Es gibt Ratgeber zu der Frage, wie man sich von einem Narzissten trennt oder wie man sich ihm gegenüber verhalten soll. Ebenso wird in vielen Internetforen oder Gruppen bei Facebook darüber diskutiert, wie man mit seinem narzisstischen Partner umgeht bzw. wie er mit einem selbst umgegangen ist. Darin findet man aber häufig nichts zum Umgang mit sich oder seiner eigenen narzisstischen Bedürftigkeit, die vor der Beziehung schon vorhanden war und/oder während der Beziehung gefüttert wurde. Leider sind solche Ratgeber oder Gruppen wenig hilfreich, wenn es darum geht, selbst zu reflektieren. Der Narzisst wird häufig oder gar immer als der böse Teil in der Beziehung bzw. als Täter dargestellt, obwohl es niemals seine Absicht war, böse zu sein, es sei denn, er ist maligne, aber dann liegt bekanntlich nicht bloß eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vor. Die Frau dagegen ist das Opfer, obwohl sie eigentlich während der Beziehung als Co-Narzisstin in Erscheinung trat bzw. zur Co-Narzisstin wurde.

„Warum war ich so lange mit dem Narzissten zusammen? Warum habe ich mich manipulieren lassen? Ich hätte mich schon viel früher trennen können, aber ich konnte nicht – warum?“ Diese Fragen werden nicht beantwortet, geschweige denn überhaupt gestellt. Als Opfer ist es wunderbar einfach, die alleinige Schuld beim Täter zu suchen, denn Selbstreflexion ist zu anstrengend und teilweise auch gar nicht mehr möglich. Wut ist ein wichtiger Bestandteil des Trauer- und Verarbeitungsprozesses. Leider wird diese „narzisstische“ Wut sehr oft am falschen Ort gegen das falsche Objekt gerichtet. Jeder Mensch hat erwiesenermaßen narzisstische Anteile in sich, aber nicht jeder Mensch ist dadurch im Sinne des ICD-10 an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung erkrankt. Viele Narzissten sind sich oftmals nicht bewusst, dass sie daran erkrankt sind und ihr Umfeld unter ihnen leidet. (Ich bin normal, weil ich es nicht anders kenne.)

In der „narzisstischen Kollusion“ treffen sich Narzisst und „Co“- bzw. „Komplementärnarzisst“ zur wechselseitigen Befriedigung ihrer Bedürfniswelten. Während der eine die Bewunderung, Verehrung und Bestätigung genießt, fühlt sich der andere durch die demonstrierte Grandiosität und gegebenenfalls durch die materiellen Erfolge des Partners mit aufgewertet. Dabei hat der Co-Narzisst meistens die gleichen seelischen Probleme (hohe Kränkbarkeit, Sehnsucht nach Akzeptanz, Liebe und Verständnis), wählt nur einen anderen Weg, um sein Defizit zu stillen. Er identifiziert sich mit dem überlegenen Partner, um über die Zugehörigkeit zum Idealisierten eine Aufwertung der eigenen Person zu erfahren. Daher müssen der Glorienschein erhalten und Mängel ignoriert oder ausgeglichen werden. (Ich liebe ihn doch!)

Der Komplementärnarzisst (oder auch der regressive Narzisst bzw. die dependente Persönlichkeit) empfindet die eigennützige Behandlung zunächst nicht als eine Zurücksetzung, sondern verspürt eine große Genugtuung, dem anderen zu Diensten zu sein und ihm dadurch Freude zu bereiten. Er will es dem Narzissten in jeder Hinsicht recht machen und ärgert sich oder klagt sich selbst an, wenn ihm dies nicht gelingt. Er opfert sich auf und lässt sich dadurch emotional missbrauchen. Und das bedeutet hier: Das Muster der Kindheit wird bedient, das Selbstbild genährt, die Glaubenssätze bestätigt.

Helfen können nur Menschen, die selbst keine Hilfe (mehr) benötigen. Das ist wie im Flugzeug: Bei den Sicherheitseinweisungen erklärt die Stewardess jedes Mal ausdrücklich, dass im Notfall jeder Mensch zuerst sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen soll, bevor er bedürftigen Mitmenschen hilft. Dies gilt immer. Sich aufopfern, bis einem selbst die Puste ausgeht, führt nur dazu, dass alle Schaden erleiden. Die Co-Narzisstin erwartet in diesem Fall Dankbarkeit. Doch ihr Partner denkt, dass sie dies tut, weil sie ihn liebt, und dafür muss man sich nicht bedanken.

