelaiendiagnose „Narzisst“ ab, weil er nicht für ihre Liebe empfänglich und undankbar war und es von den Symptomen so schön stimmig ist.

Infolge der nicht erhaltenen Sonderbehandlung als Prinzessin, die die beschriebenen Frauen ihrer Meinung nach verdienen, gibt es heute plötzlich unzählige Narzissten und noch mehr Opfer. Da soll noch mal jemand sagen, dass es nur selbstverliebte Narzissten gibt. Es gibt eben auch genug selbstverliebte Narzisstinnen oder dependente Co-Narzisstinnen, die sich als Heimchen am Herd sehen wie im Mittelalter, ohne zu bedenken, dass sie eigentlich das Gleiche machen, was sie ihrem Mann vorwerfen.

Sobald sich eine Frau von ihrem Mann abhängig macht – was oft nicht einmal bewusst geschieht –, entsteht für beide eine äußerst einengende, oft die Luft zum Atmen raubende Situation. Dieser Komplex einer „Prinzessin im höchsten Turm, die auf ihren Prinzen wartet, der sie rettet“, kann zu einer wahren Belastungsprobe in der Ehe bzw. der Beziehung werden. Das Beziehungsleben ist nun mal keine Märchengeschichte. Wenn die Frau nicht in der Lage ist, Selbstsicherheit zu verspüren und eigene Entscheidungen zu treffen, wird es für keinen der Partner ein Happy End geben – weder für sie in ihrer Opferrolle noch für ihn als Narzissten, der nicht in der Lage ist, sich zu lieben, geschweige denn jemand anders.

Es fängt ja schon bei der Bräutigamsuche an. Sie datet nur Männer, die das nötige Kleingeld haben, um zu bezahlen. Das ist ihre Bedingung, um sich mit ihm zu treffen. Er hat die Hosen an und sie nur einen Rock. Und ja, es gibt tatsächlich auch männliche Cinderellas. Meistens Einzelkinder, die von ihren Eltern verwöhnt wurden und alles in den Hintern geschoben bekamen. Materielle Versorgung statt Wärme und Geborgenheit.

Und muckt der Mann dann irgendwann mal auf, wird er als undankbar betitelt. Er hatte doch alles! Es hat ihm an nichts gefehlt. Alles? Sind Liebe, Wärme und Geborgenheit wirklich das Gleiche wie Geld und Schokolade?

© Leonard Anders aus „Ein Narzisst packt aus“

Das Aschenputtel- Syndrom

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