Die Idealisierung innerhalb einer Beziehung hat viel mit der Beziehung des Narzissten zur eigenen Mutter zu tun. Der Narzisst (oder auch das kleine Kind) denkt, er bekomme nur unter bestimmten Voraussetzungen die Liebe und Anerkennung seiner Mutter, und unterdrückt somit seine eigenen Gefühle. Er bekommt den Eindruck vermittelt, dass sich echte Gefühle wie Trauer oder Wut nicht lohnen oder dass die eigene Verletzlichkeit nicht gern gesehen wird. Andersherum ist das Kind dazu da, die narzisstischen Anteile der Mutter zu füttern, um dadurch die benötigte Aufmerksamkeit zu erfahren. Um das Bild der Liebe der Mutter zu schützen, idealisiert der Narzisst seine Mutter und lässt keine negativen Gefühle zu oder verleugnet ihre Fehler; er bekommt die Liebe von seiner Mutter nur, wenn er ihren Erwartungen entspricht und auf seine Bedürfnisse keinerlei Rücksicht nimmt. Dieses Abhängigkeitsverhalten überträgt sich dann am Ende auch auf die Partnerin oder Co-Narzisstin. Der Narzisst tut am Anfang alles, um die Liebe seiner Partnerin zu erhalten. Er umgarnt sie mit viel Charme. Die Partnerin genießt die Aufmerksamkeit und Bestätigung ihres Partners in vollen Zügen. Gleichzeitig aber hat der Narzisst Angst vor einer Einmischung in seine Autonomie, weil er in dem Punkt eine große Verletzlichkeit offenbart. Im Ergebnis erleben die Partnerinnen von Menschen mit hohen narzisstischen Persönlichkeitsanteilen meist ein Wechselbad der Gefühle von Anziehung und Abstoßung. Erobernde Werbung oder kalte Zurückweisung werden danach gesteuert, wo die ersehnte Bewunderung gerade am vielversprechendsten oder am „sättigendsten“ erscheint: ob vom Partner oder in der „freien Wildbahn“. Ist der narzisstische Partner zu lange auf Bestätigungsentzug, wird er schnell zu einem Ausbund an schlechter Laune und ewiger Kritik. Die Partnerin wird emotional entbehrlich, weil sie ungewollt viele Persönlichkeitsmerkmale der narzisstischen Kindsmutter angenommen hat. Gleichzeitig werden ihre eigenen narzisstischen Anteile gefüttert: Sie hat sich an die Bestätigung und Anerkennung gewöhnt. Damit hat die Übertragung bereits angefangen.

Die typischen Partnerinnen von Narzissten (es gibt freilich auch andere) sind bescheidene Menschen, die es gewohnt sind, sich anzupassen und ein geringes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Sie sind von Kindheit an daran gewöhnt, zurückzustehen und entwertet zu werden; sie haben gelernt, ihre eigenen Wünsche nicht so wichtig zu nehmen und sich auf die Bedürfnisse anderer einzustellen. Diese Menschen neigen dazu, ihr Ideal-Selbst, das heißt die Vorstellung davon, wie sie sein möchten, auf einen idealisierten Partner zu projizieren, um sich so mit ihm zu identifizieren und zu einem eigenen akzeptablen Selbst zu gelangen. Die Partnerinnen leben den Modus der Unterwerfung.

An diesem Punkt können sie nicht mehr ohne diese Form der Zuwendung leben und machen sich von ihrem Partner abhängig. Sie tun nun alles, um die Bestätigung ihres Narzissten zu erhalten. Sie unterwerfen sich, oftmals aus Angst vor weiteren Verletzungen oder einer Zurückweisung. Der Narzisst suggeriert seiner Partnerin dann in abwertender Weise, dass sie ohne ihn nicht sein kann, und sie glaubt ihm oftmals. Sie nimmt damit die Rolle des Opfers ein, die der Narzisst in der Beziehung zu seinen Eltern innehatte – mit dem feinen Unterschied, dass die Partnerin kein Kind mehr ist.

Zu einer Partnerschaft gehören allerdings immer zwei – und jeder trägt für das, was er tut und lässt oder was er zu erdulden bereit ist, selbst die Verantwortung. Für Beziehungen, in denen die jeweiligen neurotischen Schwächen der Partner wie Schlüssel und Schloss zusammenpassen, hat der eidgenössische Paartherapeut Jürg Willi den Begriff der „Kollusion“ geprägt.

Man darf nicht unterschätzen, dass der Narzisst ob seines ungehemmten Egoismus auch Schuldgefühle hat. Diese werden jedoch in aller Regel verdrängt oder projiziert bzw. wandeln sich um in Aggression, Kritiksucht und sogar Demütigung des Co-Narzissten. Opfert sich dieser daraufhin noch mehr auf, wird er noch devoter, so verstärken sich wiederum sowohl Schuldgefühle als auch Kritik des Narzissten. Das heißt, er wird umso mehr Täter, je mehr der andere Opfer wird und umgekehrt. Es kann nun sein, dass der Narzisst die abhängige, teils demütige Haltung des kritiklosen Bewunderers als einengend, unwürdig oder gar verachtenswert empfindet oder er einen gesellschaftlich höherwertigen Bewunderer findet, der die Brüchigkeit seines Charme-Repertoires noch nicht durchschaut. Oder es reift beim Co-Narzissten irgendwann der Impuls heran, selbstständiger zu werden. Dann beginnt er, sich gegen die als demütigend erlebte Selbstherrlichkeit des narzisstischen Partners zu wehren, und begehrt gegen dessen kalte Rücksichtslosigkeit auf. Im darauffolgenden Stadium gegenseitiger Schuldzuweisungen bleibt den Betroffenen der entscheidende Erkenntnisschritt in aller Regel verwehrt: dass es erforderlich ist, den aktuellen Konflikt mit den anfänglichen, jeweils beziehungsstiftenden Bedürftigkeiten in Bezug zu setzen. Die meisten diagnostizierten Narzissten haben aus diesem Grund auch den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen, weil die Mutter sich nach wie vor in das Leben des Narzissten einmischt und seine Autonomie mit Füßen tritt, um am Ende ihre eigene Bedürftigkeit nach Anerkennung und Bestätigung zu stillen, während der Narzisst gezwungenermaßen auf seine Bedürfnisse verzichtet, um die Liebe der Mutter nicht zu verlieren. Im Ergebnis benötigen nun beide eine Therapie: der Narzisst wegen seiner Mutter und die Partnerin wegen ihres Narzissten und wahrscheinlich auch wegen der mit in die Beziehung gebrachten Bedürftigkeiten.

© Leonard Anders (Auszug aus seinem Buch „Ein Narzisst packt aus„)

Die narzisstische Kollusion- wenn Narzisst und Co- Narzisst aufeinander treffen

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